Haiti: Minister regieren am Campingtisch

Port-au-Prince - Haitis Regierung führt ihre Geschäfte derzeit von einem Campingtisch aus. Dort hält Ministerin Marie-Laurence Jocelyn Lassegue das Heft in der Hand.

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Die resolute Frau Ende 40 mit langen, zweifarbigen Zöpfchen trägt wie ihre Mitarbeiter ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift “Ministerium für Kultur und Kommunikation“. Sie sieht übermüdet aus, aber hält die Stellung und beantwortet jeden Tag unzählige Journalistenfragen. Die haitianische Regierung ist in einer katastrophalen Lage: Sie muss nach dem Erdbeben mit schätzungsweise 180 000 Toten das Land wieder aufbauen. Dabei hat sie selbst zahlreiche Mitarbeiter verloren. Der Präsidentenpalast und fast alle Ministerien sind zerstört. Lediglich das Sozialministerium ist stehen geblieben. “Die Minister haben zum Glück alle überlebt, auch wenn es anfangs anderslautende Meldungen gab“, sagt Jacques Adlan vom Kulturministerium. Ein Großteil der Beamten der Steuerbehörde sei jedoch ums Leben gekommen.

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Die Kulturministerin und die Frauenministerin haben ihre Kabinettschefs verloren. Von den mehr als 100 Abgeordneten und Senatoren seien zahlreiche verletzt oder obdachlos geworden. “Der Regierungssitz ist jetzt hier in der Polizeidirektion“, erklärt Adlan. Auf dem Gelände zwischen dem Flughafen und dem Logistikzentrum der UN-Mission befinden sich mehrere Bungalows mit Büros. Am Eingang weht die haitianische Flagge auf Halbmast. Unter einer Schatten spendenden Plane stehen ein paar Plastikstühle und Klapptische, an denen junge Leute in den schwarzen T-Shirts des Ministeriums mit Laptops arbeiten. Präsident René Préval, der zu seinen Pressekonferenzen im offenen Hemd ohne Krawatte erscheint, klagt, dass seine Regierung von der internationalen Gemeinschaft kaum berücksichtigt wird. “Die Hilfe geht direkt an die ausländischen Hilfsorganisationen, und die sprechen sich untereinander nicht ausreichend ab“, sagte er.

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Die haitianische Regierung würde bei der Verteilung der Hilfe gerne mehr mitreden. Vor allem hätte sie gerne mehr Budgethilfe, anstatt mit anzuzusehen, wie die internationalen Organisationen ihre Aufgaben übernehmen. Kompetenzgerangel gibt es aber nicht nur mit den Hilfsorganisationen, sondern auch mit der UN-Mission und der US-Armee. Beide sind mit ihren Soldaten, Hubschraubern und Geländewagen in Port-au-Prince wesentlich mehr präsent und effizient als haitianische Sicherheitskräfte. “Die UN-Mission und unsere Polizei sind für die Sicherheit verantwortlich, sie werden von den Amerikanern unterstützt“, betont Préval. Faktisch hat aber derzeit niemand die Möglichkeit, die Sicherheit in Haiti zu garantieren. Viele Gefängnisse sind zerstört, mehrere Tausend Häftlinge konnten entkommen. Bei der Verteilung von Lebensmitteln und Hilfsgütern kommt es immer wieder zu Gerangel. Kürzlich stürzte sich eine Menschenmenge auf einen mit Reis beladenen Laster, der liegengeblieben war. Die Polizei schoss in die Luft, um die Menschen zu zerstreuen. “Die Menschen plündern nicht, es sind keine Kriminellen, sie haben bloß Hunger“, betont ein Haitianer, der das beobachtet hatte.

dpa

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