Steinmeier: "Haben Epidemie unterschätzt"

Krankenpfleger in den USA mit Ebola infiziert

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Eine Ebola-Kontrolle am John F. Kennedy Flughafen in New York.

Washington - Ein Krankenpfleger hat sich bei dem inzwischen verstorbenen Ebola-Patienten in Texas angesteckt. Außenminister Steinmeier hat eingeräumt, dass das Ausmaß der Epidemie unterschätzt worden ist

Erstmals ist in den USA Ebola von einem Menschen auf einen anderen übertragen worden. Eine Pflegekraft habe sich bei der Versorgung des kürzlich verstorbenen Patienten aus Liberia angesteckt, meldete die Gesundheitsbehörde von Texas am Sonntag. Das habe ein erster Test ergeben, die Bestätigung durch einen zweiten stehe noch aus.

Über die Pflegekraft wurden zunächst keine Details wie Alter oder Geschlecht bekannt. Sie hatte am Freitag leichtes Fieber gemeldet und war sofort isoliert worden. Jetzt würden Menschen, die mit ihr Kontakt hatten, untersucht, hieß es.

„Wir wussten, dass ein zweiter Fall Wirklichkeit werden könnte und wir hatten uns auf diese Möglichkeit vorbereitet“, sagte David Lakey von der Gesundheitsbehörde des Staates Texas. „Wir haben unser Team in Dallas vergrößert und arbeiten mit äußerstem Hochdruck daran, eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.“

Der Mann aus Liberia, bei dem sich die Pflegekraft ansteckte, war am Mittwoch gestorben. Der 42-Jährige war am 20. September in die USA geflogen und hatte vier Tage später erste Symptome entwickelt. Die liberianische Regierung warf dem Mann vor, bei der Ausreise gelogen zu haben: Obwohl er einer todkranken Frau in ein Taxi geholfen hatte, habe er beteuert, keinen Kontakt zu Kranken gehabt zu haben. Ein Krankenhaus in den USA hatte den Mann zunächst abgewiesen - obwohl er nach Aussage von Verwandten gesagt hatte, dass er aus dem Ebola-Gebiet kam.

Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde hätten die nun erkrankte Pflegekraft bereits befragt. „Menschen, zu denen sie nach dem Auftreten der Symptome Kontakt hatte, werden beobachtet, je nachdem, wie eng der Kontakt war und wie sehr sie dem Virus ausgesetzt waren“, hieß es von den Behörden. „Menschen sind nicht ansteckend, bevor sie erste Symptome zeigen“, wurde erneut betont.

Virusexperte hält Fall wie in USA für „nahezu ausgeschlossen“

Der Hamburger Virusexperte Jonas Schmidt-Chanasit sieht auch nach der Ansteckung einer US-Pflegekraft mit Ebola keine größere Gefahr für Ärzte und Pflegekräfte. „An der prinzipiellen Situation hat sich nichts geändert“, betonte der Leiter der Virusdiagnostik des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin am Sonntag. „Die Sicherheitsvorkehrungen bei identifizierten, also bekannten Ebola-Patienten sind extrem hoch in den USA und auch bei uns.“

Die derzeitigen Schutzmaßnahmen reichten aus. Fehler könnten immer passieren - sie sollten dem Betroffenen aber eigentlich sofort klar sein, sagte Schmidt-Chanasit der Nachrichtenagentur dpa. Derjenige werde dann sofort unter Quarantäne gestellt. „Dann besteht überhaupt keine Gefahr für einen Ausbruch, gar keine Gefahr, dass sich irgendwer anders infiziert.“

„Was nicht passieren sollte, ist, dass unbemerkt solche Sachen passieren“, betonte der Virusexperte. „Das sind seit Jahren trainierte Verhaltensmaßnahmen und Sicherheitsvorkehrungen, wo eigentlich kein Schlupfloch bestehen sollte.“ Unerkannte Infektionen - wie offenbar sowohl in Spanien als auch in den USA geschehen - seien deshalb im Grunde „nahezu ausgeschlossen“.

Nach wie vor deute absolut nichts darauf hin, dass das Virus gefährlicher geworden sein könnte. „Es gibt keinerlei Informationen, dass sich das Virus bei diesem Ausbruch leichter überträgt als zuvor“, so Schmidt-Chanasit. An der prinzipiellen Lage für Deutschland habe sich auch mit dem neuen Fall in den USA nichts geändert. Stattdessen gelte es, Afrika nicht aus dem Blick verlieren. „Dort ist die Situation weiter verheerend.“

Nach Ebola-Infektion in den USA: Keine Besorgnis in Frankfurt

Auch in der Frankfurter Uni-Klinik hat die Ansteckung einer Pflegekraft mit Ebola in den USA bislang noch keine Besorgnis ausgelöst. „Es ist keiner verunsichert“, sagte der Leiter des Gesundheitsamts, René Gottschalk, am Sonntag. „Unsere Schutzkleidung ist gut und lange erprobt. Es gibt keine Lücken.“ An der Uni-Klinik wird seit mehr als einer Woche ein Ebola-Patient betreut. Die Pflegekraft in Texas hatte sich mit dem Virus infiziert, obwohl sie volle Schutzkleidung trug - warum, war zunächst unklar.

„Es besteht eine Gefahr, wenn Leute mit Schutzkleidung umgehen, die nicht entsprechend geschult sind“, sagte Gottschalk, der auch das Kompetenzzentrum für hochansteckende, lebensbedrohliche Erkrankungen für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland leitet. Dies sei in Frankfurt nicht der Fall. Die Mitarbeiter seien alle sehr erfahren und würden häufig geschult.

Israel führt Ebola-Kontrollen ein - Absprache mit Palästinensern

Unterdessen hat auch Israel spezielle Kontrollen für Reisende aus den drei Ländern eingeführt, die von Ebola am schlimmsten betroffen sind. Einreisende aus Liberia, Guinea und Sierra-Leone sollten besonders ausführlich befragt werden, teilte das Büro des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu am Sonntag mit. Dies gelte für den internationalen Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv sowie für alle Grenzübergänge und Seehäfen.

Die Maßnahme sei bei einer Beratung im Büro Netanjahus beschlossen worden, an der Repräsentanten aus den Bereichen Gesundheit, Transport, Justiz, Innen- und Außenministerium sowie Polizei und Armee teilgenommen hätten, hieß es in der Mitteilung.

„Israel wappnet sich, um eine Einreise von Ebola-Kranken in sein Staatsgebiet möglichst zu verhindern“, sagte Netanjahu. Sollten doch Krankheitsfälle auftreten, werde man sie in israelischen Krankenhäusern isolieren und behandeln.

Israelische Medien berichteten am Sonntag, Repräsentanten Israels und der Palästinenserbehörde hätten sich am Vortag getroffen, um Wege zur Zusammenarbeit im Kampf gegen Ebola zu finden. Gemeinsam mit Vertretern der Weltgesundheitsorganisation hätten sie darüber beraten, wie man einen Ausbruch in der Region verhindern kann.

Steinmeier: "Haben Ebola unterschätzt"

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat derweil eingeräumt, dass das Ausmaß der Ebola-Epidemie unterschätzt worden ist. "Wir alle haben die katastrophalen Folgen von Ebola unterschätzt", sagte Steinmeier der "Bild am Sonntag". Jetzt beginne die "Aufholjagd". Der Minister zeigte sich aber zuversichtlich, dass die Epidemie besiegt wird. Deutschland und Europa rief er zu verstärkten Anstrengungen im Kampf gegen die Seuche auf. Das Thema solle Priorität beim nächsten EU-Außenministertreffen haben.

Der Koordinator der Ebola-Hilfen der Bundesregierung, Walter Lindner, sagte vor seiner Reise nach Westafrika, der Höhepunkt der Epidemie sei noch nicht erreicht. Wenn alles gut laufe, könnte die Verbreitung von Ebola noch in diesem Jahr unter Kontrolle gebracht werden, sagte Linder dem Blatt. Zugleich dämpfte er Erwartungen, Deutschland könne in größerer Zahl Infizierte aus Afrika aufnehmen. Dies könne nur in Einzelfällen geleistet werden.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hofft derweil auf mehr freiwillige Helfer für Westafrika. Die Region brauche "Hilfe bei der Schaffung weiterer Behandlungsmöglichkeiten für Patienten", sagte Gröhe der "Welt am Sonntag".

AFP/dpa

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