Rätsel um Hintergrund

Drohnen spionieren französische AKW's aus

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Das Atomkraftwerk Fessenheim an der Grenze zu Deutschland.

Paris - Sie kommen in der Nacht und fliegen über die Atomkraftwerke. Bei über 15 französischen Betrieben wurden die Drohnen bereits gesichtet. Teilweise sogar mehrfach. Doch was steckt dahinter?

Sie kommen fast immer nachts, dringen in den Sperrbereich ein und überfliegen illegal das Atomgelände: Mysteriöse Drohnen werden seit mehreren Wochen über französischen Atomkraftwerken gesichtet. Die Sicherheitsbehörden rätseln, wer hinter den offensichtlich koordinierten Aktionen im ganzen Land stecken könnte. Zwar sind sich die meisten Experten einig, dass von den Mini-Drohnen keine unmittelbare Gefahr ausgeht. Regierung und Sicherheitsdienste sind dennoch höchst alarmiert.

Der staatliche Energiekonzern und Akw-Betreiber EDF hatte die Drohnen-Überflüge Ende Oktober öffentlich gemacht und Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Seither folgten fast täglich weitere Überflüge im ganzen Land, teils gleichzeitig hunderte Kilometer voneinander entfernt. Rund 15 Atomkraftwerke wurden schon zum Ziel, darunter Fessenheim an der Grenze zu Deutschland. Manche Anlagen wurden gleich zweimal überflogen, mit zeitlichem Abstand von manchmal mehreren Tagen.

Aktion von Atomkraft-Gegnern?

In den französischen Medien wird nun viel spekuliert, wer hinter diesen Drohnen-Attacken stecken könnte. Meist werden Atomkraftgegner als mögliche Täter genannt, auch wenn Greenpeace jede Verwicklung dementierte. Die Umweltorganisation hatte früher mit spektakulären Aktionen, darunter auch Überflügen, auf Sicherheitsmängel bei den französischen Atomanlagen aufmerksam gemacht. "Eine Annahme, der die Polizei nachgeht, ist die Vorbereitung einer PR-Operation durch Atomkraftgegner", gab das Innenministerium kürzlich bekannt.

In der französischen Presse wird aber auch gemutmaßt, ob ein Drohnen-Hersteller hinter den seltsamen Überflügen stecken könnte oder jemand, der eine stärkere Regulierung für die private Nutzung von Drohnen fordern will. Denn die kleinen, preiswerten Fluggeräte "kann man leicht im Geschäft kaufen", so das Innenministerium. "Sie stellen keine Gefahr dar."

Ungeeignet zum Transport von Sprengladung

Die Vorbereitung eines Terroranschlags gilt bei den meisten Experten als eher unwahrscheinlich. "Ich denke nicht, dass Fluggeräte dieser Größe eine Sprengladung transportieren könnten, die großen Schaden anrichten könnte", meint Drohnenexpertin Elizabeth Quintana vom Forschungsinstitut für Sicherheitsfragen RUSI in Großbritannien. "Aber was man damit tun kann, ist Abläufe registrieren, zum Beispiel Wachgänge" in den Atomanlagen.

Quintana und Flugsicherheitsexperte Christophe Naudin glauben, dass ein oder mehrere Täter durch die Drohnen-Flüge möglicherweise Mängel bei der Sicherheit von Frankreichs Atomanlagen vorführen wollen. Denn laut Gesetz ist der Überflug von Hochsicherheitsanlagen wie Atomkraftwerken in einem Radius von zweieinhalb Kilometern und bis 1000 Metern Höhe verboten.

Die Radargeräte, die zur Abwehr von Attacken aus der Luft an allen Atomanlagen Frankreichs installiert sind, können die kleinen, tieffliegenden Drohnen aber nicht erfassen. "Meist ist es schon zu spät, wenn man die Drohne sehen kann", gesteht ein Polizeikommissar. Auch Naudin meint, die Sicherheitsbehörden hätten bisher "kein Gegenmittel" gegen diese Fluggeräte.

Sicherheitspersonal soll Drohnen zerstören

Nach anfänglicher Beschwichtigung hat die sozialistische Regierung in Paris an das Gendarmerie-Wachpersonal der Akws nun die Devise ausgegeben, die anfliegenden Mini-Drohnen zu zerstören. An die Polizisten sei Schrotmunition verteilt worden, die sie mit ihren Gewehren abschießen könnten, "wie bei der Jagd nach kleinen Wildtieren", berichtet Kriminologe Naudin.

Doch selbst wenn die Mini-Drohnen zerstört werden, sind ihre Hintermänner noch längst nicht dingfest gemacht. Etwas bessere Drohnen könnten ganz einfach programmiert werden, "mit einem Tablet-Computer oder sogar einem Smartphone", erläutert Paul Germonprez, Autor eines Buches über die zunehmende Nutzung von Drohnen. "Man gibt den Flugplan ein, eine Reihe von GPS-Punkten und lässt sie los. Man kann zehn Kilometer entfernt sein. Die Drohne wird losfliegen, dem Flugplan folgen und zum vorgesehenen Punkt zurückkehren."

Völlig harmlos sind die Mini-Drohnen nicht. Da die Überflüge fast immer nachts stattfinden, "ist das mit Sicherheit kein Hobby-Flieger", urteilt Sicherheitsexpertin Quintana. "Das ist offensichtlich jemand, der entweder ausspionieren will oder nichts Gutes im Schilde führt."

AFP

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