Neue Ausgabe nach Anschlag

"Charlie Hebdo"-Titel mit weinendem Mohammed

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Nach dem blutigen Terroranschlag auf die Redaktion erscheint am Mittwoch die neue Ausgabe der Satirezeitung "Charlie Hebdo" mit diesem Titelbild.

Paris/Berlin - Eine neue Mohammed-Zeichnung auf dem Titel und drei Millionen Exemplare Auflage: Das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ will am Mittwoch beweisen, dass es sich vom Terror nicht kleinkriegen lässt.

Die Fakten des Anschlags auf "Charlie Hebdo"

  • Nach den blutigen Anschlägen gegen die Redaktion der Satirezeitung "Charlie Hebdo" setzen Menschen weltweit ein Zeichen: Gegen Terrorismus und für ein friedliches Zusammenleben der Religionen. Bei einer Demo gegen die antiislamische Pegida-Bewegung sind am Montag fast 100.000 Menschen in Deutschland auf die Straße gegangen. Am Sonntag beteiligten sich fast vier Millionen Menschen, darunter Dutzende Staats- und Regierungschefs, an Protestmärschen gegen Terroristen in Paris.

  • Die beiden Täter, die den Anschlag auf "Charlie Hebdo" verübt hatten und anschließend auf der Flucht waren, wurden am Freitag durch die Polizei getötet. Fast zeitgleich schlugen Sondereinheiten im Osten von Paris gegen einen weiteren als Islamisten bekannten Geiselnehmer zu.
  • Gegen mehrere Zeitungen gab es seither Drohungen. Auf das Archiv der Hamburger Morgenpost wurde ein Brandanschlag verübt.
  • Bei dem Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" am Mittwoch wurden zwölf Menschen durch Schüsse getötet - darunter acht Journalisten. Elf weitere Opfer wurden verletzt, vier davon schwer.

"Charlie Hebdo"-Zeichner weinte beim Titel

Ein sichtlich aufgewühlter Karikaturist hat Einblicke in die Entstehung der neuen Ausgabe der französischen Satirezeitung "Charlie Hebdo" gegeben, die eine Woche nach dem islamistischen Anschlag mit zwölf Toten in die Kioske kommt. Er habe geweint, als er die Mohammed-Karikatur für die Titelseite fertig gezeichnet habe, berichtete der Karikaturist Luz am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Paris.

"Ich habe gezeichnet und gesagt: 'Ich bin Charlie'", sagte Luz, der mit vollem Namen Renald Luzier heißt. "Das war eine Idee, die ich im Kopf hatte, aber es war nicht genug, das war noch keine Titelseite. Und dann gab es noch diese Idee, Mohammed zu zeichnen. Ich habe ihn angeschaut, er war am Weinen, und dann habe ich darüber geschrieben: 'Alles ist vergeben' - und dann habe ich geweint. Und das ist die Titelseite."

Auf der "Charlie Hebdo"-Titelseite hält ein weinender Mohammed ein Schild mit dem inzwischen weltweit bekannten Solidaritäts-Spruch für die Anschlagsopfer, "Ich bin Charlie". "Unser Mohammed ist in erster Linie ein Mann, der weint", sagte Luz, der immer wieder nach Worten rang und bei seinen Ausführungen lange Pausen machte. "Ich habe keinerlei Sorge, was mein Titelblatt angeht. Denn ich glaube, dass die Menschen intelligent sind, immer mehr, als man glaubt."

"Charlie Hebdo"-Chefredakteur Gérard Biard sagte, der Mohammed auf dem Titelbild sei "viel sympathischer als der, den die (islamistischen) Schützen vor sich hertragen." In muslimischen Ländern ist bereits Kritik an der Abbildung des Propheten Mohammed auf der "Charlie Hebdo"-Titelseite laut geworden.

Die neue Ausgabe der Satirezeitung kommt am Mittwoch mit einer Rekordauflage von drei Millionen Exemplaren in den Handel - üblicherweise lag die Auflage von "Charlie Hebdo" bei rund 60.000 Exemplaren. Historikern zufolge wurden in Frankreich noch nie so viele Exemplare einer Zeitungsausgabe gedruckt. "Charlie Hebdo" wird als Druckausgabe auch auf Italienisch und Türkisch erscheinen, als Online-Ausgabe zudem auch auf Englisch, Spanisch und Arabisch.

Kein Markenrecht auf "Je suis Charlie" in Frankreich

In Frankreich wird es kein Markenrecht für die Solidaritätsbekundung "Je suis Charlie" ("Ich bin Charlie") geben, die seit dem blutigen Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" weltweit kursiert. Entsprechende Anträge seien abgewiesen worden, weil sie nicht die notwendigen Kriterien erfüllten, teilte das französische Institut zum Schutz geistigen Eigentums (INPI) am Dienstag mit. Der Slogan könne nicht von einem Marktteilnehmer kommerziell verwendet werden, weil er bereits kollektiv massiv verwendet werde.

Dem INPI zufolge wurden seit dem Anschlag am Mittwoch vergangener Woche zahlreiche Anträge auf Markenrecht für das Logo "Je suis Charlie" oder Anspielungen darauf eingereicht. Sie seien aber nicht registriert worden, weil sie nicht der Anforderung entsprechen, wonach Markenrecht einen "unterscheidenden Charakter" voraussetzt.

Die Nachrichtenagentur AFP hatte Montagabend aus informierten Kreisen erfahren, dass bereits über 50 Anträge auf das Logo "Je suis Charlie" eingereicht wurden. Ein Antrag wurde laut dem Kurznachrichtendienst Twitter beispielsweise von einem Industriellen eingereicht, der unter anderem Waagen, Feuerlöscher und Brillenetuis herstellt.

Geschaffen wurde das Logo wenige Minuten nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" von Joachim Roncin, dem künstlerischen Leiter des Gratis-Magazins "Stylist". Die drei Worte sind in weiß und grau mit den typischen Schriftzeichen der Satirezeitschrift auf schwarzem Grund gedruckt. Roncin teilte in einem Tweet mit, jeder könne die Solidaritätsbekundung frei verwenden, er würde aber eine "merkantile Nutzung" bedauern.

Das zu traurigem Ruhm gelangte Logo prangt bereits auf zahlreichen T-Shirts, Aufklebern und Anhängern, die seit dem Anschlag am vergangenen Mittwoch auf den Markt kamen. Solche Produkte wurden während der Massendemonstrationen vom Sonntag von fliegenden Händlern angeboten. Außerdem wurden bereits am Tag des Anschlags Websites wie jesuischarlie.fr, jesuischarlie.com und jesuischarlie.org geschaffen. Laut Twitter France wurde es außerdem bereits auf mehr als fünf Millionen Kurznachrichten abgebilde

Hunderte Internet-Seiten in Frankreich von Islamisten gehackt

Hunderte Internet-Seiten von französischen Institutionen sind seit den islamistischen Anschlägen in Frankreich gehackt worden. Die Internet-Seiten von Rathäusern, Schulen, Unversitäten, Kirchen und Unternehmen wurden von Hackern angegriffen, die sich als Islamisten aus Nordafrika oder Mauretanien ausgaben. Oft wurden die Startseiten gekapert; auf schwarzem Hintergrund erschienen Botschaften wie "Tod für Frankreich" oder "Tod für Charlie".

Zeitschriftenverleger starten Kampagne zu Pressefreiheit

Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) hat am Dienstag eine Anzeigenkampagne zur Pressefreiheit gestartet. Hintergrund sei der „menschenverachtende Terroranschlag“ auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, erklärte der Verband.

Es gibt zwei Anzeigenmotive: Bei einem steht in der Mitte einer schwarzen Seite der französische Satz „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“), der Solidarität bekundet. Er ist umgeben von Begriffen wie „Pluralität“, „Meinungsfreiheit“, „Toleranz“, „Pressefreiheit“ und „Vielfalt“. Ein zweites Motiv zeigt einen geborstenen Bleistift, ein Sinnbild für die getöteten Zeichner. Daneben ein Packen intakter Bleistifte, die durch ein Band fest verbunden sind. Darunter ist der Satz zu lesen: „Zeitschriftenverleger gemeinsam für Pressefreiheit.“

Hier entstand die neue Ausgabe

Die erste Ausgabe nach dem Attentat entstand in den Redaktionsräumen der Tageszeitung „Libération“.

Die erste Ausgabe nach dem Attentat entstand in den Räumen der Tageszeitung „Libération“ in Paris, die wie andere französische Medien den Überlebenden des Anschlags auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ Unterstützung zugesagt hatte. Der Kolumnist des Magazins, Patrick Pelloux, hatte bereits einen Tag nach dem Anschlag auf die Redaktion mit zwölf Toten ein neues Heft angekündigt.

Als Hintergrund des Terroranschlags gelten die früheren islamkritischen Mohammed-Karikaturen des Blattes. Nach den Glaubensvorstellungen von Muslimen sollen weder Gott noch Mohammed oder andere Propheten bildlich dargestellt werden. Das hängt mit dem Verbot der Anbetung von Götzen zusammen.

Mahnwache in Berlin geplant

In Berlin wollen führende Politiker am Dienstag gemeinsam mit den Muslimen in Deutschland gegen islamistischen Terror und für ein friedliches Zusammenleben der Religionen demonstrieren. An der Mahnwache am Brandenburger Tor nehmen auf Einladung des Zentralrats der Muslime Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), ihr Vize Sigmar Gabriel (SPD) und mehrere Minister teil. Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede.

In Frankreich sucht die Polizei weiter nach Unterstützern der Terroristen. Es gebe „ohne Zweifel einen Komplizen“, sagte Premier Manuel Valls. „Die Jagd geht weiter.“ Für diesen Dienstag kündigte Valls eine Trauerfeier für die drei bei den Anschlägen getöteten Polizisten an. Dazu wird auch Präsident François Hollande erwartet. Noch in dieser Woche soll eine Zeremonie zum Gedenken an alle Opfer im Invalidendom in Paris stattfinden.

US-Außenminister John Kerry will nach Kritik am Fehlen hochrangiger US-Politiker beim Gedenkmarsch für die Terror-Opfer am Donnerstag und Freitag Paris besuchen, um Solidarität zu zeigen.

100.000 Menschen bei Anti-Pegida-Demos

Als Reaktion auf die Terroranschläge in Paris haben in vielen deutschen Städten Zehntausende Menschen für ein friedliches Zusammenleben der Religionen demonstriert. Der Protest richtete sich gegen die islamfeindliche Pegida-Bewegung. Die größten Kundgebungen gab es am Montagabend in Leipzig, München und Hannover. Bundesweit nahmen nach Schätzungen insgesamt etwa 100.000 Menschen an den Kundgebungen teil.

Weitere Geschehnisse nach dem Terroranschlag auf "Charlie Hebdo" lesen Sie im Ticker von Montag nach.

Tausende demonstrieren gegen Pegida

Bilder: Tausende demonstrieren gegen Pegida

dpa

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