Horror-Fund in Hannover

"Keine Monster": Psychologin über Mütter, die ihre Babys töten

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Isabella Heuser ist Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité.

München - "Diese Frauen sind keine bösartigen Monster." Interview mit Psychologin Isabella Heuser über Mütter, die ihre Neugeborenen töten.

Wenn versteckte Babyleichen gefunden werden, ist der Schock jedes Mal groß. Warum nehmen sich manche Frauen ihrer Kinder nicht an? Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, Isabella Heuser, gibt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur Antworten.

Frage: Aus welcher Lage heraus verstecken Frauen ihr Neugeborenes, bringen es vielleicht sogar bewusst um?

Isabella Heuser: Da muss man zwei Situationen unterscheiden: Zum einen, wenn Frauen die Schwangerschaft nicht wahrnehmen und von der Geburt überrascht werden, in Panik geraten und den Säugling irgendwo ablegen, töten oder vergraben. Die andere Situation ist, dass diese Frauen zwar die Schwangerschaft bemerken, es aber vor allen verbergen und selbst in einen Zustand geraten, in dem sie es vorübergehend vergessen. Das sind oft Frauen, deren Partner keine Kinder mehr will oder die sich in der Fürsorge von bereits vorhanden Kindern überwältigt fühlen.

Heuser: Welche Rolle spielen Schwangerschaft und Geburt für diese Frauen?

Antwort: Diese Frauen sind alle, egal aus welcher Motivation sie handeln, in einer Ausnahmeausnahmesituation. Typisch ist ein vermindertes Selbstfürsorgeverhalten: Sie sind eher abhängig von anderen Menschen, eher unsicher, stellen sich häufiger hinten an und sorgen sich nicht so sehr um sich selbst.

"In der Regel sind diese Frauen in einer psychologisch schlechten Situation"

Heuser: Liegt es daran, dass sie dann auch nicht für das Kind sorgen?

Antwort: Häufig ist es so, dass das Kind nicht als Teil von einem selbst wahrgenommen wird. Und nicht als etwas, um das man sich kümmern muss. Aber man muss betonten, dass diese Frauen keine bösartigen Monster sind, die nur an sich denken. In der Regel sind diese Frauen in einer psychologisch schlechten Situation, in der sie wenig Unterstützung wahrnehmen aus ihrem Umfeld, zum Beispiel vom Partner. Sie können sich schlecht mitteilen, haben Schwierigkeiten über Gefühle zu kommunizieren.

Heuser: Bekommt das Umfeld wirklich nichts von alledem mit?

Antwort: Die Partner, haben - so viel ich weiß - bisher fast immer gesagt, sie hätten nichts gemerkt. Häufiger ist es so, dass die eigene Mutter die Tochter mal anspricht: „Mensch, du bist aber dick geworden“ oder „Du ziehst aber plötzlich Flatterkleider an“. Das wird von der Schwangeren aber mit einer Bemerkung abgetan wie „Nö, nö, mit dem Alter wird man eben dicker“. Es ist aber so, dass sicherlich auch mit dem Umfeld eine erhebliche Kommunikationsstörung besteht.

Heuser: Was schätzen Sie, wie häufig kommt so etwas vor?

Antwort: Diese Fälle sind, Gott sei Dank, extrem selten. Ich selbst hatte auch nur sehr, sehr wenige solche Patientinnen. Jeder Fall ist zudem auch individuell verschieden. Manchmal ist es ja auch so, dass Frauen nach der Geburt Babyklappen oder andere Orte nutzen, damit die Kinder gefunden werden.

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