Ford verpasst Stadträtin dicke Lippe

Neuer Eklat um Torontos Skandal-Bürgermeister

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Torontos Bürgermeister Rob Ford kommt aus den negativen Schlagzeilen nicht mehr heraus.

Toronto - Drogen, Sex, Alkohol: Torontos Bürgermeister Rob Ford stolpert von einem Skandal in den nächsten. Nun hat er einer Stadträtin bei einer turbulenten Sitzung eine dicke Lippe verpasst. An Rücktritt denkt er nicht.

Rob Ford ist ein Berg von einem Mann. Wenn er schreit, wird sein kantiges und von rotblonden Haarbüscheln eingerahmtes Gesicht schnell knallrot - und der Bürgermeister der kanadischen Metropole Toronto schreit derzeit viel. „Ihr habt gerade Kuwait angegriffen“, brüllte Ford bei einer Stadtratssitzung am Montag (Ortszeit) seine Kollegen an - in Anspielung auf den Auslöser des Zweiten Golfkriegs 1990. „Niemals werdet ihr so etwas sehen - erinnert euch an meine Worte, meine Freunde, bei der nächsten Wahl wird es offenen Krieg geben und ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um euch zu schlagen.“

Der Stadtrat hatte ihm da gerade bei einer turbulenten Sitzung mit großer Mehrheit einen weiteren Teil seiner Macht entzogen - eine in Toronto so noch nie vorgekommene Aktion. Ford, der seit 2010 Bürgermeister der ostkanadischen Millionenmetropole ist und in jüngster Zeit vor allem mit Skandalen aller Art Schlagzeilen machte, leitet künftig nicht mehr den Exekutivausschuss der Stadt. Zudem werden ihm 60 Prozent des Budgets gekürzt. Des weiteren übernmimmt der stellvertretende Bürgermeister Fords Mitarbeiter und hat in Notsituationen die Entscheidungshoheit.

Feuern kann der Stadtrat Ford nicht, das ginge nur wenn der schwergewichtige Bürgermeister eines gravierenden Verbrechens für schuldig befunden würde. Aber alle anderen Möglichkeiten reizte das Gremium aus - so weit es geht. Nur der Titel des Bürgermeisters bleibt Ford noch und er darf seine Stadt bei offiziellen Anlässen repräsentieren. Entscheidungsbefugnisse hat er aber so gut wie keine mehr. „Rob Ford heißt nur noch Bürgermeister“, kommentierte die Zeitung „Globe and Mail“.

All dem voraus gegangen war ein nicht enden wollender Skandal-Marathon, durch den Ford scheinbar unbeholfen, grobmotorisch und ohne jede Schamgrenze tapste: Zunächst tauchte im Mai ein Video auf, auf dem angeblich zu sehen war, wie Ford Crack rauchte. Monatelang wies der Bürgermeister die Drogenvorwürfe zurück - um sie dann jüngst schließlich doch einzugestehen und sich zu entschuldigen. Er sei damals sehr betrunken gewesen, sagte Ford - was die Sache nicht besser machte. Filmaufnahmen von einem Wutausbruch im Vollrausch brachten den Bürgermeister nach seiner Drogenbeichte weiter in Bedrängnis.

Außerdem gibt es Vorwürfe, Ford sei betrunken Auto gefahren, habe Partys mit Alkohol und Kokain im Rathaus gefeiert und eine Mitarbeiterin sexuell belästigt. Auch das wies Ford zurück. Er sei glücklich verheiratet und habe genug Oralsex zu Hause. Auch diese Entschuldigung machte die Sache nicht besser. Ford schien die ganze peinliche Aufregung um seine Person aber fast noch zu genießen.

Ford verpasst Stadträtin eine dicke Lippe

Bei der Stadtratssitzung am Montag eskalierte die Situation dann zu tumultartigen Szenen. Ford und sein ebenfalls schwergewichtiger Bruder Doug, der als Mitglied des Stadtrats bei den Entscheidungen meist als einziger für seinen Bruder stimmte, lieferten sich Schrei-Duelle mit Zuschauern. „Schande, Schande, Schande“, dröhnte es von den Rängen. Als Rob Ford einmal quer durch den Raum zu seinem Bruder rannte, schubste er dabei die Stadträtin Pam McConnell um und verpasste ihr eine dicke Lippe. Später entschuldigte er sich.

Dutzende Male hat der Stadtrat Ford, der auch ein wohlhabender Businessmann ist, schon zum Rücktritt aufgefordert. „Wir haben eine wunderbare Stadt und Bürgermeister Ford spiegelt dieses Gesicht der Stadt nicht wieder“, kritisierte Stadträtin Karen Stintz. Ihr Kollege Raymond Cho sagte, Ford sei krank und brauche Hilfe. Aber der brachiale Bürgermeister lehnt das alles ab. Er sei weder drogen- noch alkoholabhängig, bekräftigte Ford, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, am Montag in einem Interview des Nachrichtensenders CNN. Und er werde auch nicht zurücktreten. Im Gegenteil: Er wolle eines Tages Premierminister von Kanada werden, wie er zuvor bereits dem TV-Sender „Fox“ verriet.

Die Bürger von Toronto zeigen sich gespalten. Zwar protestieren viele öffentlich gegen Ford, der 2010 mit rund 47 Prozent der Stimmen die Wahl gewann, aber auch seine Unterstützer melden sich lautstark zu Wort. Gerade bei Wählern aus ärmeren Verhältnissen gilt Ford nach wie vor als beliebt und Experten trauen ihm durchaus einen Sieg bei der nächsten Bürgermeisterwahl im kommenden Oktober zu.

Bis dahin - wenn er dem Druck denn standhält - kann der gerne in Sportjerseys auftretende Ford nur noch mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten regieren. Zu beobachten ist Ford nun auch im Fernsehen. Nur Stunden nach seiner Entmachtung stand am Montagabend ein weiterer wichtiger Termin auf dem Programm: Die TV-Premiere der Reality-Show von ihm und seinem Bruder Doug, „Ford Nation“.

dpa

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