Ein Toter geborgen

"Betet für uns, wir brennen!" Hilferufe von Fähre

Ein Foto der brennenden Fähre
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Ein Foto der brennenden Fähre.

Rom/Athen - Stundenlang harrten hunderte Passagiere auf einer brennenden Fähre in der Adria aus - darunter auch 18 Deutsche. Die dramatische Rettungsaktion soll auch während der Nacht andauern. Am Sonntagabend bestätigten die Behörden ein erstes Todesopfer.

Die Fähre, auf der am Sonntag ein Feuer ausgebrochen ist, wurde nach Auskunft des Eigners erst am 19. Dezember einer Inspektion unterzogen. "Die Tests ergaben, dass das Schiff voll funktionstüchtig war", sagte der Chef der Visentini-Gruppe, Carlo Visentini, am Sonntag der italienischen Nachrichtenagentur Ansa.

Bei der Inspektion sei eine "leichte Fehlfunktion" an einer Brandschutztür aufgefallen. Diese sei unmittelbar behoben worden. Das sei "zur Zufriedenheit der Inspektoren" erfolgt, deshalb habe das Schiff in vollem Umfang seine Einsätze absolvieren können, fügte Visentini hinzu. Er sagte, es habe sich um die Brandschutztür 112 gehandelt. Genau dort habe sich nach den ihm vorliegenden Informationen der Brand entwickelt.

Medien berichteten dagegen, dass bei der Inspektion zahlreiche Mängel an dem Schiff festgestellt worden seien. Unter anderem wurden die Dichtungen, die Rettungsmittel und die Notbeleuchtung bemängelt. Die Frist, bis wann die Mängel behoben werden sollten, sei noch nicht abgelaufen gewesen.

Mindestens ein Toter

Das Fährunglück in der Adria hat mindestens einen Menschen das Leben gekostet. Ein Opfer sei geborgen worden, teilte die italienische Küstenwache am Sonntagabend mit. Der Mann sei vermutlich beim Sprung von Bord umgekommen. Die Rettungs-Operation sollte nach Angaben des italienischen Verteidigungsministeriums auch in der Nacht weitergehen. Das Schiff soll dann ins italienische Brindisi geschleppt werden.

Den ganzen Sonntag über warteten Hunderte noch nach Stunden auf ihre Rettung. Sturmböen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu hundert Stundenkilometern und hoher Wellengang behinderten die Rettung der 478 Menschen an Bord. Auf dem Schiff befanden sich nach Angaben der griechischen Behörden auch 18 Deutsche.

Passagiere schilderten griechischen Medien per Telefon dramatische Szenen. "Wir sind auf der Brücke, wir sind nass und frieren und husten wegen des Rauchs", sagte Giorgos Styliaras dem TV-Sender Mega. "Hier sind Frauen, Kinder und alte Menschen." Ein anderer Reisender berichtete nach seiner Rettung: "Unsere Schuhsohlen begannen zu schmelzen." "Sie brauchen zu lange, um den Leuten zu helfen", schimpfte der Speditionsunternehmer Giannis Mylonas, der mehrere Lkw auf dem Schiff hatte. "Hoffen wir, dass die Fähre die Hitze des Feuers aushält."

Bis zum Mittag schafften es nur 150 der Insassen in ein Rettungsboot. Nach Angaben des griechischen Marineministers Militadis Varvisiotis konnten bei bis zu sechs Meter hohen Wellen jedoch nur 56 von ihnen an Bord eines zur Hilfe geeilten Tankers gehievt werden.

Die Fähre hatte vor der griechischen Insel Korfu Feuer gefangen. Das Schiff der griechischen Anek Lines war auf dem Weg von Patras in Griechenland nach Ancona in Italien. Zuletzt befand es sich vor der albanischen Küste.

Feuer-Inferno auf Fähre: Bilder

Feuer-Inferno auf Fähre: Bilder

"Der Boden brannte" 

Vermutlich entzündete sich das Feuer in den frühen Morgenstunden am Sonntag im Autodeck. Der Grund dafür blieb zunächst unklar. Das Feuer breitete sich schnell über das Schiff aus, Augenzeugen schilderten im griechischen Rundfunk die Hitze und die Verzweiflung an Bord. „Der Boden brannte, als wir zum Rettungsboot gingen“, sagte Athina, die gerettet wurde, im Sender Skai.

Zu möglichen Verletzten oder Todesopfern gab es zunächst keine Angaben. Zwei Passagiere rutschten auf einer Rettungsrampe aus und drohten von den meterhohen Wellen fortgerissen zu werden, wie das griechische Schifffahrtsministerium mitteilte. Ein Militärhubschrauber versuche sie zu bergen. Windgeschwindigkeiten von hundert Stundenkilometern sowie Starkregen und Hagel setzten den Passagieren und ihren Rettern zu, so dass auch die Hubschrauber nicht viele Menschen aufnehmen konnten.

Marineminister Varvitsiotis zufolge versuchten gegen Mittag sieben Handelsschiffe einen Windschutz um die "Norman Atlanic" zu bilden. Anschließend sollte versucht werden, ein Tau an der 186 Meter langen Fähre zu befestigen und sie Richtung Küste zu schleppen.

Nach Angaben des italienischen Marinesprechers Riccardo Rizotto waren vier Hubschrauber am Unglücksort im Einsatz. Das manövrierunfähige Schiff treibe in Richtung der albanischen Küste. "Die Wetterbedingungen sind so schlecht, dass wir außergewöhnlich viele Rettungskräfte brauchen", sagte er.

Die meisten Passagiere stammten aus Griechenland. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte, im Kontakt mit den Botschaften in Rom und Athen zu stehen.

Zwei gerettete Frauen, eine davon schwanger, und drei Kinder kamen in ein Krankenhaus in der süditalienischen Region Apulien. Die Kinder seien halbnackt im Wasser gewesen und litten an Unterkühlung, es gehe ihnen allen aber den Umständen entsprechend gut, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Die Eltern von zwei anderen geretteten Kindern seien noch auf der „Norman Atlantic“.

Hilferufe via Handy

Passagiere meldeten sich via Handy und schilderten im Radio ihre Notlage. „Niemand kann etwas machen“, sagte ein Mann an Bord dem griechischen Radiosender Skai. Die zur Rettung herbeigeeilten Schiffe kämen wegen der schweren See nicht heran. Weitere griechische Medien berichteten, Rettungsboote seien abgetrieben worden, bevor Menschen hätten einsteigen können. „Die Leute sind verzweifelt und schreien“ sagte ein weiterer Zeuge im Fernsehen.

Der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi kündigte Hilfe für die Rettung der Passagiere an. Die italienische Marine sei „mit maximaler Beteiligung“ dabei, erklärte er auf Twitter. Er sei mit dem griechischen Premierminister Antonis Samaras in ständigem Kontakt.

„Wir brennen und sinken, niemand hilft uns. Bitte rettet uns! Lasst uns nicht im Stich!“

Am Telefon fleht ein Mann im griechischen Fernsehen um Hilfe

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„Sie ließen die Rettungsboote zu Wasser, aber viele haben es nicht drauf geschafft. Die Koordination ist schlecht.“

Ein Passagier beschreibt die Lage an Bord

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„Es ist dunkel, der untere Teil des Schiffs brennt. Wir sind auf der Brücke und sehen Boote, die sich nähern. Wir versuchen jetzt, uns selbst zu retten, und haben Rettungswesten angelegt.“

Ein weiterer Telefonanruf eines Passagiers

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„Wir verbrennen hier wie die Mäuse!“

Ein Mann zum Radiosender Skai

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„Wir sind hier schon seit Stunden, und niemand rettet uns. Wir bekommen langsam Panik.“

Die Zeitung Protothema bekam diesen Anruf

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„Die Rettungsboote reichen nicht aus!“

Ein Passagier gegenüber Skai

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"Betet für uns, wir brennen!“

Ein Twittereintrag, geschrieben an Bord der Fähre

AFP/dpa

 

Die zweimal Umgetaufte

Die Norman Atlantic ist ein so genanntes Ropax-Schiff, das ist eine Auto- und Lkw-Fähre mit Passagierkabinen. Sie kann 500 Passagiere und rund 200 Fahrzeuge transportieren, ist 186 Meter lang und 25,6 Meter breit. Ihre Höchstgeschwindigkeit liegt bei 24,5 Knoten, an Land wären das rund 50 km/h.

Fertiggestellt wurde sie 2009 in der italienischen Werft Cantieri Navali Visentini in Porto Viro (Venetien) unter dem Namen Akeman Street. Bis April 2011 fuhr sie für die T-Link-Fähren. Im Juni 2011 charterte die Fährgesellschaft Saremar die Fähre und benannte sie in Scintu um. Seit Januar 2014 heißt sie Norman Atlantic, und Anfang diesen Monats charterte sie die aktuelle Betreibergesellschaft Anek Lines. Sie ist in Bari registriert und fährt unter italienischer Flagge. Ihre Schwesternschiffe mit der gleichen Modellnummer Naos P270 sind die Scottish Viking und die Norman Voyager.

Die griechische Reederei Anek Lines wurde 1967 auf Kreta gegründet, um einen sicheren Fährverkehr mit dem griechischen Festland zu gewährleisten – zuvor hatte es von anderen Fährenbetreibern auf der Route schwerwiegende Sicherheitsverstöße gegeben, die letzlich zum Sinken eines Schiffes und dem Tod von mehr als 200 Passagieren führten. Ende der 1980er-Jahre wurde die erste internationale Verbindung nach Italien eingerichtet. Die Flotte besteht zurzeit aus zwölf eigenen Schiffen und zwei gecharterten – darunter die Norman Atlantic.

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