Meisterhaft radikal – der späte Rembrandt

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Der Hirmer Katalog präsentiert eines der bekanntesten Werke aus Rembrandts Spätwerk: „Die Verschwörung des Claudius Civilis“.

Vom Ketzer der Malerei zum Jahrtausendkünstler: Rembrandts Spätwerk wurde Zeit seines Lebens verkannt. Heute feiern Kunstbegeisterte die letzte Schaffensphase des Ausnahmemalers. Der Hirmer Katalog „Der späte Rembrandt“ präsentiert erstmals die gesammelten Werke des Künstlers ab dem Jahr 1652.

Rembrandt erhält im Jahr 1660 seinen letzten staatlichen Auftrag: Er soll für das neu erbaute Amsterdamer Rathaus „Die Verschwörung des Claudius Civilis“ darstellen. Das Gemälde ist das größte, das Rembrandt je erschaffen hat. Es stellt die historischen Wurzeln der Niederlande dar. Rund um den Fürsten Claudius Civilis reihen sich die Verschwörer, die gegen Rom in den Kampf ziehen und für ein unabhängiges Imperium in Nordwesteuropa kämpfen wollen.

Doch statt einer prächtigen Heldenversammlung zeigt Rembrandts Bild einen Haufen verwegener und höchst zweifelhafter Gesellen, die sich zum Treueschwur vereinen. Ihre Gesichter wirken durch die wenigen, breiten Pinselstriche verzerrt. Den Hauptmann stellt der Künstler als Einäugigen dar.

Die Auftraggeber sind alles andere als zufrieden mit Rembrandts Arbeit. Die Ratsherren schicken das Monumentalgemälde als unvollendet an den Maler zurück. Der verärgerte Amsterdamer Bürgermeister weigert sich sogar, das Porträt zu bezahlen. Doch Rembrandt akzeptiert keine Änderungswünsche.

Radikal Zeichen setzen

Wagemutig und radikal ignoriert der eigenwillige Maler alle Regeln des damaligen Kunstideals. Rembrandt will nicht die farbenprächtigen, glattpolierten Werke eines Rubens kopieren, sondern seinen eigenen unverkennbaren Stil zum Ausdruck bringen. Mit kräftigen Pinselstrichen trägt er dicke Schichten an Farbe auf. Seine Art wirkt rau und schroff. Teilweise ritzt er sogar mit dem Pinselende Strukturen in die Maloberfläche. Bilddetails spart er aus.

Die Werke, die der Bildband „Der späte Rembrandt“ des Hirmer Verlags zeigt, wirken deshalb oft unfertig. Rembrandt fordert den Betrachter auf, seine Werke im Kopf zu vervollständigen. Sie sollen zum Denken anregen und eine Botschaft ausdrücken. Was für seine Kritiker damals als Schlamperei oder malerische Ketzerei aufgefasst wurde, erweist sich aus heutiger Sicht als früher Vorbote der Moderne.

Persönliche Rückschläge und finanzielle Notlagen

Rembrandt war seiner Zeit weit voraus. Seine Gemälde stehen sinnbildlich für seinen unerschöpflichen Freigeist. Dabei trifft ihn in der Spätphase seines Lebens ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Seine Frau und sein Sohn sterben kurz hintereinander. Rembrandt gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Sein prächtiges Haus samt Atelier sowie seine wertvolle Kunstsammlung kommen unter den Hammer. Und seine einstigen Schüler schnappen ihm die begehrten Aufträge weg.

Er malt, um zu überleben. Trotzdem lässt er sich von seinen Auftraggebern nicht ins Handwerk pfuschen. Rembrandt befreit sich aus den Fängen und Zwängen der konventionellen Historien- und Porträtmalerei der Niederlande und schafft so seine bedeutendsten und eindrucksvollsten Werke.

Einzigartige Werke erstmals zusammengefasst in einem Werk

Noch nie zuvor wurde das Spätwerk des Künstlers so umfassend gezeigt wie im Bildband „Der späte Rembrandt“ des Hirmer Verlags. Der Katalog präsentiert auf rund 300 Seiten die fulminanten Exponate des Amsterdamer Rijksmuseums in Kooperation mit der Londoner National Gallery. Längst zu Ikonen gewordene Gemälde des Spätwerks sind zu sehen: Porträts, Genrebilder, Alltags- und Familienszenen sowie biblische Motive. Ergänzt werden sie durch beeindruckende Radierungen und Zeichnungen des täglichen Lebens und aussagekräftige Ausschnittsvergößerungen.

Bedeutende Kunsthistoriker interpretieren die Werke in spannenden Aufsätzen und berichten über Rembrandts tragischen und zugleich schöpferisch höchst wertvollen letzten Lebensabschnitt, der ihn zu einem der herausragendsten Künstler des Goldenen Zeitalters machte. Der Leser bekommt so einen umfassenden Überblick über das außergewöhnliche Spätwerk des Künstlers.

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