Meeresspiegelanstieg langsamer als angenommen

Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen. Hier bewundern Touristen allerdings nur eine große Welle im spanischen San Sebastian. Foto: Juan Herrero
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Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen. Hier bewundern Touristen allerdings nur eine große Welle im spanischen San Sebastian. Foto: Juan Herrero

Cambridge (dpa) – Der Meeresspiegel ist im vergangenen Jahrhundert insgesamt womöglich weniger stark angestiegen als bisher angenommen. Dies berichten US-Forscher nach einer Neuauswertung der vorhandenen Messdaten im britischen Fachblatt "Nature".

Seit etwa 1993 sei der Meeresspiegel dann erheblich stärker angestiegen als in den Jahrzehnten zuvor. Die Neuberechnung beeinflusse Vorhersagen zum künftigen Anstieg des Meeresspiegels, schreiben die Forscher.

Veränderungen des globalen Meeresspiegels werden vor allem mit Hilfe von Messdaten von Gezeitenpegeln errechnet. Einige Messstationen zeichnen schon seit dem 18. Jahrhundert die Pegelstände auf. Allerdings sind die Stationen insgesamt rar und vor allem in Küstennähe und auf der Nordhalbkugel zu finden. Oft sind die Aufzeichnungen auch lückenhaft, so dass die Zuverlässigkeit der Ergebnisse insgesamt beeinträchtigt ist. Bei bisherigen Berechnungen waren Experten auf einen jährlichen Anstieg des Meeresspiegels von etwa 1,6 bis 1,9 Millimetern pro Jahr gekommen.

Diese Werte schienen einigen Fachleuten zu hoch, weil die einzelnen Quellen für den Anstieg des Meeresspiegels – das Schmelzen von Gletschern und Eisflächen, die wärmebedingte Ausdehnung des Wassers und eine veränderte Speicherung an Land – nur einen geringeren Anstieg erklären können. Die Neuberechnung der Forscher um Carling Hay von der Harvard University in Cambridge (US-Staat Massachusetts) könnte diesen Widerspruch auflösen.

Die Forscher hatten die Messdaten nach einer sogenannten Kalman-Glättung neu bewertet. Diese mathematische Methode erlaubt es, räumlich und zeitlich unvollständige Datensätze unter bestimmten Wahrscheinlichkeitsannahmen zu analysieren. Dabei wurden sowohl die gemessenen Pegelstände als auch die dem Anstieg zugrundeliegenden Prozesse berücksichtigt.

Die Neuberechnung kommt für die Jahre zwischen 1901 und 1990 zu einem jährlichen Anstieg des Meeresspiegels von etwa 1,2 Millimetern. Dieser Wert schließe die bisherige Lücke im Meeresspiegel-Budget und decke sich gut mit den Berechnungen zu den Mengen, die aus den unterschiedlichen Quellen freiwerden. Mit verschiedenen Tests bestätigten die Wissenschaftler, dass wahrscheinlich die Knappheit und das Fehlen von Datensätzen für die bisher höheren errechneten Werte verantwortlich sind.

Für die Jahre zwischen 1993 und 2010 kommen die Forscher auf einen Anstieg von jährlich etwa drei Millimetern. Dies decke sich mit den bisherigen Berechnungen. Die Diskrepanz zwischen dem Anstieg im Großteil des 20. Jahrhunderts und den vergangenen Jahrzehnten sei mithin größer als bisher angenommen – der Meeresspiegel scheint also seit 1993 noch stärker zu steigen als bereits vermutet. Dies müsse bei Vorhersagen zum künftigen Anstieg berücksichtigt werden, schreiben die Wissenschaftler.

Der Anstieg des Meeresspiegels bedroht vor allem die Bewohner kleiner Inselstaaten, die oft nur wenige Meter über dem Meeresspiegel liegen, warnte das UN-Umweltprogramm (Unep) kürzlich auf einer UN-Konferenz. Zudem machen höhere Meeresspiegel Küstenbewohner anfälliger für Flutwellen, etwa infolge von tropischen Stürmen. Darauf wies unter anderem die Weltwetterorganisation WMO hin.

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