Büros durchsucht

Schiffsunglück: Betreiber rückt ins Zwielicht

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Für einen Moment nur am Rande des Geschehens: Nachdenklich stehen die Helfer am Jindo-Hafen in Südkorea. Wer für das tragische Fährunglück verantwortlich ist, muss erst noch geprüft werden.  

Seoul - Taucher finden immer mehr Leichen am Wrack der untergegangenen Fähre „Sewol“. Auch die Ermittler kommen voran: Jetzt rückt der Betreiber des südkoreanischen Schiffs in den Fokus.

Neben dem Kapitän und anderen Crewmitgliedern gerät auch der Betreiber der südkoreanischen Unglücksfähre „Sewol“ zunehmend unter Verdacht. Eine Woche nach dem Untergang des Schiffs durchsuchten die Ermittler am Mittwoch zahlreiche Büros der Reederei Chonghaejin Marine, wie südkoreanische Medien berichteten. Gegen den Eigentümer Yoo Byung Eun und das Management wird unter anderem wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Untreue ermittelt.

Taucher bergen immer mehr Leichen

Vor der Südwestküste des Landes setzten die Bergungskräfte ihre Suche nach vermissten Passagieren fort. Taucher ziehen dabei immer mehr Leichen aus dem Wrack. Die Zahl der bestätigten Todesopfer stieg am Mittwoch auf mehr als 150. Von den ursprünglich 476 Menschen an Bord - die meisten von ihnen Jugendliche auf einem Schulausflug - galten fast 150 weiter als vermisst. Die Hoffnung, doch noch Überlebende zu finden, zerschlug sich bisher. 174 Menschen hatten bei der Katastrophe am 16. April gerettet werden können.

Ausreiseverbot für Involvierte

Gegen den Eigentümer Yoo, seine Söhne sowie Dutzende von Angestellten wurde den Berichten zufolge ein Ausreiseverbot verhängt. „Die Untersuchung wird sich besonders darauf richten, ob die Eigentümerfamilie durch Veruntreuung von Firmengeldern ein Vermögen angehäuft hat und ihre Pflichten zur richtigen Führung des Unternehmens nicht erfüllt hat“, wurde ein Staatsanwalt von der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap zitiert.

Die Ermittler wollen Vermögenswerten nachspüren, damit später Schadenersatz an die Familien der Opfer gezahlt werden kann. Die Razzien zielten auch auf die Wohnungen der Eigentümerfamilie sowie auf Unternehmen und eine religiöse Gruppe, die mit Chonghaejin Marine in Verbindung stehen.

"Totschlag durch Unterlassen"?

Viele Fragen zum Verlauf der Katastrophe sind noch immer offen. Die Ermittler prüften, ob der Kapitän wegen „Totschlags durch Unterlassen“ angeklagt werden könne, berichtete der staatliche Sender Arirang. Der 68-jährige Kapitän sitzt neben weiteren leitenden Besatzungsmitgliedern in U-Haft. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, fahrlässig gehandelt und das sinkende Schiff mit den Passagieren im Stich gelassen zu haben. Unter den Geretteten waren der Kapitän und die meisten der anderen 28 Besatzungsmitglieder. Untersucht wird auch, warum unmittelbar nach dem Kentern keine Evakuierung angeordnet wurde.

Angehörige wollen nicht mehr suchen

Die Angehörigen der Vermissten hatten gefordert, die Suchaktion in dieser Woche abzuschließen. In der Nähe der Unglücksstelle stehen seit Tagen riesige Schwimmkräne bereit, um das Schiff zu heben.

Todesfähre: Bilder von der Bergung der Opfer

Todesfähre: Bilder von der Bergung der Opfer

Besseres Wetter als zu Beginn der Bergungsarbeiten und Niedrigwasser erleichterten den Einsatzkräften die Arbeit am Wrack der „Sewol“. Dabei werden weiter auch Tauchroboter eingesetzt. Die Suche konzentrierte sich zuletzt auf die Kabinen und Speisesäle auf verschiedenen Decks. Es wird vermutet, dass dort die meisten Passagiere eingeschlossen wurden.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Auto- und Personenfähre während eines Kurswechsels kenterte. Es wird nicht ausgeschlossen, dass die Ladung verrutschte und das Schiff dadurch Schlagseite bekam, bevor es schließlich vollständig auf die Seite kippte und sank.

Es ist die größte Schiffskatastrophe in Südkorea seit mehr als 20 Jahren. Der Untergang einer überladenen Fähre vor der Westküste im Oktober 1993 hatte 292 Menschenleben gekostet.

Menschen verarbeiten unfassbare Trauer gemeinsam

Die Betroffenen versuchen ihren Schock und den Kummer in gemeinsamer Trauerarbeit zu bewältigen. Eine Woche nach dem Untergang der südkoreanischen Fähre "Sewol" haben tausende Menschen am Mittwoch in einem zur provisorischen Gedenkstätte umfunktionierten Sportstadion von Ansan um die mehr als 300 Opfer getrauert. Das Stadion ist nur wenige Meter von der Mittelschule entfernt, aus der die meisten der 150 Toten und 152 Vermissten stammten.

Eine gesamte Seite des überdachten Stadions wurde zu einem riesigen Altar aus weißen, gelben und grünen Chrysanthemen umgestaltet, zwischen denen Bilderrahmen mit Fotos und Namen der bereits gefundenen und bestatteten Schülern standen. Trauernde legten unter den Fotos weitere Blumen nieder, in einem Gesteck heftete eine Botschaft mit der Aufschrift: "Ich hasse die Republik Korea".

Unter den Trauernden waren auch viele Schüler der Danwon High School. An dem Unglückstag hatten sich 352 Schüler auf dem Schiff befunden. Einige Kinder und Jugendliche brachen am Mittwoch zusammen und mussten aus dem Stadion gebracht werden. Unterdessen bekundete auch Nordkorea über das Rote Kreuz sein Beileid.  

dpa/afp

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