Günther Hamker wohnt in einer Hütte in Südniedersachsen

Seit 54 Jahren lebt er allein im Wald in Südniedersachsen

Allein, aber nicht einsam: Günther Hamker (75) vor seiner Hütte an den Bodensteiner Klippen. Fotos: dpa

Sehlde. Wenn Günther Hamker beim Kochen merkt, dass ihm ein Ei fehlt, kann er nicht schnell in den nächsten Supermarkt laufen.

Der 75-Jährige lebt seit mehr als 50 Jahren in einer Waldhütte an den Bodensteiner Klippen im Harz. Sein Wasser stammt aus einem selbst angelegten Brunnen, Strom erzeugt er mit Windkraft und Solarenergie, für seine Öfen hackt er selber Holz. Telefonieren klappt, wenn nicht gerade ein Baum auf die Freileitung gefallen ist. Auch der Handyempfang ist schwach. 15 Minuten fährt er über holprige Forstwege ins nächste Dorf, bei Eis und Schnee ist das nicht möglich.

Als Einsiedler sieht sich Hamker aber nicht. „Ich habe viele Freunde und Bekannte, auch wenn nur ein bis zwei Mal pro Woche jemand zu mir hoch kommt“, erzählt er an einem schönen Sommertag bei einer Tasse Tee aus selbstangebauter Minze. Die Bezeichnung Aussteiger mag der weißhaarige Mann mit dem wettergegerbten Gesicht ebenso wenig.

Nahrung aus der Natur: Was wie eine Werkbank aussieht, ist Günther Hamkers Küchentisch. Hier zerreibt er Melisse.

„Als ich 1962 hierherzog, wusste man noch gar nicht, was das ist.“ Bis 2003 bewirtschaftete Hamker seinen 80 Hektar großen Wald, den er wie die Holzhütte als 13-Jähriger von seinem Großvater geerbt hatte. Inzwischen hat der Waldbauer seinen Forst verkauft, besitzt aber dort noch ein Wohnrecht auf Lebenszeit.

In seiner urigen Hütte scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Der Herd wird mit Holz befeuert, das schwarze Telefon hat noch eine Wählscheibe. Vieles stammt aus Haushaltsauflösungen und vom Trödelmarkt. An den Wänden hängen historische Karten und Familienfotos vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

„Ich habe ein Leben lang von Abgelegtem gelebt“, sagt Hamker. Freunde schenkten ihm ihren ausrangierten Fernseher und ihr altes Laptop.

Die Entschleunigung, von der so viele träumen, hat Hamker längst erreicht. Am Vormittag geht er mit seinem Pflegehund Remo spazieren. Um Fitnesstraining muss er sich wegen der regelmäßigen körperlichen Arbeit nicht kümmern. Er hört klassische Musik und liest.

Einsam fühlt sich der Aussteiger nicht. „Während meines Studiums in Göttingen in einem Mehrfamilienhaus war ich isolierter“, erzählt er. Wochenlanges Schmuddelwetter schlage ihm allerdings aufs Gemüt.

Doch an diesem Tag scheint die Sonne, und der Wald wirkt idyllisch. Hamker sitzt vor seiner Hütte unter der mehr als 30 Meter hohen Kastanie, die er selbst als Kind gepflanzt hat. Die Vögel zwitschern. Ein Siebenschläfer taucht plötzlich auf und schnappt sich eine Aprikose vom Obstteller. Schon nach einer halben Stunde wirkt die Umgebung auf Besucher entspannend.

Am Abend setzt sich Günther Hamker wieder in sein altes Auto, um den Berner Sennenhund Remo seinem Besitzer Hansjörg Spörri zurückzubringen. Der Gartenbauunternehmer aus Bockenem kennt den Einsiedler seit fast 35 Jahren. „Er braucht diese Abgeschiedenheit“, sagt Spörri. „Es ist nicht vorstellbar, ihn in eine Stadtwohnung zu verpflanzen.“ (dpa)

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.