Zweifel an Rolle von Reedie und Coe im Doping-Skandal

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Sebastian Coe war von 2007 bis 2015 Stellvertreter von Lamine Diack. Foto: Facundo Arrizabalaga

In einem sind sich alle einig: Die Doping-Enthüllungen in der Leichtathletik sind einer der größten Skandale der Sportgeschichte. Das Problem ist aber: Welchen Aufklärern ist noch zu trauen?

Frankfurt/Main (dpa) - Der gigantische Doping-Skandal in der Leichtathletik zieht weitere Konsequenzen nach sich. Am Mittwoch legte der langjährige Weltverbands-Präsident Lamine Diack seine Ehrenmitgliedschaft im Internationalen Olympischen Komitee nieder.

Der Senegalese war bereits am Tag zuvor vom Exekutivkomitee des IOC vorläufig suspendiert worden. Auch der Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors trat von seinem Posten zurück. Gregori Rodschenkow soll dem erschütternden Report der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zufolge die Beseitigung von 1417 Dopingproben angewiesen haben. Seinem Labor wurde deshalb auch die Zulassung entzogen.

Diack und Rodschenkow gehören zu den Schlüsselfiguren einer Affäre, in der es unter anderem um das Verschwinden von positiven Doping-Tests gegen die Bezahlung hochrangiger Funktionäre geht. Gemessen an dem weltweiten Entsetzen über diese selbst für den Profisport neue Dimension hielt sich der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach in seiner ersten öffentlichen Reaktion allerdings zurück.

"Es gibt nun die Ermittlungen in der Leichtathletik, und der Weltverband wird seine Schlüsse daraus ziehen und die notwendigen Maßnahmen ergreifen", sagte er am Mittwoch in einem Interview des neuseeländischen Fernsehens. Bach gab sich "überzeugt, dass Russland kooperieren wird, damit sich seine Athleten an die globalen Anti-Doping-Regeln halten werden. Das braucht es, um an den Olympischen Spielen teilnehmen zu können."

Skandalfigur Diack und auch der russische Sport gehörten im IOC stets zu den Unterstützern von Bach. Und so kommt zu der ohnehin schon enormen Dimension der gesamten Affäre noch das Problem hinzu, dass einige einflussreiche Personen und potenzielle Aufklärer in dieser Sache zumindest erheblich vorbelastet sind.

Beispiel Craig Reedie:

Als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur steht der Brite jener Organisation vor, die das wahre Ausmaß des Skandals am Montag ans Licht brachte. Trotzdem geriet er in diesem Sommer in den Verdacht, noch während der Ermittlungen der WADA-Untersuchungskommission geheime Absprachen mit dem russischen Sportministerium getroffen zu haben. Die ARD enthüllte im August eine Mail von Reedie an die Anti-Doping-Beauftragte der russischen Regierung, in der er unter anderem bedauerte, dass es zwischen der WADA und ihrer Regierung "in der Atmosphäre zu Problemen gekommen sei".

Gegenüber der "New York Times" wehrte sich Reedie nun am Mittwoch. "Die Behauptung, ich sei nachsichtig mit Russland, bestreite ich kategorisch", sagte er. Jeder, der das nach den Enthüllungen der WADA immer noch behaupten würde, müsse "leicht verrückt sein".

Beispiel Sebastian Coe:

Der Olympiasieger von 1980 und 1984 steht seit August an der Spitze der IAAF. Es ist nun seine Aufgabe, den Leichtathletik-Weltverband zu reformieren. Doch der Brite ist nicht nur der Nachfolger von Diack - er war auch von 2007 bis 2015 sein Stellvertreter und damit Teil des Systems. Nach seiner Wahl formulierte Coe Ergebenheitsadressen der servilsten Art an Diack, der greise Senegalese werde für immer "mein spiritueller Präsident bleiben". Die Doping-Enthüllungen der ARD nannte Coe seinerzeit noch eine "Kriegserklärung an meinen Sport".

Noch größer als die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit sind bei ihm nur noch die Zweifel an seiner Unabhängigkeit. Coe hat einen fürstlich entlohnten Beratervertrag mit dem Sportartikel-Giganten Nike. Vor allem aber ist Coe weiterhin Teilhaber und Aufsichtsrat des Sportmarketing-Giganten CSM. "In der einen Rolle, als Verbandspräsident und IOC-Mitglied, vergibt er Weltmeisterschaften und Olympische Spiele. In der anderen Rolle bietet er sich dafür an, dieselben Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele für Honorar zu akquirieren", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" dazu.

Die deutsche Kugelstoß-Weltmeisterin Christina Schwanitz fordert als Konsequenz aus dem Doping-Skandal eine Reform des Anti-Doping- Kampfes. "Das System der Kontrollen muss so gestaltet werden, dass man niemanden kaufen kann", sagte die 29-Jährige der "Sport Bild". "Durch Wechsel der zuständigen Kontroll-Instanzen ist der Tester von gestern schon morgen nicht mehr zuständig. Das heißt: Kontrolleur, Verband und Athlet können gar nicht eine so enge Beziehung aufbauen, dass gemauschelt werden kann." Grundsätzlich meint Schwanitz allerdings: "Wenn es um Doping geht, bin ich der Überzeugung: Jeder Mensch ist käuflich. Die einzige Frage ist nur: ab welcher Summe?"

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