Massenrausch beschäftigt Ermittler noch immer

29 Menschen winden sich am Boden: Was ist nur passiert?

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Das Tagungszentrum in Handeloh: Hier kam es zu dem Vorfall.

Handeloh - 29 Menschen winden sich am Boden, darunter Ärzte und Psychologen. Die Folgen eines Seminars lösen einen Großeinsatz der Rettungskräfte aus. Seit fast einem Jahr ermitteln die Behörden - es geht um Drogen.

Reetgedeckte Fachwerkhäuser, drumherum viel Rasen im Schatten großer Bäume: Schon kurz nach dem Großeinsatz der Rettungskräfte sieht es wieder so idyllisch aus wie zuvor, keine Spur mehr vom 4. September 2015. Notärzte kämpften damals auf dem Gelände eines Tagungszentrums im kleinen Handeloh südlich von Hamburg um das Überleben der 29 Seminarteilnehmer, mehr als 160 Rettungskräfte waren beteiligt. Dicht bei dicht standen die Krankenwagen, auch ein Hubschrauber kam. Mit Wahnvorstellungen, Atemnot und Herzrasen werden die Betroffenen in Krankenhäuser der Umgebung gebracht.

Zunächst herrscht Rätselraten, eine Lebensmittelvergiftung können die Behörden im niedersächsischen Landkreis Harburg nicht ausschließen. Dann zeigt sich: Drogen waren die Ursache. In zwei Kapseln wird die verbotene Psychodroge 2C-E nachgewiesen. Ein Experiment soll es gewesen sein, möglicherweise mit Sekten-Hintergrund.

Die beiden Organisatoren der Veranstaltung sind eine Heilpraktikerin und ein Psychologe aus der Region Aachen, die sich auch mit der sogenannten Psycholyse befassen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur kurz darauf. Dabei soll mit Hilfe von Drogen eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Bei Durchsuchungen im Kreis Harburg und im Raum Aachen sei Beweismaterial sichergestellt worden, melden Polizei und Staatsanwaltschaft wenige Tage später.

"Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen"

Fast ein Jahr danach wird weiter wegen Drogenmissbrauchs ermittelt. „Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen“, sagt Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas in Stade. „Mit einer Anklageerhebung ist in den nächsten Wochen zu rechnen.“ Im Fokus stünden die beiden Organisatoren des Seminars sowie zwei Helfer. Die Ermittlungsverfahren gegen die übrigen 25 Teilnehmer waren eingestellt worden. „Sie haben damals die Droge nach unseren Erkenntnissen nur zum sofortigen Konsum erhalten“, sagt Breas.

„Das waren Heilpraktiker, Ärzte, Homöopathen und Psychologen“, sagte die Geschäftsführerin des Tagungszentrums drei Wochen nach dem Vorfall, noch immer fassungslos. „Ich bin froh, dass alle überlebt haben.“ Sie habe kein Verständnis für Drogen, auch nicht zur Bewusstseinserweiterung, sagte die Frau. Der Veranstalter habe nur die Räume gemietet, betonte sie, für die Inhalte des Seminars sei sie nicht zuständig. „Hier geht es um Ruhe in einer idyllischen Umgebung, um Bewegung und Tanz. Wir fühlen uns missbraucht.“

Dann meldet der Schweizer „Tagesanzeiger“, dass der Organisator ein enger Vertrauter des Schweizer Therapeuten Samuel Widmer sei, auch deutsche Medien berichten über einen möglichen Psycholyse-Zusammenhang. Widmers Kirschblütengemeinschaft wird von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als „problematisch“ eingestuft, Kritiker sprechen von einer Sekte.

Die Sprecherin der Gruppe ist kurzfristig nicht erreichbar. „Natürlich haben wir auch hier in der Schweiz von den Geschehnissen um die Heilpraktiker in Handeloh gehört“, heißt es auf der Internet-Seite der Kirschblütengemeinschaft. „Obwohl uns noch gar nicht bekannt ist, wer die betroffenen Personen in Handeloh sind, wird ein Schüler von Samuel Widmer darunter vermutet.“ Und: „Hier wird somit nicht nur versucht, eine Therapiemethode zu diskreditieren, sondern ein Rufmord an Menschen riskiert, die einfach anders leben wollen.“

Mit Psychotherapie und Medizin habe die sogenannte Psycholyse aber nichts zu tun, heißt es dagegen bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Der Einsatz illegaler Drogen sei eine Straftat, es drohe zudem Machtmissbrauch durch den Therapeuten.

„Psycholyse hat nichts mit psychologischer Arbeit zu tun, sondern ist ein Versprechen auf schnelle Heilung, dass therapeutisch nicht eingelöst werden kann“, sagt auch Prof. Michael Utsch von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche. „Damit bekommt die Methode fast einen Heilscharakter“, warnt Utsch, der sich mit Widmer und der Kirschblütengemeinschaft beschäftigt hat.

„Ein möglicher Sektenhintergrund ist nicht Gegenstand der Ermittlungen“, sagt Breas. „Im Gesamtkontext könnte ein Einsatz der Drogen zu therapeutischen Zwecken, etwa im Rahmen einer sogenannten Psycholyse, allerdings Berücksichtigung finden.“

dpa

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