Historiker erklärt die Evangelien

Weihnachtsgeschichte: Was wirklich geschah

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Palästinensische Christen stellen in der israelischen Stadt Nazareth die Geburt Jesu Christi nach.

München - Ist die Weihnachtsgeschichte der Bibel historisch zutreffend oder fromme Legende? Historiker Michael Hesemann beantwortet die wichtigsten Fragen.

Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas kennt jeder. Aber auch in den Berichten der anderen Evangelisten Matthäus, Markus und Johannes steht viel über Leben und Wirken Jesu. Doch sind die „guten Nachrichten“ – so die Übersetzung des altgriechischen Wortes Evangelien –, die ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Christi entstanden sind, vertrauenswürdige historische Dokumente? Oder sind sie eine fromme Erfindung?

Über diese und andere Fragen sprachen wir mit dem Historiker und Autor Michael Hesemann. In seinen Büchern „Jesus von Nazareth. Archäologen auf den Spuren des Erlösers“ (2009) und „Maria von Nazareth. Geschichte, Archäologie, Legenden“ (2011), beide im Augsburger St. Ulrich-Verlag erschienen, befasst er sich intensiv mit der Geburtsgeschichte Jesu. Sein aktuelles Buch "Jesus in Ägypten: Das Geheimnis der Kopten" beleuchtet die Geschichte der koptischen Christen.

Glaubenszeugnisse oder historische Biografien?

Für erstaunlich viele Theologen sind die Evangelien reine Glaubenszeugnisse und keine historischen Biografien. So sieht es zumindest die von dem protestantischen Theologen Rudolf Bultmann (1884-1976) begründete Schule der „historisch-kritischen Exegese“, dessen Thesen auch Katholiken übernommen haben. Danach darf es nichts Übernatürliches geben, hat sich Gott nie in der Geschichte offenbart. Jesus war ein apokalyptischer Wanderprediger, dessen Verkündigung im Judentum auf Widerstand stieß, der scheiterte und hingerichtet wurde. Seine Jünger wollten den Tod ihres Meisters nicht wahrhaben, bestanden darauf, dass er auferstanden sei und weiterleben würde. Jahrzehnte später hätten christliche Gemeinden das, was sie von Jesus noch wussten und glauben wollten, schriftlich fixiert – so seien die Evangelien entstanden.

Mittlerweile haben Geschichtswissenschaft, Archäologie und auch Papyrologie gezeigt, dass diese Überzeugungen wohl unhaltbar sind. In den Höhlen von Qumran am Toten Meer wurde womöglich ein Fragment des Markus-Evangeliums entdeckt, das demnach vor dem Jahr 50 entstanden wäre. Das wohl früheste Evangelium könnte also binnen zwei Jahrzehnten nach der Auferstehung Christi, als die Erinnerung an ihn noch lebendig war, verfasst worden sein.

Archäologische Ausgrabungen zeigen, wie präzise die Autoren der Evangelien das Heilige Land beschrieben; eine ganze Reihe von Details, die man zuvor für fiktiv hielt, konnte bestätigt werden. Das spricht dafür, dass die Texte auf Augenzeugenberichte zurückgehen, dass sie vertrauenswürdige historische Dokumente sind.

Besonders umstritten sind natürlich die „Kindheitsgeschichten“ Jesu, die man bekanntlich nur in den Evangelien nach Matthäus und Lukas findet. Nach Ansicht der Kritiker dienten sie allein dem Zweck, Jesus ungerechtfertigt aufzuwerten. Man hätte aus heidnischen Mythen abgekupfert, um ihm eine übernatürliche Zeugung anzudichten, man hätte seine Geburt nach Bethlehem, in die Stadt Davids verlegt, um ihn als den verheißenen Messias erscheinen zu lassen. Vielmehr sei Jesus ziemlich unspektakulär und in kleinen Verhältnissen in Nazareth geboren worden. Doch lässt sich diese Ansicht heute noch aufrechterhalten? Die Geburtsgeschichte Jesu – also die Weihnachtsgeschichte, wie sie uns bei Matthäus und Lukas überliefert wird – enthält eine ganze Reihe verifizierbarer Details. Selbst scheinbare Widersprüche lösen sich auf, wenn man sich mit dem Judentum des 1. Jhs. v. Chr. befasst.

Ist die Steuerschätzung der Weihnachtsgeschichte ein historisches Ereignis?

„In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. (...) Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazareth (...) in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem (...) Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam (...) die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen.“ (Lk 2, 1-5)

Hesemann: Die Kritiker der Historizität der Evangelien behaupten, Lukas habe die Steuerschätzung des Augustus nur benutzt, um einen Vorwand zu finden, Josef und Maria quasi nach Bethlehem zu „locken“, weil der Messias nach jüdischem Glauben dort geboren werden sollte und nicht in Nazareth. Dabei klingt ihre Argumentation auf den ersten Blick plausibel. Tatsächlich erwähnt der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der unsere Hauptquelle zur Geschichte des Heiligen Landes zur Zeit Jesu ist, eine Provinzschätzung, die 6 n. Chr. stattfindet, als Judäa römische Provinz wird. Das ist natürlich viel zu spät, um in Zusammenhang mit der Geburt Jesu zu stehen, der lt. Lk 3,1 und 23 im Jahre 27/28 n. Chr. „etwa 30 Jahre alt“ ist und zudem, wie Lukas und Matthäus versichern, „zur Zeit des Königs Herodes“ (Mt 2,1; Lk 1,5) geboren wird, der bereits Anfang 4 v. Chr. stirbt. Da passt also das eine nicht zum anderen...

Allerdings erwähnt Lukas auch keine Provinzschätzung; im Gegenteil, er behauptet, dass auf Befehl des Augustus „alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten“ eingetragen werden sollen. Zudem betonte er: „das geschah zum ersten Mal“, so als wollte er sich von einer zweiten, späteren Schätzung abgrenzen. Leider gibt es keine antike Quelle, die eine Steuerschätzung in Judäa in den Jahren vor dem Tod des Herodes, also irgendwann zwischen 8 und 4 v. Chr., bestätigt.

Trotzdem können wir sicher sein, dass eine solche stattgefunden hat. Warum? Den antiken Quellen, Tacitus und Dio Cassius etwa, aber auch dem eigenen Rechenschaftsbericht (res gestae) des Augustus entnehmen wir, dass er regelmäßig „in den (Vasallen-) Königreichen und Provinzen“ seines gesamten Machtbereiches, also auch im Vasallenkönigreich des Herodes, „direkte und indirekte Steuern“ (Tacitus) ermitteln lässt. Als Herodes 4 v. Chr. stirbt, erlässt der Kaiser den Samaritanern ihre Steuern, was beweist, dass zum damaligen Zeitpunkt Zahlen vorliegen. Weiter wissen wir, dass zwischen 8 und 4 v. Chr. im gesamten Nahen Osten Steuerschätzungen durchgeführt werden – etwa 7 v. Chr. im Stadtstaat Apamea im Norden Syriens oder 6 v. Chr. im benachbarten Nabatäerreich, dem heutigen Jordanien. Damals ist zwar ein Sentius Saturninus Statthalter von Syrien, doch auch der spätere Statthalter Quirinius wirkt in dieser Region: Er ist etwa von 12 bis 1 v. Chr. kaiserlicher Oberbefehlshaber der Truppen im Osten des Reiches und damit nachweisbar auch für die Steuerschätzungen in den Vasallenkönigreichen verantwortlich. Nun kannten die Römer zwei Steuerarten, Kopf- und Bodensteuer. Wer irgendwo Land besitzt, muss sich tatsächlich dort und nicht an seinem Wohnort in die Steuerlisten eintragen. Das belegen antike Steuererklärungen, wie man sie in Israel und Ägypten entdeckt hat. Das hieße, dass ein Mitglied derHeiligen Familie Land in oder bei Bethlehem besessen hat. Das ist wohl auszuschließen bei Josef, der als Bauhandwerker in Nazareth arbeitet.

Josef adoptiert vom Vater Marias

Aber bei Maria? Da der hl. Paulus betont, dass Jesus auch „dem Fleische nach“ von König David abstammt, muss auch sie eine Davididin gewesen sein, denn der hl. Josef ist bekanntlich nur sein Adoptivvater. Tatsächlich behauptet das „Protevangelium“, Mariens Vater sei ein gewisser Joachim, ein wohlhabender Viehzüchter aus dem Hause Davids, der in Jerusalem Opfertiere verkauft. Er könnte also Weideland im Heimatdorf seines Clans besessen haben, das er seiner Tochter vererbt hat. Das freilich ist im Judentum nur dann möglich, wenn eine Tochter das einzige Kind ist – wie das „Protevangelium“ behauptet –, wenn ihr Mann aus derselben Sippe stammt und von ihrem Vater pro forma adoptiert wird. Wer nun die beiden Stammbäume Jesu bei Matthäus und Lukas vergleicht, erkennt, dass beide grundverschieden sind – für Kritiker der Beweis, dass sie frei erfunden sind und allein belegen sollen, dass Jesus tatsächlich von König David abstammt. Wer sie aber genauer liest, bemerkt einen wichtigen Unterschied. Der Stammbaum bei Matthäus ist ein biologischer Stammbaum: So ist im griechischen Original von „zeugen“ die Rede, zuletzt: „Jakob zeugte Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren“ (Mt 1, 16). Damit ist dies der biologische Stammbaum Josefs, aber eben nur der juristische Stammbaum seines Adoptivsohnes Jesus.

Ganz anders bei Lukas, wo „die Vorfahren Jesu“ genannt werden, dann aber nur eine Namensliste folgt, ohne den Hinweis auf eine biologische Zeugung: „Man hielt ihn für den Sohn Josefs. Die Vorfahren Josefs waren: Eli ...“ (Lk 3,23). Ja, wie hieß denn nun der Vater Josefs, Jakob oder Eli? Tatsächlich ist Eli im Hebräischen die Kurzform für Eliachim, woraus latinisiert „Joachim“ wurde, und so hieß der Vater Mariens laut dem „Protevangelium“. Ein Zufall? Nein, wenn man davon ausgeht, dass der Stammbaum bei Lukas eben der biologische Stammbaum Jesu und Mariens, aber der juristische Stammbaum Josefs ist, der von Mariens Vater Eliachim = Joachim adoptiert wird, weil sie eine „Erbtochter“ ist! Das würde auch erklären, weshalb beide, Maria und Josef, aus dem Hause Davids stammen. Und eben auch, warum sie zur Steuerschätzung nach Bethlehem reisen, Maria als Landerbin und Josef als ihr gesetzlicher Vormund!

Weihnachtsgeschichte: Kam Jesus in einer Krippe zur Welt?

„Als sie [in Bethlehem] waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (Lk 2, 6-7)

Fast jede Familie besitzt heute eine Krippe, in der das Jesuskind zwischen Stroh in einem Stall liegt. Ist Gottes Sohn tatsächlich in so einem unbequemen, aber idyllisch anmutenden Holzverschlag zur Welt gekommen?

Hesemann: Nun, diese romantische Vorstellung hat nichts mit der Realität zu tun! Bei uns im holzreichen Mitteleuropa wurden Ställe und Krippen natürlich aus Holz gebaut, im holzarmen Palästina war das anders. Als Ställe benutzte man dort natürliche oder künstliche Höhlen, die im Sommer schön kühl und im Winter warm waren. Als Futterkrippen dienten Tröge, die man in die Steinwände schlug.

Wer heute die Höhle unter der Geburtsbasilika in Bethlehem besucht, wird solche Futtertröge dort noch finden. Das Jesuskind wurde also in eine Steinkrippe gelegt! Die Stallhöhle befand sich wahrscheinlich sogar auf dem Weideland, das Maria geerbt hatte. Natürlich wäre Josef nie auf die Idee gekommen, seine schwangere Frau in einer verwanzten Karawanserei im Beisein all der Reisenden gebären zu lassen.

Wo wir „Herberge“ lesen, steht im griechischen Originaltext nicht etwa das entsprechende Wort „pandocheion“, sondern „katályma“, wörtlich übersetzt: „Obergeschoss“. Das konnte der Schlafbereich eines Gasthauses sein, aber auch die Wohnstube eines besseren Bauernhauses; im Erdgeschoss waren die Ställe für die Tiere. In einer solchen „Belletage“ aber durfte nach jüdischem Glauben keine Frau gebären, da sie nach der Geburt eines Sohnes vierzig Tage, bei einer Tochter sogar achtzig Tage lang als „unrein“ galt, während derer man nicht ganze Familien ausquartieren konnte. So zogen sich die Gebärenden in weniger „reine“ Teile des Hauses, etwa in Ställe oder Kellerräume zurück.

Weihnachtsgeschichte: Wurde Jesus wirklich am 25. Dezember geboren?

Hesemann: Eine verbreitete These besagt, dass die frühe Kirche die Geburt auf das heidnische Fest der Wintersonnenwende gelegt habe. Dies sei sozusagen ein Marketing-Trick gewesen, um die Verbreitung des Christentums in der heidnischen Welt zu erleichtern. Was ist davon zu halten? Nun, ein Trick ist es nicht. Trotzdem wissen wir, dass die frühen Christen die Geburt Christi im Monat Nisan des jüdischen Kalenders feierten. Man glaubte sogar, der Herr sei am gleichen Tag geboren worden, an dem er am Kreuze starb. Einige Christen datieren nun die Passion ins Jahr 32, als der 14. Nisan, der Karfreitag, auf den 25. März (nach unserem Kalender) fällt, andere in das Jahr 30, auf den 7. April. Allerdings ist man sich in der Antike nicht ganz einig, welcher Tag der eigentliche Tag der Menschwerdung gewesen ist:  der Zeugungstag oder der Geburtstag. So lässt Kaiser Augustus, der im September geboren wurde, auf seine Münzen den Steinbock als sein Sternbild prägen – weil er im Dezember gezeugt worden ist.

So will man bald den 25.3./7.4. lieber als Zeugungstag Christi sehen – und noch heute feiern wir an diesem Tag Mariä Verkündigung.  Daraus errechnet man seine Geburt, addiert neun Monate und kommt auf den 25. Dezember bzw. 7. Januar. Noch heute feiern einige christliche Kirchen, etwa die Armenier, Weihnachten am 7. Januar (bzw. 19. Januar, da sie zudem den julianischen Kalender beibehalten haben). Dass der 25. Dezember bei den Heiden zugleich der „Tag des unbesiegten Sonnengottes“ ist, hält man zumindest für ein schönes Symbol. Mit der Geburt Christi siegt das Licht über die Finsternis!

Trotzdem kann der Termin nicht historisch sein. Denn bei Lukas lesen wir, dass damals „Hirten auf freiem Feld (lagern) und Nachtwache (halten)“ (Lk 2,8). Der Talmud aber schreibt den Juden vor, die Herden im November in die Ställe zu führen und erst im März wieder auf die Weiden zu lassen. Hirten, die im Dezember auf dem Feld sind, kann es also nicht gegeben haben...

Weihnachtsgeschichte: Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren, wie Matthäus und Lukas berichten?

Hesemann: Davon bin ich überzeugt. Manche Theologen behaupten, dass das eine Legende sei. Schließlich hat Prophet Micha im Alten Testament vorausgesagt, dass der Messias in Bethlehem zur Welt kommen werde. Und um den messianischen Anspruch Jesu zu unterstreichen, hätten die Evangelisten die Fakten ein wenig zurechtgebogen...

Nachweisbar gibt es in Bethlehem eine frühe Tradition, die sich auf eine spezielle Höhle am Rande des Dorfes bezieht. Die wird nicht nur im „Protevangelium“ aus dem 2. Jh. erwähnt, sondern auch um 135 n. Chr. von Justin dem Märtyrer, einem frühen Christen, der aus Palästina stammt. Kurz darauf gibt der römische Kaiser Hadrian einen Erlass heraus, nach dem alle jüdischen und christlichen Heiligtümer dem Heidentum zuzuführen seien. So lässt er ein Jupiterheiligtum auf dem Tempelberg errichten und einen Venustempel über dem Heiligen Grab bauen. In Bethlehem wird die Geburtsgrotte in ein heidnisches Adonisheiligtum umgestaltet; ein klarer Hinweis darauf, welch wichtige Rolle sie damals schon als Pilgerziel der frühen Christen hat. Das ist insofern relevant, weil bis 135 n. Chr. sämtliche christliche Bischöfe Jerusalems sog. „Herrenverwandte“ sind, also Vettern Jesu. Diese „Herrenverwandten“ müssen sich gleich zweimal, unter den Kaisern Domitian und Trajan, vor den römischen Behörden verantworten, die sie eben wegen ihrer Abstammung aus der Königsfamilie für gefährlich halten. Auch die Besatzungsmacht bezweifelt nicht, dass Jesus samt seiner Verwandten aus dem Hause Davids stammt. Der Ursprung der Sippe ist Bethlehem. Offenbar gibt es eine Familientradition, die auch den Ort der Geburt Christi festhält, sodass noch um 220 ein weiterer Autor, Origenes, schreibt: „Was da gezeigt wird, ist in der Gegend bekannt. Selbst die Heiden sagen es jedem, der es hören will, dass in der besagten Höhle ein gewisser Jesus geboren wurde ...“ Über dieser Höhle entsteht um 325 die heutige Geburtskirche!

Wer waren die Heiligen Drei Könige aus der Weihnachtsgeschichte? Gab es sie wirklich?

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren wurde, kamen Sterndeuter ... nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“ (Mt 2,1-2)

Hesemann: So leid es mir tut, es hat sie nie gegeben, denn von „Königen“ steht kein Wort im Matthäus-Evangelium: da ist im Originaltext vielmehr von „Magoi“ die Rede. Der Begriff ist in der Antike seit Herodot ganz klar definiert: Magoi sind Angehörige der Priesterkaste des persischen Volkes der Meder, die tatsächlich als sternkundige Orakelpriester galten. Ihre Hauptstadt Ekbatana war sogar von sieben Mauern umgeben, die für die damals bekannten sieben Planeten stehen. So ist es kein Wunder, dass die „Sterndeuter“ selbst in der frühesten Katakombenmalerei in persischer Tracht dargestellt werden.

Doch was haben heidnische Astrologen an der Krippe Jesu gesucht?  Die Magoi folgen seit dem 6. Jh. v. Chr. einem eigenen Propheten, Zarathustra.  Der hat persischen Quellen nach vorausgesagt, dass eines Tages ein Retter mit dem Namen „Saoshyant“ geboren würde, was wörtlich „Heilbringer“, also Heiland, bedeutet. Er würde von einer Jungfrau geboren, würde das Böse besiegen, Tote erwecken und ein neues Zeitalter einleiten. Sein Kommen würde durch die Geburt eines neuen Sternes angekündigt.

So wies er die Magoi an, nach diesem Stern Ausschau zu halten. Nun standen die antiken Perser in ihrer Religion den Juden sehr nahe. Auch Zarathustra lehrt, es gäbe nur einen Gott. Jüdische Quellen halten ihn für einen Schüler des Propheten Daniel, der zur gleichen Zeit wie Zarathustra am persischen Königshof wirkt, während die Perser glauben, Daniel sei ein Schüler des Zarathustra gewesen. Später gründet Königin Esther in Ekbatana eine jüdische Kolonie. Gleich zweimal, nach der Machtergreifung des Herodes und im 7. Jh. n. Chr., verbünden sich Juden mit den Persern. So kann kein Zweifel bestehen, dass den Magoi die jüdischen Messiaserwartung bekannt gewesen ist. Sie haben genau gewusst, wo sie suchen müssen!

Ein Stern, der vor den drei Weisen herzieht und sie nach Bethlehem führt? Das klingt doch nach purer Fantasie!

„Herodes ließ sich von den Sterndeutern genau sagen, wann der Stern erschienen war. Dann schickte er sie nach Bethlehem und sagte: Geht und forscht sorgfältig nach, wo das Kind ist; und wenn ihr es gefunden habt, berichtet mir, damit auch ich hingehe und ihm huldige. Nach diesen Worten ... machten sie sich auf den Weg. Und der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen.“ (Mt 2, 9-10)

Hesemann: Sicher die überraschendste Bestätigung der Weihnachtsgeschichte nach Matthäus ist der Stern von Bethlehem: Es hat ihn wirklich gegeben. Tatsächlich kommt es seit 7 v. Chr. zu einer Reihe spektakulärer Himmelsphänomene, die nach den Regeln der antiken Astrologie die Geburt eines bemerkenswerten Menschen ankündigen. Da ist zunächst die Saturn-Jupiter-Konjunktion, die einige Forscher für den Stern von Bethlehem halten: Dreimal kommen sich 7 v. Chr. die Planeten sehr nahe. Tatsächlich sahen die Astrologen darin ein Zeichen für die Geburt eines Königs (Jupiter) im „Westland“ (Levante) bzw. bei den Juden, die man für Anbeter des Saturn hält, weil sie den Saturntag (Samstag) heiligen. Dann, 6 v. Chr., wird eine dreifache Konjunktion von Jupiter, Saturn und Mars im Sternbild Fische beobachtet, was auf eine „neue Ära“ hindeuten soll. Am 20. Februar 5 v. Chr. schließlich kommt es zu einer Konjunktion von Mond und Jupiter auf der einen und Saturn und Mars auf der anderen Seite des Nachthimmels: „Ein großer König wird geboren und steigt auf, um über Israel zu herrschen und das Böse zu bekämpfen“, deuten antike Astrologen die Konstellation. Spätestens zu diesem Zeitpunkt müssen die Magoi aufgehorcht haben.

Wenige Wochen später ereignet sich die eigentliche Sensation am Nachthimmel: Im Sternbild Adler flammt eine Supernova auf, wie der britische Astronom Prof. Mark Kidger chinesischen und koreanischen Aufzeichnungen entnimmt. Eine Supernova ist eine Sternenexplosion, doch dem Beobachter erscheint sie wie die Geburt eines Sterns. So findet sich im „Protevangelium“ eine präzise Beschreibung einer Supernova: „Wir sahen einen gewaltigen Stern, der leuchtete unter den anderen Gestirnen auf und ließ ihr Licht erblassen.“ Das ist Mitte März 5 v. Chr.; in eben dem Monat, in den die frühen Christen die Geburt des Herrn datieren.

Für die Magoi, deren Gott Ahura Mazda mit Adlerschwingen dargestellt wird, ist die scheinbare Sternengeburt im Adler ein eindeutiges Zeichen – der Heilbringer muss geboren sein. Die vorausgegangenen Himmelszeichen haben immer wieder auf Israel verwiesen. So setzen sie sich in Bewegung, legen die 1700 Kilometer nach Jerusalem in rund 50 Tagen zurück. Natürlich zieht die Supernova ihnen nicht wirklich voran. Doch nach den Gesetzen der Himmelsmechanik würde ein Stern, der im Osten auftaucht, jede Woche eine halbe Stunde früher am Nachthimmel erscheinen, bis er, nach zwei Monaten, exakt im Süden steht. Als sich die Magoi also Mitte Mai 5 v. Chr. von Jerusalem aus ins südlich gelegene Bethlehem aufmachen, müssen sie den Stern direkt vor sich gehabt haben! Tatsächlich geht aus den chinesischen und koreanischen Aufzeichnungen hervor, dass die Supernova gut neun Wochen lang am Himmel sichtbar gewesen ist – also nur, bis die Sterndeuter Bethlehem erreicht haben!

Hat der Kindermord stattgefunden? Oder wird Herodes in den Evangelien zu Unrecht als Mörder geschildert?

„Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er ließ in Bethlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte.“ (Mt 2, 16-18)

Hesemann: Es gibt keine Bestätigung zum Kindermord. Sicher ist nur: Zuzutrauen ist es dem Herodes, der, obwohl in jungen Jahren ein fähiger Herrscher, im Alter paranoid wird. Aus Angst vor einer Verschwörung lässt er drei seiner Söhne und 300 Offiziere töten, wie auch 6000 Pharisäer, die – vielleicht nach Erscheinen des Sterns von Bethlehem – auf die Ankunft des Messias hoffen. Angesichts dieser Bluttaten ist der einzigen Quelle dazu – vom Juden Flavius Josephus – die Ermordung von ein paar Dutzend Kindern in Bethlehem (mehr als 300 Menschen lebten dort nicht!) vielleicht nicht dramatisch genug, um sie zu erwähnen.  Doch wie sehr die Bewohner von Bethlehem Herodes gehasst haben müssen, zeigt sich 2007, als man sein Grabmal entdeckt. Obwohl Juden die Totenruhe achten, ist sein Sarkophag in tausend Teile zerschlagen!

Was die Szene im Matthäus- Evangelium aber authentisch erscheinen lässt, ist etwas anderes. Weshalb lässt Herodes nicht alle Neugeborenen ermorden, sondern „alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren“? Die logische Antwort: Weil die Magoi ihm von der Serie von Himmelszeichen berichtet haben, die sie seit Mai 7 v. Chr. – also exakt zwei Jahre vor ihrer Ankunft in Jerusalem – beobachten konnten!

Mit dem Autor sprach Franz Rohleder

 

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