„Er setzte auf Abschreckung“

Interview mit Vampir-Forscher aus Hessen: Historiker beschäftigt sich mit Dracula

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Vielfach verfilt: Diese Szene stamm aus dem Dracula-Horro, der ab 1958 in den Kinos lief. Christopher Lee spielte die Hauptrolle.

Gießener Historiker wollen Licht ins Dunkel um den Fürsten Dracula bringen. Thomas Bohn ist Teil des Forschungsteams. Wir haben ihn interviewt.

Herr Professor Bohn, wie kommen Sie eigentlich als Historiker darauf, zum Thema Dracula zu forschen? 

Prof. Thomas Bohn: Ich habe mich von dem Film „Bram Stoker’s Dracula“, bei dem Francis Ford Coppola Regie geführt hat, inspirieren lassen. Die Eingangssequenz hat mich fasziniert: Die Osmanen erobern die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel – später wird der rumänische Vampirgraf Dracula dann in dem Film als Türkenkrieger dargestellt, der gegen sie zu Felde zieht – das hat mich gepackt.

Steckt eine reale Figur hinter Dracula? 

Bohn: Dahinter steckt Fürst Vlad III. aus dem 15. Jahrhundert, der wegen seiner beliebten Hinrichtungsmethode auch als der „Pfähler“ bekannt wurde. Später erhielt er auch einen Ehrennamen, nämlich Dracula. Das ist die Verkleinerungsform von „Dracul“ und steht im heutigen Rumänischen für Teufel.

Gibt es weitere Hintergründe des Namens? 

Bohn: Ja. Der Vater von Vlad III., der ebenfalls Vlad hieß, war Mitglied im Drachenorden Kaiser Sigismunds, der sich sowohl gegen die Hussiten in Böhmen richtete als auch gegen die Osmanen. Er wurde deshalb „Vlad Dracul“, sprich der Drache, genannt, um die Mitgliedschaft in diesem katholischen Orden zu dokumentieren. Dracula wurde als Verkleinerungsform auf den Sohn übertragen.

Was hat es mit der Hinrichtungsmethode auf sich? 

Bohn: Fürst Vlad setzte auf eine Abschreckungspolitik. Vlad, der Pfähler, war im 15. Jahrhundert dreimal für einige Zeit an der Macht im Fürstentum Walachei. Er musste sich gegen viele Konkurrenten durchsetzen, um an der Macht zu bleiben – in diesem Zusammenhang gibt es ein Flugblatt über eine Strafaktion. Demnach soll es vermeintlich ein Frühstück von Vlad vor seinen gepfählten Opfer gegeben haben.

Gibt es in der Geschichte weitere Beispiele für diese Art der Kriegsführung? 

Bohn: In der Auseinandersetzung mit der Übermacht der Osmanen setzte Vlad ebenfalls auf Abschreckung: Er spießte die Feinde auf, um die ankommenden Gegner zu verunsichern.

Wie entwickelt sich aus Vlad dann der Mythos eines Vampirs? 

Bohn: Heute würde man sagen: Vlad hatte eine schlechte Presse. Unter den Zeitgenossen galt er nicht als Vampir, sondern als „Pfähler“ oder „Wüterich“. Seine Feinde – Gegner aus dem walachischen Adel oder Konkurrenten unter den siebenbürgischen Kaufleuten – lancierten Schauergeschichten in die aufkommende Flugschriftenliteratur. Zudem haben ihn die osmanischen Geschichtsschreiber wegen seiner unkonventionellen Kriegsführung regelrecht verteufelt. Schließlich wuchs Vlad als Geisel beim osmanischen Sultan auf, wandte sich aber dann gegen die Osmanen.

Aber zum blutsaugenden Vampir wurde Vlad dann erst später? 

Vlad III: Der kolorierte Holzschnitt aus dem 15. Jahrhundert zeigt Fürst Vlad, genannt „Dracula“.

Bohn: Ja. Dafür ist Bram Stoker mit seinem Roman „Dracula“ von 1897 für verantwortlich. Die Schändung der Gräber von Toten, die vermeintlich Schaden anrichten, wurde in den 1730er Jahren in derMilitärgrenze des Habsburgerreiches zu den Osman ein großes Thema. An den protestantischen Universitäten in Deutschland kam es zu einer Vampirdebatte zwischen Theologen und Medizinern, die Niederschlag in der Literatur fanden. An diese Tradition knüpft Stoker an. Er hörte zufällig vom Namen „Dracula“ und erfreute sich an dem Wortklang. Deshalb entschied er sich, diese Figur als Vorbild seines Vampirgrafen zu stilisieren.

Was wollen Sie mit Ihrem Forschungsteam an der Universität Gießen jetzt herausfinden? 

Bohn: Wir wollen dem historischen Dracula und damit Vlad gerecht werden. Es geht darum, Dokumente und Chroniken in den unterschiedlichen Sprachen des Donau-Balkan-Raumes zusammenzutragen und zu übersetzen. Auf diese Weise soll die Biographie des Pfählerfürsten erarbeitet und seine Rolle bewertet werden - der erste Band ist schon erschienen. Zwei weitere sollen Folgen.

Zur Person

Thomas Bohn (52) wurde in Hannover geboren. Im Anschluss an das Abitur studierte er von 1985 bis 1991 Mittlere und Neuere Geschichtesowie Slavistik an der Universität Hamburg. Nach der Promotion erfolgte 2004 die Habilitation über den Wiederaufbau der weißrussischen Hauptstadt Minsk nach 1945. Bohn lehrt seit 2009 als Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Gießen. In diesem Jahr erschien sein Buch „Der Vampir. Ein europäischer Mythos“, Köln: Böhlau, 2016. In seiner Freizeit fährt er gerne Fahrrad.

Mythen: Dracula und Vampire

Das Dracula-Schloss:  Wer nach Spuren des Blutsaugers sucht, kommt an Schloss Bran in Siebenbürgen (Rumänien) nicht vorbei. Die Festung wurde im 14. Jahrhundert erbaut. Noch während Diktator Nicolae Ceausescu Rumänien regierte, wurde sie zum Dracula-Schloss erklärt. Es gibt aber keinen Beweis, dass Vlad III. auf dem Schloss lebte.

Die Blutsauger: Vampire sind in den Mythen untot. Sie sind lebende Tote, deren Hauptanliegen das Blutsaugen ist. Vampire brauchen Energie und Leben, das sie sich durch das Blut von Lebenden holen.

Die Verwandlungskünstler: Vampire können in Büchern und Filmen oft senkrecht Wände hinaufgehen, sich unsichtbar machen oder sich in andere Gestalten verwandeln..

Die Schattenseiten: Häufig wird Dracula als ein Schattenwesen dargestellt, das die Sonne meidet. Fällt Sonnenlicht auf einen Vampir, so zerfällt er zu Staub. Auch Feuer oder ein Holzpflock, der ihm durchs Herz gestoßen wird, bringt den Vampir um. Als Abwehrmittel gelten Knoblauch, Kreuze oder Weihwasser.

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