Müll, Schwerindustrie und Abwässer

Einst Paradies, heute Kloake: Die Guanabara-Bucht vor den Olympischen Spielen

50 Meter lang ist der Schlammteppich aus Müll, der sich an der Uferseite der Favela Tubiacanga abgelagert hat. 32 Meter in die Tiefe ist der Schlamm mit Schwermetallen verseucht. Fotos: Streuff

An Brasiliens Guanabara-Bucht leben 11 Millionen Menschen, im August finden dort die olympischen Segelwettbewerbe statt. Doch die Bucht gilt vielen auch als Kloake Rio de Janeiros.

Ihr Name verspricht Leben. „Brust des Meeres“ bedeutet Guanabara in der Sprache der Indianer. Denn ihre Form erinnert an die einer weiblichen Brust. Und eigentlich könnte sie die Bucht sein, die Rio de Janeiro und die elf Millionen Menschen an ihren Ufern gesund nährt. Wäre sie nur die, die sie vor 600 Jahren einmal war. Damals, im Januar 1502, als der Portugiese Gaspar de Lemos sie entdeckte und sie noch ein Paradies war. Mit pulverweißem Sand an ihren Stränden. Mit klarem Wasser. Mit einem breiten Streifen knallgrüner Mangroven am Ufer. Mit Krebsen, Fischen und Delfinen.

Sattes Grün am Ufer: Vor den Mangrovenwäldern türmt sich der Schlamm.

600 Jahre später kämpft die „Brust des Meeres“ gegen wuchernde Krebsgeschwüre aus Müll und Verschmutzung – kurzum ums Überleben. „Hausmüll, Fäkalien, tote Ratten und Fische und Kondome – das ist schon sehr ekelig“, sagen jene Segler wie Heiko Kröger, der bei den Paralympics im September dort um Edelmetall kämpfen will. „Die Bucht ist unser Leben“, sagen jene wie Fischer Alex Sandro dos Santos (48), der seit mehr als 40 Jahren in der Favela Tubiacanga an den Ufern der Guanabara-Bucht lebt.

Die Umweltsünden 

Guanabara ist zum Synonym für Umweltverschmutzung geworden. Ein „Cocktail“ aus verschiedenen Zutaten ist dafür verantwortlich, erklärt Dawid Bartelt, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Brasilien. „Die Bucht ist Parkplatz für die Schwerindustrie.“ An den Ufern erstreckt sich die zweitgrößte Industrieansammlung Brasiliens nach Sao Paulo. „Es fließen 18 000 Liter ungeklärte Abwässer pro Sekunde hinein. Mit Hilfen aus Japan und den USA wurde mehr als eine Milliarde US-Dollar für den Umweltschutz bereitgestellt, unter anderem für Kläranlagen. Aber mehrere der Anlagen wurden nicht an die Kanalisation angeschlossen. Sie hatten nichts zu klären und rotten vor sich hin.“

Es gibt noch Leben in der verdreckten Umwelt: Am Ufer sind kleine Krebse unterwegs.

Dazu kommen 90 Tonnen Müll täglich aus dem umliegenden Großstädten, von den Menschen achtlos im Wasser entsorgt. Ökoboote fischen zwar täglich einen Teil des an der Oberfläche treibenden Mülls hinaus. „Aber 80 Prozent dessen, was in den Netzen der Fischer landet, ist Plastik“, sagt Umweltschützer Sérgio Ricardio, der sich dem Schutz der Guanabara-Bucht verschrieben hat. Auch die ehemals größte Müllhalde Lateinamerikas, Gramacho, liegt in der Bucht. Bei ihrer Schließung 2012 wurde sie nur mit Erde bedeckt. Giftige Flüssigkeiten fließen ungehindert ins Wasser.

Gerade wird an einer neuen Raffinerie gebaut. Für größere Schiffe werden die Fahrrinnen vertieft. Durch die Aushübe werden Schwermetalle, die sich in den Sedimenten am Boden abgesetzt hatten, wieder aufgewirbelt. Selbst Rios Regierung gesteht mittlerweile ein, dass die groß angekündigten Säuberungsmaßnahmen vor den Sommerspielen gescheitert sind. „Olympia wird kein Vermächtnis für Guanabara hinterlassen“, sagt Ricardio.

Das Leben 

Alex Sandro dos Santos (48) lebt in Tubiacanga. Im Süden erstreckt sich der Internationale Flughafen Galeao. Bald könnten die 6000 Familien zum zweiten Mal zwangsumgesiedelt werden, sollte die dritte Start-und Landebahn gebaut werden. Aber das ist eine andere Geschichte.

An Tubiacangas Ufer erstreckt sich ein 50 Meter langer Teppich aus Schlamm und Müll. Hunde und Katzen streunen herum. Schiffswracke verrotten. In bis zu 30 Meter Tiefe ist der Boden unter diesem Teppich mit Schwermetallen verseucht.

Fischt seit 41 Jahren in der Bucht vor: Fischer Alex Sandro dos Santos.

Hier setzt sich dos Santos als Präsident der örtlichen Fischer-Vereinigung dafür ein, dass die Fischbestände erhalten werden. Logisch, dass er selbst den Fang aus der Bucht isst – ein Gedanke, bei dem allein anderen schon der Appetit vergeht. „Ich esse den Fisch seit 41 Jahren. Ich bin kerngesund“, sagt er. Andere Fischer aber sind in relativ jungen Jahren gestorben. Todesursache unbekannt.

Häufig treten Durchfall, Haut- und Pilzerkrankungen auf. „Der einzige Beweis dafür, dass das Wasser verschmutzt ist. Denn die Behörden geben kaum Infos dazu raus“, sagt Ricardio.

Wie so viele andere kann auch dos Santos nicht mehr vom Fischen leben. Er ist Geschäftsführer einer kleinen Firma für Holzverpackungen. Im Jahr 2000 platzte zuletzt eine der Ölleitungen, die zu Hunderten auf dem Grund der Bucht verlegt sind. Der Fischbestand ging um 90 Prozent zurück. Tigergarnelen, lange Lebensgrundlage der Fischer, gibt es nicht mehr.

„Aber die Bucht lebt noch“, sagt Ricardio. „Alle Spezies bis auf Wale sind hier vertreten“, erklärt er. „Auch der große Boto.“ Allerdings gibt es von der Delfinart nur noch 35 Exemplare.“ Möglich macht’s der Frischwasser-Zustrom aus dem Atlantik – er ist die Lebensader der Kloake.

„Mein Traum ist es, wieder vom Fischen leben zu können“, sagt dos Santos. Und prophezeit: „Bevor ich sterbe, ist die Bucht wieder sauber.“

Die Guanabara-Bucht in Zahlen

• 1 Zufluss im Süden versorgt die Bucht mit frischem Wasser aus dem Atlantik

• 2 Metropolen, Rio und Niteroi, betreiben am Ufer ihre Häfen. Rios Hafen ist Brasiliens zweitgrößter Stückguthafen nach Santos

• 5 Strände sind Herberge für mulitresistente Superbakterien, nachgewiesen unlängst in einer Studie. Vermutlich sind sie über Klinik-Abwässer in die Bucht gelangt. Zuvor waren schon Kolibakterien und Typhus-Erreger gefunden worden.

• 14 Kilometer lang ist die Rio-Niteroi-Brücke, die 1974 fertiggestellt wurde. An ihrer höchsten Stelle ist sie 70 Meter hoch

• 16 Öl-Terminals, zwölf Werften und 6000 Industriebetriebe liegen an den Ufern

• 35 Flüsse münden in die Bucht

• 18 000 Liter ungeklärte Abfälle fließen pro Sekunde in die Bucht

• 380 Quadratkilometer groß ist die Baia de Guanabara – vergleichbar mit dem Gardasee

• 11 Mio. Menschen wohnen an ihren Ufern, unter anderem in Rio de Janeiro, Niteroi, Sao Goncalo

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