Das Ende der Sonde Rosetta naht

Landung auf dem Wassereis-Kometen Tschuri

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Landeanflug: Eigentlich sollte die Raumsonde Rosetta nicht auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko landen, nun wird sie es am 30. September doch tun und fortan mit ihm durchs Sonnensystem fliegen. Vorher soll die Kamera Osiris noch während des Manövers viele Fotos schießen.

Das ist das Ende - ein dramatisches Ende: Die Raumsonde Rosetta landet am nächsten Freitag auf dem Kometen Tschuri. Vermutlich wird Rosetta nach dem Touchdown verstummen und fortan mit Tschuri durch die entlegenen Ecken unseres Sonnensystems fliegen.

Vorher aber - und deshalb auch die Landung - soll Rosetta von ihrer Landeaktion noch Fotos aus nächster Kometennähe zur Erde funken.

Damit endet die Rosetta-Mission, eine der spektakulärsten Weltraumexpeditionen überhaupt: Erstmals ist es Menschen gelungen, ein Forschungslabor auf einem Kometen abzusetzen, Experimente auszuführen, tausende fantastische, nie zuvor gesehene und mittlerweile mehr als 50.000 Fotos zu schießen.

„Das hat das Bild der Menschen von Kometen verändert“, sagt Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen. Sierks ist verantwortlich für das Kamerasystem Osiris an Bord der Muttersonde und täglich aufs Neue begeistert von den Ergebnissen.

Philae hat bereits alles vorgemacht: Die kleine Tochtersonde von Rosetta ist, wie Jahrzehnte vorher geplant und dann erdumspannend von den Weltraumforschern bejubelt, am 12. November 2014 auf „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“ gelandet und nach einigen Hüpfern auf dem gravitationsarmen Kometen im Schatten einer Felswand hängengeblieben. Eine Aktion, die den Weltraumforschern den Atem nahm.

Dort entdeckten die Göttinger Forscher vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, die auch die Kamera Osiris und die Fotoauswertung betreuen, erst kürzlich den verschollenen, kühlschrankgroßen Lander Philae.

Im Schatten liegend, hatte Philae die sonnenlichtgespeisten Batterien nicht aufladen können. Die Folge: Nur eine Akku-Ladung und etwa 60 Stunden Zeit blieben, um Experimente und Messungen abzuwickeln, einige tausend Datenpakete zur Erde zu funken. Am 15. November 2014 ging Philae in den Ruhezustand. Mitte Juni 2016 meldete er sich wieder, um bald wieder zu schweigen.

Die Form einer Quietsche-Ente: Der Komet 67P/Tschurjumow/Gerasimenko, kurz Tschuri genannt, aufgenommen von der Kamera Osiris an Bord der Raumsonde Rosetta.

Aber sowohl Philae als auch Rosetta haben unglaublich viele Daten aus Experimenten und Fotos gesammelt. Die Forscher in den vielen beteiligten Instituten werden noch jahrelang die Daten auswerten, am Puzzlespiel basteln und dann ein Gesamtbild erstellen, so MPS-Forscher Harald Krüger. Teile des Puzzles sind sichtbar, weil veröffentlicht: 

• Sie entdeckten die wohl ältesten und am wenigsten veränderten Staubpartikel unseres Sonnensystems, von vor etwa 4,56 Milliarden Jahren. Die Partikel wurden untersucht, und die Daten geben Aufschluss über die Zusammensetzung des Ur-Materials. 

• Sie fanden Indizien dafür, wie dort Leben entstehen könnte: So wurden organische Moleküle, auch eine Aminosäure, auf Tschuri und in dessen Schweif nachgewiesen - alles Schlüsselmoleküle für das Entstehen von Leben. 

• Man weiß nun, woraus Kometen bestehen und wie sie im Detail aussehen. Tschuri hat die Form einer Quietsche-Ente. Das war überraschend für die Forscher. Eine Staubschicht bedeckt die Oberfläche.

Aber: Der Untergrund ist porös und von Hohlräumen durchsetzt. Größtenteils besteht der Komet aus Wassereis, das aber selten freiliegend zu sehen ist. 

• Diese Mengen gebundenen Wassers in Kometen sollten nach Wissenschaftstheorien auch für das Wasser bei uns verantwortlich sein, über Kometen-Einschläge unsere Erde zum blauen Planeten gemacht haben. Das war aber wohl nicht so, wie Analysen auf Tschuri ergeben haben. Das Wasser dort ist anders zusammengesetzt, enthält deutlich mehr schweren Wasserstoff als irdisches Wasser.

Den Traum aller Beteiligten der Rosetta-Mission spricht Harald Krüger aus: Mit einer neuen Mission gefrorenes Material von einem Kometen auf die Erde zu bringen. Konkrete Pläne dafür gibt es noch nicht. „Man wollte erst die Erfahrungen von Rosetta nutzen.“

So würden mit einem Planungsvorlauf Jahrzehnte vergehen, bis Kometenmaterial - vielleicht von Tschuri - auf der Erde landen könnte. Es sei denn, ein Komet überlegt es sich und schlägt auf der Erde ein.

Stichwort: Komet Tschuri

67P/Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, wurde 1969 entdeckt. Er hat einen mittleren Durchmesser von vier Kilometern und eine Hantel- oder Quietsche-Entchen-Form. Der Körper hat etwa die Dichte von Kork, besteht aus vielen Hohlräumen. Tschuri kreist in 6,45 Jahren um die Sonne, kommt ihr bis auf etwa 195 Millionen Kilometer nah, wie im August 2015.

Rosetta-Mission

Rosetta gilt als ambitionierteste und gewagteste unbemannte Raumfahrtmission. Sie wird getragen von der Europäischen Weltraumagentur ESA und der amerikanischen NASA. 17 Nationen und 400 Wissenschaftler sind beteiligt. Seit 1992 wird an dem Projekt gearbeitet.

Beginn war am 2. März 2004 mit dem Start einer Ariane-5-Rakete in Kourou. Seitdem hat Rosetta bis zum Erreichen der eliptischen Tschuri-Umlaufbahn etwa acht Milliarden Kilometer zurückgelegt.

Die Mission dauerte etwa ein dreiviertel Jahr länger als geplant und wird am Ende etwa zwei Milliarden Euro kosten. Auf Deutschland entfallen in 20 Jahren etwa 300 Millionen Euro.

Zum Vergleich: Ein Eurofighter-System kostet etwa 120 Millionen Euro. 

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