Luftraum bis Dienstag gesperrt - heftige Kritik

Hamburg - Die Vulkanasche hat den deutschen und den europäischen Luftraum fest im Griff. Am Montag geht noch immer nichts. Nun regt sich heftige Kritik am Krisen-Management.

Der Luftraum über Deutschland wird aller Voraussicht nach bis mindestens 02.00 Uhr am Dienstagmorgen gesperrt bleiben. Allerdings könnten neue Erkenntnisse des Forschungsflugzeugs des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), das am Montagnachmittag aufsteigen sollte, oder ein Wetterumschwung die Entscheidung ändern, erklärte die Deutsche Flugsicherung (DFS). Im Streit über die Luftraumsperrung beharrten beide Seiten auf ihren Standpunkten. Verschiedene europäische Fluglinien kritisieren nach mehreren Testflügen die Luftraumsperrung und fordern deren Ende. Lufthansa und Air Berlin bemängelten vor allem, dass die Sperrungen allein auf Grundlage von Computersimulationen veranlasst würden. DFS-Sprecher Axel Raab räumte im ZDF ein, er könne die Kritik vor dem Hintergrund der finanzielle Verluste der Fluggesellschaften verstehen. Erst jetzt habe aber das DLR eine Maschine mit Geräten ausrüsten können, mit denen man die Asche-Konzentration messen könne. “Das ist ja für uns alle eine Premiere, das hat es noch nie gegeben bisher“, sagte Raab. Im Sender n-tv betonte er, es tue der DFS “wahnsinnig leid für die Passagiere, vor allen Dingen für die Fluggesellschaften, dass wir diese harten Maßnahmen treffen mussten“. Aber die DFS habe für die Sicherheit im deutschen Flugraum zu sorgen: “Das kann uns keiner abnehmen.“ 

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) wies die Kritik der Fluggesellschaften am Flugverbot erneut zurück. “Für mich steht Sicherheit an erster Stelle. Es wäre beinahe zynisch und mit mir politisch nicht machbar, Umsatzeinbrüche gegenzurechnen mit irgendeinem nicht vertretbaren Risiko für Leib und Leben von Passagieren“, sagte er im Deutschlandfunk.

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Nach Ansicht der Fluggesellschaften sind die Einschränkungen unnötig umfassend. Alle eigenen Testflüge bisher seien problemlos verlaufen, argumentieren sie. Die Internationale Luftfahrtvereinigung IATA kritisierte einen unprofessionellen Umgang der EU-Staaten mit der Aschewolke. Es gebe “keine Risikoeinschätzung, keine Konsultation, keine Koordinierung und keine Führung“, sagte IATA- Präsident Giovanni Bisignani in Paris. Es habe fünf Tage gedauert, bis die EU eine Videokonferenz zustande gebracht habe. Die Fluggesellschaften verlieren laut IATA jeden Tag mindestens 200 Millionen Dollar (148 Millionen Euro) wegen der Flugverbote. Hinzu kämen Ausgaben etwa für die Entschädigung von Passagieren und für den Treibstoff zur Verlegung leerer Flugzeuge.

100.000 deutsche Touristen betroffen

Von den Sperrungen im Luftverkehr sind nach Schätzung der Reiseveranstalter etwa 100.000 deutsche Pauschaltouristen im Ausland betroffen. Diese Zahl sei dem Außenministerium am Wochenende genannt worden, sagte der Sprecher von Minister Guido Westerwelle, Andreas Peschke, am Montag in Berlin. Sie sei allerdings “mit Vorsicht zu genießen“.

Westerwelle habe die deutschen Vertretungen in aller Welt angewiesen, den festsitzenden deutschen Touristen mit besonderer Priorität zu helfen und bei individuellen Notlagen konsularisch beizustehen, sagte der Sprecher. Die Vertretungen seien “in erhöhter Alarmbereitschaft, um in Notfällen Ansprechpartner zu sein“. Bislang sei dies jedoch nur in Einzelfällen notwendig gewesen, etwa wenn es darum gegangen sei, Medikamente zur Verfügung zu stellen.

Erste deutscher wissenschaftlicher Testflug

Mit Spannung wurde am Montag der erste deutsche wissenschaftliche Testflug erwartet: Am Nachmittag sollte das Spezialflugzeug in Oberpfaffenhofen bei München Richtung Aschewolke starten. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) erhofft sich von dem Messflug genauere Daten. “Wir hoffen, dass wir dann eine bessere Basis haben, auf der wir Entscheidungen treffen können“, sagte DFS-Sprecher Axel Raab im “Morgenmagazin“ des ZDF. Die Daten würden vom Volcanic Ash Advisory Centre (VAAC) in London ausgewertet.

Europaweit ging die Zahl der Flugverbote in der Nacht zum Montag zeitweise zurück. Nach Angaben der europäischen Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel war der Luftraum am Morgen vor allem im Süden am Mittelmeer und in großen Teilen Skandinaviens wieder frei. Vereinzelt - etwa in Norditalien und Polen - wurde der Luftraum jedoch schon nach wenigen Stunden wieder geschlossen. Am Sonntag hatte sich die Sperrung zeitweise von Mallorca bis Nordnorwegen und von Irland bis zur Türkei erstreckt. Reiseveranstalter konzentrierten sich darauf, möglichst viele Kunden heimzuholen.

Royal Navy soll Briten heim holen

Briten werden demnächst möglicherweise sogar von der Marine ihres Landes nach Hause gebracht. Es werde geprüft, welche Kapazitäten die Royal Navy habe und welche Häfen benutzt werden könnten, sagte der britische Sicherheits-Staatssekretär Alan West. Der Reiseverband Abta ging davon aus, dass derzeit 150.000 Briten im Ausland festsitzen. Ähnlich hoch dürfte die Zahl deutscher “Gestrandeter“ sein.

Angesichts des Ansturms auf Züge ausweichender Reisender bat die Deutsche Bahn, zu Wochenbeginn nur unbedingt notwendige Fahrten anzutreten. Die Züge seien bereits von Berufspendlern ausgelastet, sagte ein Sprecher. Die Asche über Europa stellt die Bahn vor eine der größten Herausforderungen der vergangenen Jahre: Am Montag wurden den fünften Tag in Folge mehr Züge als normal eingesetzt. Seit Donnerstag sehen sich Fluggäste mit massiven Behinderungen konfrontiert.

Zehntausende Flüge sind ausgefallen, hunderttausende Menschen hängen auf Urlaubsinseln oder Flughäfen ferner Länder fest. Am Abend wollten die EU-Verkehrsminister per Videokonferenz über die Lage beraten. Wo immer das möglich ist, sollten Luftraumsperrungen wieder aufgehoben werden, sagte der niederländische Verkehrsminister Camiel Eurlings zuvor im Fernsehen. Dafür werde er sich einsetzen.

70 Prozent der Flüge in Europa fallen aus 

Die europäische Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol rechnet für diesen Montag nur mit einer leichten Entspannung der chaotischen Situation im Luftverkehr. Etwa 70 Prozent der Flüge sollen im Laufe des Tages ausfallen, wie die Behörde am Montag mitteilte. Demnach würden nur etwa 8000 bis 9000 Verbindungen der normalerweise gut 28 000 Verbindungen an einem normalen Montag zustande kommen. Bisher hatte es nach dem Beginn der Aschegefahr am vergangenen Donnerstag mit jedem Tag mehr Ausfälle gegeben. Dieser Trend kehrt sich der Prognose zufolge nun erstmals wieder um: Von rund 80 Prozent Ausfall vom Sonntag auf nunmehr 70 Prozent.

dpa

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