Interview: Sebastian Brendel kann nur bei Olympia alle vier Jahre ins mediale Rampenlicht gelangen

Mit dem Spaten genannten Stechpaddel auf Erfolgskurs: Sebastian Brendel, hier im EM-Finale 2015. Archivfoto:  dpa

Kassel. Am 5. August beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele. Wir schauen in diesen Tagen auf Sportler und Helfer und ihre Motivation, an Olympia am Zuckerhut teilzunehmen. Wir blicken zudem zurück auf unsere ganz persönlichen Olympia-Momente.

Olympische Spiele gelten auch als das Festival der Randsportarten. Nur alle vier Jahre haben zum Beispiel auch Kanuten die Chance, einmal ins Fernsehen zu kommen und in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Interview äußert sich Sebastian Brendel aus Potsdam über olympische Perspektiven, zu kurze Momente im Rampenlicht, wirtschaftliche Absicherungen und über das Verhältnis zu den reichen Sportlern.

Herr Brendel, sind die Koffer für Rio schon gepackt?

Sebastian Brendel: Aber nein, wir sind gerade erst zum Trainingslager in Duisburg eingetroffen. Nach Rio fliegen wir erst in zwei Wochen.

Und beim Friseur waren Sie auch schon?

Brendel: Nein, da muss ich noch hin. Warum fragen Sie?

Wer nur alle vier Jahre die Chance hat, ins Fernsehen zu kommen und in den Fokus der Öffentlichkeit, der will doch gut aussehen. Was also ist jetzt anders als sonst, wie ist es mit Interviews und PR-Terminen?

Brendel: Da gibt es deutlich mehr Anfragen als sonst für Videodrehs und Gespräche wie jetzt von Ihnen aus Kassel. Wir freuen uns darüber und wollen die Chance nutzen, unseren Sport populärer zu machen. Das kostet zwar Zeit, ist aber nicht lästig. Da ziehen bei uns alle mit für unseren Sport.

Fällt es in solchen Jahren leichter, persönliche Sponsoren zu finden?

Brendel: Nein. Ich habe zwar einen neuen Sponsor gefunden, aber in erster Linie sichern mich langfristige Partner wirtschaftlich ab.

Konkret: Ist Olympia für Sie also auch aus wirtschaftlichen Gründen besonders wichtig?

Brendel: Natürlich macht es jeder Erfolg leichter, im deutschen Fördersystem das Maximum zu erreichen. Als Bundespolizist und nun auch Beamter auf Lebenszeit habe ich den Vorteil, den Sport in meiner Dienstzeit betreiben zu können. Abgesehen von einem Monat Praktikum pro Jahr. Dank der drei Säulen Gehalt, Sporthilfe und Sponsoring kann ich mit meiner Familie ruhig schlafen und ohne finanzielle Sorgen vom Sport leben.

Was war Ihr Olympia-Gold 2012 monetär wert?

Brendel: Das kann ich nicht in Euro beziffern, aber ich bin zufrieden.

Peanuts - würden Fußballer, Basketballer, Rad- und Tennis-Stars dennoch angesichts Ihrer Summen sagen, oder?

Brendel: Das kann gut sein, ist aber natürlich eine Frage des Maßstabs. Sicher gibt es Sportler, die in einem Monat oder noch schneller das einnehmen, was ich im Jahr habe.

Und es bleiben auch in Rio nur wenige Augenblicke, sich medial zu präsentieren. Ein 1000-Meter-Rennen dauert nicht einmal vier Minuten, ein Sprint nur Sekunden ...

Brendel: Gemessen an einem Fußballspiel ist das nicht viel Zeit, stimmt. Aber wir sind nicht die Leute, die auf dem Sofa sitzen, jammern und auf ein Wunder warten. Unser Problem ist, dass wir maximal drei Weltcups, eine EM und eine WM pro Jahr haben - nicht 34 Bundesliga-Spiele. Fünf Wettkämpfe nur, in denen wir überhaupt auf uns aufmerksam machen können. Da kann uns kein Zuschauer kennenlernen und kaum eine Beziehung zu Fans entstehen.

Gibt es denn ein größeres Vermarktungspotenzial für Kanuten und ihren Sport?

Brendel: Ja. Wir müssen mit unserem Sport näher hin zu den Menschen. Der Citysprint in Hamburg und der Kanalsprint in Potsdam sind Veranstaltungen, die uns in die Städte bringen und vor größeres Publikum. Da geht sicher noch viel mehr. Denn wir haben tolle Typen und tolle Geschichten zu erzählen. Viel mehr, als jetzt bei Olympia transportiert werden kann.

Wie fallen vor diesem Hintergrund die Treffen im Olympischen Dorf mit den Millionären von Tennis und Golf aus?

Brendel: Dafür bleibt leider wenig Zeit. Wir haben nur gut eine Woche, und in der pendeln wir fast nur zwischen Regattastrecke und Quartier. Aber Sportler unterscheiden nicht zwischen arm und reich, wir begegnen uns mit großem Respekt und auf einer Ebene.

Wen möchten Sie gern treffen in Rio?

Brendel: Da bin ich offen, absolut. Aber den Schwimmer Michael Phelps würde ich gern mal sehen und erleben. Das ist ein sehr interessanter Typ und erfolgreicher Athlet.

Vor vier Jahren in London haben Sie den Olympiasieg Ihrer Tochter Hanna (2) gewidmet, weil in der Vorbereitung zu wenig Zeit für sie und die Familie war. Ist das schlechte Gewissen jetzt kleiner?

Brendel: Die Familie kommt immer noch zu kurz. Leider hat sich da wenig geändert. Wegen der vielen Trainingslager bin ich rund 200 Tage im Jahr unterwegs. Hanna versteht das allmählich, und meine Freundin macht das zum Glück mit, sonst ginge es gar nicht. Nach Olympia habe ich hoffentlich wieder mehr Zeit für sie und die Kinder.

Zur Person: Sebastian Brendel (28) vom KC Potsdam stammt aus Schwedt an der Oder. Er paddelt im Renncanadier (C1), war 2012 Olympiasieger über 1000 Meter und fünfmal Weltmeister. Mit Romy Leue, einst Junioren-Vizeweltmeisterin, hat er die Kinder Hanna (*2010) und Edwin (*2013). Der Bundespolizist mit Gardemaß (1,92 m; 92 kg) startet in Rio im C1 am 15./16. August und im Zweier-Canadier (C2) mit Jan Vandrey aus Potsdam am 19./20.8.

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