Mordanklage aufgehoben

Fall Milke: Saß sie zu Unrecht im Todestrakt?

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Die in Berlin geborene Debra Milke auf einer undatierten Aufnahme. Foto: Arizona Department of Corrrections

Phoenix - Die in Berlin geborene ehemalige US-Todeskandidatin Debra Milke saß fast ihr halbes Leben lang in einer Todeszelle in Arizona. Nun wurde die Mordanklage gegen sie aufgehoben.

Sie hat fast ihr halbes Leben in einer Todeszelle im US-Wüstenstaat Arizona verbracht. Nun ist für die gebürtige Berlinerin Debra Milke ein endgültiges Leben in Freiheit in greifbare Nähe gerückt. In einem besonders stark formulierten Urteil ordnete ein Berufungsgericht im US-Wüstenstaat Arizona an, die Mordanklage gegen die 49 Jahre alte Tochter einer Deutschen und eines Amerikaners fallenzulassen. Gleichzeitig erhoben die Richter schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft wegen „ungeheuren Fehlverhaltens“.

Milke: "Begeistert, schockiert und sprachlos"

Milke sei „begeistert, schockiert und sprachlos“, sagte ihr Anwalt Michael Kimerer der Deutschen Presse-Agentur. Für Milke, die heute zurückgezogen in Phoenix lebt, könnte das zwölf Seiten lange Papier den Anfang vom Ende im wohl dunkelsten Kapitel ihres Lebens bedeuten. Noch erinnern eine elektronische Fußfessel und die hinterlegte Kaution von umgerechnet rund 200 000 Euro daran, dass das letzte Wort nach dem Mord an ihrem Sohn Christopher, für den sie 22 Jahre im Todestrakt verbrachte, noch nicht gesprochen ist.

Zwar entschied das Berufungsgericht zugunsten von Milkes Anwälten. Diese hatten argumentiert, dass eine drohende Neuauflage des langen Prozesses gegen die US-Verfassung verstoße: Niemand dürfe zweimal für dasselbe Verbrechen vor Gericht gestellt werden. Die Staatsanwaltschaft will den Fall jedoch bis zum Obersten Gerichtshof von Arizona bringen. Bis zu dieser Entscheidung könnten laut Kimerer noch einmal drei bis vier Monate vergehen.

Milke beteuerte stets ihre Unschuld

Der Fall hatte in den 1980er Jahren in den USA für viel Aufregung gesorgt. Bei ihrer Verurteilung hieß es, Milke habe 1989 zwei Männer angestiftet, ihren damals vierjährigen Sohn Christopher zu töten. Statt dem versprochenen Besuch beim Weihnachtsmann in einem Einkaufszentrum fuhren die Männer den Jungen zu einem trockenen Flusslauf in der Wüste und streckten das Kind mit drei Schüssen in den Hinterkopf nieder. Milke beteuerte stets ihre Unschuld. Die beiden Männer wurden ebenfalls zum Tode verurteilt.

Im Herbst 2013 erklärte ein Berufungsgericht das Urteil wegen mangelnder Beweise schließlich für ungültig. Milke kam auf freien Fuß, unterliegt aber einer Ausgangssperre von 21 Uhr bis 6 Uhr morgens und darf keinen Alkohol trinken. Christophers Vater gab sich von der Schuld seiner Ex-Frau überzeugt. „Selbst wenn sie schuldig ist“, schrieb dagegen ein Kommentator der örtlichen Zeitung „Arizona Republic“, „ist man nicht mit einem Mord davongekommen, wenn man fast sein halbes Leben im Gefängnis verbracht hat“.

Fall habe das Justizsystem "schwer befleckt"

Besonders hart trifft das Urteil die Staatsanwaltschaft. Der Fall habe das Justizsystem von Arizona „schwer befleckt“, schrieben die Richter. Die zweifelhaften Aussagen des mittlerweile pensionierten Ermittlers, der Milkes angebliches Geständnis der Tat nicht mit Tonband-Aufnahmen oder Notizen belegen konnte, hätten früher zu einer Wende in dem Prozess führen müssen. Er war mehrfach überführt worden, in anderen Fällen vor Gericht gelogen zu haben.

Genau diese Zweifel am Hauptbelastungszeugen Armando Saldate wurden ihren Anwälten aber lange vorenthalten, obwohl sie von „hoher Bedeutung“ für Milkes Fall waren. „Sie war gezwungen, sich im Prozess ohne entscheidende Informationen zu verteidigen, die ihr verfassungsgemäß zustanden“, schrieben die Richter. Das werfe schwere Fragen über die Integrität des Strafrechtssystems auf. Über die Frage, ob Milke schuldig oder unschuldig ist, urteilten sie nicht.

dpa

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