Petition unterschrieben

Nach Mädchenmord: Serben fordern Todesstrafe

Belgrad  - Serbien ist in tiefem Hass gegen einen geständigen Mädchenmörder vereint. Die Todesstrafe ist in Serbien seit über 20 Jahren abgeschafft - doch Zehntausende rufen jetzt nach einer Hinrichtung.

Das Geständnis des Mädchenmörders ist Gesprächsthema Nr. 1 überall in Serbien. Fassungslosigkeit, Abscheu und Entsetzen führen bei vielen zu Rachegedanken. In Geschäften, auf der Straße und am Arbeitsplatz ist der Tenor eindeutig, ins selbe Horn stoßen viele Politiker und Medien. Der Innen- oder der Justizminister bedauern die Abschaffung der Todesstrafe, Medien verlangen ihre Wiedereinführung: „Europa, erlaube uns die Todesstrafe“, kommentiert die Zeitung „Nase Novine“.

Warum kocht die Wut in diesem Fall so hoch? Die Öffentlichkeit ist wohl besonders aufgeladen, weil seit mehr als einer Woche über die mögliche Entführung der 15-jährigen Tijana berichtet wurde. Ehe klar wurde, dass sie tot ist.

Es ist nicht einfach ein Aufruhr im rechten politischen Spektrum. Die Empörung hat alle Schichten der Gesellschaft erfasst. „Schade, dass es keine Todesstrafe gibt“, bedauert Verkehrsministerin Zorana Mihajlovic. „Für dieses Monster gibt es kein Gericht! Idiot! Irrer!“, sagt Schlagersternchen Seka Aleksic und fordert kurzen Prozess. Die TV-Moderatorin Olja Crnogorac meint sogar, man müsse „das Monstrum“ „auf die schlimmste Art umbringen“.

Dabei wurde das letzte Todesurteil im Februar 1992 vollstreckt - in der Stadt Sombor an einem Mörder, ganz in der Nähe des jetzigen Tatorts. Justizminister Nikola Selakovic sagt dazu: „Früher wurde für solche verbrechen die Todesstrafe verhängt. Aber wie alle anderen europäischen Staaten mussten wir sie abschaffen.“

Die Zeitungen unterstützen mit großer Mehrheit die Wut und die radikalen Forderungen mit einer alles andere als abgewogenen Wortwahl. „Satan! Du wirst in der Hölle brennen“, ist am Freitag auf dem Titelblatt der Zeitung „Kurir“ zu lesen. Das Boulevardblatt „Informer“ stellt ein dunkel-bedrohlich verfremdetes Porträt des 34-jährigen geständigen Mannes auf den Titel: „Das Gesicht des Bösen“ steht darunter und „Der Schlächter“. Der in Surcin bei Belgrad lebende Metzger sei eine „Mensch-Bestie“.

Ausführlich kommt der Vater des Mordopfers Tijana zu Wort, das von seinem Peiniger vergewaltigt, getötet und dann in der Nähe der Stadt Sombor im Norden des Landes verscharrt wurde. „Ein Tier von über 120 Kilo vergeht sich an meinem Kind von 47 Kilo“. Der Täter sei kein Mensch. Die Psychologin Aleksandra Jurkovic behauptet in einer Zeitung: „Für einen gestörten Menschen ist der Metzgerberuf ein zusätzlicher Auslöser. Ich will nicht sagen, dass alle Metzger potenzielle Mörder sind. Aber auf Menschen, die jeden Tag mit der Tötung von Lebewesen konfrontiert werden, kann das zusätzlich wirken.“

Die serbische Journalistengewerkschaft UNS kritisiert am Freitag eine teilweise völlig überzogene Berichterstattung und verlangte „die klare Trennung von Tatsachen, Mutmaßungen und Spekulationen“. Vor allem müsse die Unschuldsvermutung gelten. Der Vater des Opfers beschwert sich am selben Tag, er sei von Journalisten zu Aussagen mit der Drohung gedrängt worden, sonst werde über den Fall seiner Tochter gar nicht berichtet.

In der Tat sind besonnene Stimmen in den Medien die Ausnahme. „Ganz Serbien weint um Tijana“, titelt die Zeitung „Blic“ sachlicher. Und das „Komitee Juristen für die Menschenrechte“ warnt vor „der Schaffung eine Lynch-Atmosphäre“: „Die Kampagne zur Einführung der Todesstrafe ist unzulässig“, erklären die Menschenrechtler. Doch, so berichteten es Medien, unterschrieben mehr als 100 000 Menschen innerhalb von Stunden eine Petition für diese Strafe.

dpa

Rubriklistenbild: © picture-alliance / dpa

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