Vier Millionen Besucher

Bier und Klischees auf „Chinas Oktoberfest“

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Chinas größtes Bierfest hat in der Hafenstadt Qingdao begonnen. Vorbild ist das Münchner Oktoberfest. 

Qingdao - Tausende Liter Bier, laute Musik, grölende Menschen: Die Szenen spielen nicht auf der Wiesn, sondern in China. Die Hafenstadt Qingdao versucht, das Oktoberfest zu kopieren.

Dumpf dröhnen die Bässe aus den Lautsprechern. Grölend schwenken Männer ihre Bierkrüge. Sie sitzen und stehen in einem Festzelt in der ostchinesischen Hafenstadt Qingdao - rund 800 Kilometer südlich von Peking. Die Luft riecht nach Bier und Meeresfrüchten. Auf den Tischen türmen sich Bierkrüge, aufgespießte Krabben und eingelegte Erdnüsse, auf dem Boden liegen Haufen von Austernschalen, Glasscherben und Plastikmüll. „So läuft das jedes Jahr beim Internationalen Bierfest von Qingdao“, sagt der 20 Jahre alte Kellner Hu Wenlong und zwängt sich mit einem Bierkrug vorbei.

Wang Haili hat für sich und seine Freunde einen Tisch im Festzelt ergattert. „Bier ist einfach nur geil. Das hier ist Chinas Oktoberfest“, sagt der 48-Jährige und lacht. Sein dunkelblaues T-Shirt hat er sich bis zu den Achseln nach oben gerollt, er streicht sich über seinen mächtigen Bierbauch. Er liebt den Gerstensaft so sehr, dass er gleich 16 Freunde überredet hat, ihn zum Bierfest in Qingdao zu begleiten.

Die Gruppe ist in Chinas nordöstlichsten Zipfel aufgebrochen. Zwei Tage waren die Freunde mit dem Zug unterwegs. „Wir bleiben zwei Tage, und dann fahren wir wieder zwei Tage zurück“, sagt Wang. „Aber für das Bier hat sich der Aufwand auf jeden Fall gelohnt.“ Dann prostet er seinen Freunden zu.

Die Organisatoren des Bierfestes in der Hafenmetropole wollen dem Vorbild in München nacheifern. Schon zum 24. Mal findet das Volksfest in Qingdao statt. Mit einer Fläche von etwas 20 Hektar ist es nur etwas mehr als halb so groß wie das Münchner Vorbild.

An den 16 Tagen des Bierfestes wollen die Veranstalter mehr als vier Millionen Besucher anlocken. Qingdao beansprucht seit Jahren den Titel als größtes Bierfest Chinas. Aber damit ist es noch weit von Münchens Besucherzahlen entfernt: Etwa sechs Millionen Menschen strömen jedes Jahr auf die Wiesn. Im Rekordjahr 1985 waren es sogar 7,1 Millionen.

Sparmaßnahmen

In diesem Jahr gibt sich Qingdao bescheiden: Kurzfristig wurde die große Eröffnungsfeier abgesagt. Von der Stadtverwaltung hieß es knapp, es solle in diesem Jahr kein Geld für eine üppige Veranstaltung verplempert werden. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hatte dem Land vergangenes Jahr eine neue Sparsamkeit verordnet und Parteifunktionären Bankette verboten. Qingdao will offenbar der Direktive aus Peking genügen. Gleichzeitig wollen sich die Organisatoren aber nicht das Geschäft kaputt machen, und hoffen, dass auch ohne üppige Auftaktveranstaltung viele zum Bierfest kommen.

Den Arbeiter Li Haibin interessieren die Besucherzahlen nicht. Er will einfach nur Spaß mit seinen Freunden haben. Im Zelt von der lokalen Brauerei Tsingtao steht er direkt vor der Bühne - allerdings ohne Bierglas. „Das Fest ist schwer für mich. Ich vertrage doch nichts. Nach einem Bier ist für mich Schluss“, erklärt er etwas verlegen. Als seine Kumpels das hören, drücken sie ihm sofort ein Bierglas in die Hand.

Hinter den großen Bierzelten hat sich die 70-jährige Liu Guixiang auf eine Wiese gesetzt. „Ich will mich nur kurz ausruhen. Gleich geht's weiter“, sagt sie. Zwei Mädchen kommen wenig später hinzu, und helfen ihr aufzustehen. „Das sind meine Enkelinnen. Für uns ist das Bierfest ein Familienausflug. Alles ist so aufregend.“ Dann erzählt sie: „Ich trinke zwar kein Bier, aber ich habe trotzdem Spaß.“

Qingdao - Metropole mit deutscher Vergangenheit

Die ostchinesische Küstenstadt Qingdao besitzt einen der größten Häfen Chinas. Exportunternehmen wie der Haushaltsgerätehersteller Haier oder das Technologieunternehmen Hisense haben ihre Zentrale in der Hafenstadt mit fast neun Millionen Einwohnern. Das bekannteste Produkt der Stadt ist jedoch das Bier der Tsingtao-Brauerei. 1903 wurde der Gerstensaft dort erstmals von Deutschen und Briten gebraut. Bis heute beruft sich die Brauerei in ihrer Werbung auf deutsche Wurzeln.

1897 hatten deutsche Truppen die Stadt Qingdao und das Umland annektiert. Den Vorwand lieferte der Mord an zwei katholischen, deutschen Missionaren. Ein Jahr später erzwangen die Besatzer einen Pachtvertrag über das Gebiet an der Kiautschou-Bucht über 99 Jahre. Das Areal sollte zu einer „Musterkolonie“ werden und war das einzige „Schutzgebiet“ des Deutschen Reiches in Ostasien. Nach weniger als zwei Jahrzehnten wurden die Deutschen bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 dann von japanischen Truppen vertrieben.

Bierfest in China: Bilder

Jede Menge Klischees auf Chinas Bierfest

dpa

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