Fremde Algen werden zur Gefahr für das Wattenmeer

Einmaliger Naturraum Wattenmeer: Nach einer Studie breiten sich an der Nordsee durch den internationalen Schiffsverkehr eingeschleppte Algenarten aus. Sie können den Kreislauf der Natur an der Küste beeinträchtigen. Unser Bild entstand im Wattenmeer vor Büsum. Foto: dpa

Das Wattenmeer verändert sich durch invasive (sich schnell ausbreitende) Tier- und Pflanzenarten. Dabei handelt es sich meist um Algen und Kleinlebewesen, die auf Schiffen aus fernen Gegenden eingeschleppt werden. Das hat Auswirkungen auch für Menschen.

In der weltweiten Handelsschifffahrt gibt es blinde Passagiere. In riesigen Mengen. Manche kleben an der Außenhaut von Schiffen, andere befinden sich in Ballasttanks, in denen große Mengen Wasser für die Stabilisierung von Frachtern sorgen: Algen, Muscheln, Krebse und Fische. Das Wasser wird am Startort des Schiffes in die Tanks gepumpt und am Ziel wieder ins Meer abgelassen. Mit ihm die unfreiwilligen Mitfahrer.

So werden über die Schifffahrtsrouten fremde Arten in die hiesigen Regionen eingeschleppt und können dort heimische Pflanzen oder Tiere verdrängen. Das ist das Ergebnis einer Studie von Meeresforschern der Universität Oldenburg und des Senckenberg-Forschungszentrums in Frankfurt unter Federführung des Umweltwissenschaftlers Dr. Hanno Seebens. Das Ökosystem der Nordsee ist zunehmend bedroht.

Als Beispiel nannte Seebens gegenüber unserer Zeitung die Braunalge „Sargassum muticum“. Sie hat sich schon längst im Wattenmeer ausgebreitet. Dadurch wurden die Strömung und Ablagerungen verändert. Die Folge: Die Alge bildet dichte Wälder im Wattenmeer.

In der Nordsee finden vor allem Algen aus den Gewässern um China und Japan ähnliche Lebensbedingungen wie in ihrer Heimat, erläuterte Seebens weiter. Der Forscher: „Es kann jeden Tag eine neue Art auftauchen.“ Insgesamt ist die Gefahr einer Invasion in der Nordsee höher als bislang vermutet. Im Extremfall könnte sie für den Menschen zu einer Gesundheitsgefahr werden. Er könnte zum Beispiel beim Fischverzehr eine Fischvergiftung bekommen. Seebens: „Dabei macht nicht der Fisch krank, sondern die Alge, die er zuvor gefressen hat.“

Die Forscher haben mit einem Computerprogramm ein Risikoprofil erstellt. Es kann mit einer Wahrscheinlichkeit von 77 Prozent vorhersagen, welche Arten mit dem Schiffsverkehr in welche Region gelangen und sich dort ansiedeln könnten. In die Berechnungen fließen Daten über Schifffahrtsrouten, Strömungen, Wassertemperatur, Salzgehalt, aber auch Umweltfaktoren wie der Klimawandel ein. Ziel ist, Schäden zu verringern oder ganz zu vermeiden.

Hat sich eine Art einmal verbreitet, ist sie nach den Worten Seebens kaum wieder loszuwerden. Es müsse versucht werden, sie gar nicht erst in die heimischen Ökosysteme gelangen zu lassen. Der Wissenschaftler forderte, Tanks für Ballastwasser von Schiffen zu reinigen, bevor es abgelassen wird. Eine schon vor zehn Jahren beschlossene internationale Ballastwasser-Konvention ist immer noch nicht in Kraft getreten. Der Lebensraum von heimischen Wasserpflanzen und Tieren in der Nordsee wird zusätzlich durch Umweltverschmutzung und intensive Fischerei bedroht, so Seebens.

Hintergrund: Drei Risikostufen für die Einschleppung 

Die Forscher um Dr. Hanno Seebens teilen in ihrer Studie die invasiven Algen in drei Kategorien ein. Es sind maritime Arten, die keinen deutschen Namen haben.

• Aufstrebende Arten: Sie haben ein kleines Verbreitungsgebiet und damit nur eine geringe Chance, sich anderswo anzusiedeln.

• Hochrisiko-Arten: Ihre Verbreitung ist mittelgroß, es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie in fremde Regionen eindringen.

• Weitverbreitete Arten: Sie haben sich bereits ausgedehnt. Deshalb gibt es nur noch wenige Gebiete, in die sie einwandern können. (kle)

Mehr zur Studie (auf Englisch) finden Sie hier. 

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