Vor 25 Jahren lockt Dietmar J. zwei Polizisten in einen Hinterhalt und erschießt sie

Kaltblütig: Polizistenmord nach fingiertem Notruf

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Mit allen Kräften: Experten vom Bundeskriminalamt untersuchen den ausgebrannten Dienstwagen der beiden erschossenen Holzmindener Polizisten am 17. Oktober 1991 auf Spuren.

Vor 25 Jahren erschüttert ein unfassbares Verbrechen die Republik: Zwei Polizisten werden nachts in einen abgelegenen Wald bei Holzminden gelockt und dort kaltblütig ermordet. Wir sprachen mit dem damaligen Vorgesetzten der beiden getöteten Polizisten.

„Äh, gut’n Tach, Meier mein Name. Ich hab’n, äh, Wildunfall. Könnten Sie wohl jemanden vorbeischicken? Keiner verletzt, is’ nur ein bisschen an der Stoßstange.“ (Notruf von Dietmar J. mit verstellter Stimme in der Nacht auf den 12. Oktober 1991)

Es ist der Abend des 12. Oktober 1991. Der Polizeibeamte August-Wilhelm Winsmann hat wenige Stunden zuvor seinen Nachtdienst auf der Polizeiwache in Holzminden begonnen. „Eigentlich ein ganz normaler Abend“, sagt der heute 62-Jährige. Bis um 2.30 Uhr von der Polizei Höxter ein Notruf weitergeleitet wird. Zwischen Neuhaus und Boffzen im Solling ist ein Wildunfall passiert. „Danach“, sagt Winsmann, „war überhaupt nichts mehr normal.“ Der 12. Oktober 1991 ist der Tag, an dem auf dem Waldparkplatz an der Strecke zwischen Neuhaus und Boffzen im Solling Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski kaltblütig ermordet werden. Der Mörder der beiden Polizisten, Dietmar J., sitzt noch heute in Haft.

Die Tatnacht

Die späteren Opfer befinden sich auf der Rückfahrt von einem Einsatz. Als Winsmann einen anderen Streifenwagen zu dem Wildunfall schicken will, melden sich die beiden Kollegen über Funk. „Wir übernehmen das“, kündigt Lorkowski an.

Traurige Pflicht: Kollegen der Polizeiwache Holzminden hielten die Totenwache für Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski.

„Das ist das letzte, was ich von den beiden gehört habe“, sagt Winsmann. Als sich die Kollegen nach einer Stunde noch nicht gemeldet haben, beschleicht den Vorgesetzten ein ungutes Gefühl. Er schickt einen zweiten Streifenwagen zu dem Parkplatz. Als die Beamten den Boden ableuchten, finden sie nur Blut, Knochensplitter und Patronenhülsen. Sofort wird Verstärkung angefordert. Als die Nachtschicht zu Ende ist, fährt Winsmann zu den Ehefrauen der Vermissten: „Ich sagte ihnen, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen müssen.“ Vier Tage wird gesucht. Ohne Erfolg. Winsmann: „Irgendwie wussten wir, dass die beiden Kollegen tot sind. Danach wollten alle nur noch den Mörder finden.“

Die Opfer

Polizeiobermeister Andreas Wilkending ist 34 Jahre alt, sein Kollege, Polizeiobermeister Jörg Lorkowski, 30. Beide sind verheiratet, Wilkending ist Vater von zwei kleinen Kindern. August-Wilhelm Winsmann kennt beide bereits, als er am 1. Oktober 1991, wenige Tage vor der Tragödie, seinen Dienst in Holzminden antritt. Mit Wilkending hat er 1974 seine Ausbildung bei der Polizei begonnen, Lorkowski kennt er vom Polizei-Fußball. „Wir waren nicht nur Kollegen, wir waren Freunde.“

Die Festnahme

Am 16. Oktober 1991 stürmt ein Spezialeinsatzkommando (SEK) aus Bielefeld in Bredenborn im Kreis Höxter das Wohnhaus, in dem Dietmar J. und seine Brüder Manfred und Ludwig leben. Im TV läuft gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland-Wales. „Wir wussten, dass die Brüder fußballverrückt sind und vorm Fernseher sitzen“, sagt Winsmann.

Der fingierte Notruf vier Tage zuvor war damit nicht nur den Opfern zum Verhängnis geworden, sondern auch dem Täter. Obwohl Dietmar J. bei dem Anruf seine Stimme verstellt hatte, wurde er identifiziert, als die Aufzeichnung im Radio und im Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Der Erfolg

„Von der Tatnacht bis zur Festnahme waren wir alle wie elektrisiert. Immer wenn ein Wildunfall gemeldet wurde, war da ein komisches Gefühl.“, blickt Winsmann zurück. Auch die Bevölkerung habe damals die Anspannung der Polizisten bemerkt: „Wir sind jedem mit der Hand an der Waffe entgegengetreten.“

Der Prozess

Der Prozess zieht sich über zweieinhalb Jahre. Im Februar 1995 verurteilt das Landgericht Hildesheim Dietmar J. zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Sein Bruder Manfred, der Dietmar in der Nacht zu dem Waldparkplatz gefahren hatte, bekommt zehn Jahre Haft wegen Beihilfe. Der jüngste Bruder, Ludwig, wird vom Vorwurf des Doppelmords freigesprochen. August-Wilhelm Winsmann: „Ludwig war seinem Bruder hörig und nur Mitläufer.“

Zur Person

August-Wilhelm Winsmann (62) war Dienstabteilungsleiter bei der Polizei Holzminden, als Dietmar J. vor 25 Jahren seine beiden Kollegen ermordete. Winsmann war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 17 Jahren Polizist. Im Juli 2016 ging er in Pension. Er wohnt mit seiner Frau in der Nähe von Holzminden.

Motiv war tiefer Hass auf die Polizei

Die Täter: Der Polizistenmörder von Holzminden, Dietmar J., war leidenschaftlicher Jäger und Waffennarr

Nach dem Verschwinden der beiden Polizeibeamten in der Nacht zum 12. Oktober 1991 startet eine der größten Suchaktionen der Nachkriegsgeschichte: Mehr als 6000 Polizeibeamte aus mehreren Bundesländern wollen ihre Kollegen Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski unbedingt finden. Es werden sogar britische Militärflugzeuge eingesetzt, die damals schon mit Wärmebildkameras ausgerüstet sind. Doch die beiden Polizisten bleiben verschwunden.

Zeitgleich werten Spezialisten den Notruf aus, den der Mörder Dietmar J. in der Tatnacht abgesetzt hatte. Schnell ist klar, dass es sich bei dem Anrufer um einen jüngeren Mann handeln muss, der aus Ostwestfalen stammt. Die bearbeitete Aufnahme wird wenig später im Radio und im Fernsehen veröffentlicht. Den Durchbruch bringt der Hinweis eines Justizbeamten aus der JVA Bielefeld-Brackwede. Er identifiziert den Anrufer als den damals 29-jährigen Dietmar J., der wenige Wochen zuvor wegen guter Führung vorzeitig aus einer zehnmonatigen Haftstrafe entlassen worden war. Am 16. Oktober 1991 gegen 21.30 Uhr nimmt ein Spezialeinsatzkommando der Polizei Bielefeld die drei Brüder fest. Während Dietmar und der jüngste der Brüder, Ludwig, ohne Probleme überwältigt werden können, versucht Manfred sich das Leben zu nehmen, indem er sich ein Jagdmesser zweimal in die Brust und ein feststehendes Stiefelmesser zweimal in den Hals sticht. Er kommt zunächst schwer verletzt in eine Klinik.

In einem Hohlraum unter dem Dachboden des Hauses finden die Ermittler zwei Maschinenpistolen und das G3-Sturmgewehr, mit dem die beiden Polizisten erschossen worden waren. Das Gewehr hatten die Brüder bei einem Überfall auf zwei Wachhabende der Rommel-Kaserne in Augustdorf erbeutet. Im Verlauf des Prozesses werden dem Trio noch weitere Überfälle auf Kasernen nachgewiesen, bei denen sie jede Menge Waffen und Munition erbeutet hatten.

Eine Woche nach der Tat legt Dietmar J., leidenschaftlicher Jäger und Waffennarr, ein Geständnis ab. Als Motiv gibt er tiefen Hass auf die Polizei an. Danach führt er die Polizei zu einem Waldstück am Truppenübungsplatz Senne in Nordrhein-Westfalen, wo er die Leichen der beiden Polizisten vergraben hatte. 

Stilles Gedenken am 12. Oktober

Auch nach 25 Jahren ist der Mord an den beiden Polizisten Andreas Wilkending und Jörg Lorkowski in der Region Holzminden noch präsent. Auf dem Waldparkplatz an der Landesstraße zwischen Neuhaus und Boffzen erinnert ein Gedenkstein an die Getöteten. Auch auf der Polizeiwache Holzminden gibt es eine Steintafel mit den Namen der beiden Opfer. Am 25. Jahrestag der Ermordung, am Mittwoch, 12. Oktober, wird es auf dem Waldparkplatz im Solling eine kleine, nichtöffentliche Gedenkfeier geben.

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