Vatikan-Experte Michael Hesemann

Darum ist Benedikt XVI. wirklich zurückgetreten 

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Mit seinem Rücktritt hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. (links) den Weg für Papst Franziskus freigemacht (Archivbild vom Mai 2013).

München - Warum ist Papst Benedikt XVI. wirklich zurückgetreten? Was hat Franziskus mit der Kirche vor? Vatikan-Experte Michael Hesemann hat für sein neues Buch darüber mit Benedikts Bruder und Franziskus Schwester gesprochen.

In seinem neuen Buch "Papst Franziskus: Das Vermächtnis Benedikt XVI. und die Zukunft der Kirche" beleuchtet Bestseller-Autor Michael Hesemann im Gespräch mit dem Papst-Bruder Georg Ratzinger die wahren Hintergründen des historischen Rücktritts von Papst Benedikt XVI. Als einer der ersten war er außerdem vor Ort in Argentinien auf Spurensuche und interviewte jahrzehntelange Wegbegleiter von Papst Franziskus: Er führte eines der ersten, ausführlichen Interviews mit der Schwester von Papst Franziskus, Maria Elena Bergoglio, und mit dessen bestem Freund, dem jüdischen Rabbi Abraham Skorka sowie Pater Guillermo Marcó, dem engsten Vertrauten Kardinal Bergoglios. Im Interview betont Michael Hesemann: Über den amtierenden sowie den emeritierten Papst kursieren viele Legenden und Vorstellungen, die deren engste Vertraute widerlegen.  

Herr Hesemann, in deutschen Medien ist häufig zu lesen, dass der Vatileaks-Skandal der eigentliche Grund für den Rücktritt von Papst Bendikt XVI. gewesen sei. Hat Georg Ratzinger, der Bruder des emeritierten Papstes, Ihnen das auch bestätigt?

Wissen Sie, in deutschen Medien ist viel Spekulatives zu lesen. Prälat Georg Ratzinger hat im Interview mit mir ausdrücklich bestritten, dass ein Zusammenhang zwischen Vatileaks und dem Rücktritt seines Bruders bestand. Tatsächlich hat Benedikt XVI. ja immer von der Möglichkeit gesprochen, dass ein Papst zurücktreten sollte, wenn seine körperlichen Kräfte nicht mehr ausreichten – das sagte er 2004, als er noch Kardinal war, das wiederholte er 2010 im Interview mit Peter Seewald. Tatsächlich spürte er bereits nach seiner Mexiko-Reise und zu den Osterfeiern 2012 – also vor Vatileaks -, dass seine Kräfte rapide abnehmen. Da hat Vatileaks die Bekanntgabe der Entscheidung eher noch verzögert. Denn für ihn war auch klar, dass er nicht mitten in einem Sturm kapitulieren würde, dass ein solcher Schritt erst dann infrage käme, wenn man in ruhigen Gewässern segelt.

Bilder: Papst Franziskus begeistert am Zuckerhut die Massen

Bilder: Papst Franziskus begeistert am Zuckerhut die Massen

Was war denn der wahre Grund für den Rücktritt Papst Benedikts XVI.?

Das Buch von Michael Hesemann "Papst Franziskus: Das Vermächtnis Benedikt XVI. und die Zukunft der Kirche" (288 Seiten, 19,99 Euro) ist im Münchner Herbig Verlag erschienen,

Physische Schwäche, immer schnelleres Ermüden und die dringende Empfehlung der Ärzte, keine Überseereisen mehr zu unternehmen. Damit stand fest, dass der Rücktritt vor dem Weltjugendtag in Rio stattfinden müsste, denn er konnte unmöglich über drei Millionen junger Menschen – die Zukunft der Kirche- so herbe enttäuschen. Der Termin im Februar war eigentlich ideal gewählt und das allein zeigt schon, dass er gründlich vorbereitet war. Seine Bekanntgabe fand schließlich am Welttag der Kranken und gerade noch vor der Fastenzeit statt, sodass zu Ostern ein neuer Papst im Amt sein würde. Für alle, denen das als Grund nicht reicht, hat Georg Ratzinger einen Spruch seines Vaters parat: „Warte, bis du in meine Schuhe hineingewachsen bist!“ Will sagen: Wer erst einmal dieses doch stolze Alter von 86 erreicht hat, der weiß, wie schwer es fällt, dann noch den immer intensiveren Anforderungen des Papstamtes in unserer Zeit nachzukommen!

Hat Papst Benedikt XVI. während seiner Amtszeit jemals mit seinem Bruder über Kardinal Bergoglio als seinen möglichen Nachfolger gesprochen?

Nein, der Name fiel interessanterweise nie. Man rechnete im Hause Ratzinger eher mit einem Italiener als Nachfolger.

Vor der überraschenden Wahl von Papst Franziskus galt ja der Mailänder Erzbischof, Angelo Kardinal Scola, als aussichtsreichster Kandidat für das Papstamt. Warum ist Kardinal Scola denn gescheitert?

Daran, dass die Italiener nicht an einem Strang zogen. Er überzeugte halt nicht ganz beim Konklave, auch wenn seine Wahl als so sicher galt, dass die italienischen Bischöfe ihm, gleich als der weiße Rauch erschien, ein Glückwunschtelegramm schickten. Beim Habemus Papam zeigte sich dann die Wahrheit hinter der alten Konklaveweisheit: „Wer als Papst in das Konklave geht, kommt als einfacher Kardinal wieder heraus.“

Bilder aus dem Leben von Papst Franziskus

Bilder aus dem Leben von Papst Franziskus

Wen hatten die Ratzinger-Brüder denn als möglichen Nachfolger auf dem Stuhl Petri im Blick?

Wie gesagt, einen Italiener… und ja, den, mit dem alle gerechnet hatten…

Spricht Benedikt XVI. mit seinem Bruder darüber, was er von der Amtsführung seines Nachfolgers hält?

Ich denke schon, aber Georg Ratzinger ist auch ein sehr diskreter Mensch, Gott sei Dank. Ich weiß nur, dass Benedikt XVI. seinen Nachfolger menschlich sehr schätzt. Und er auf keinen Fall als Kommentator des neuen Pontifikats auftreten möchte.

Für Ihr neues Buch haben Sie auch in Argentinien mit Maria Elena Bergoglio, der Schwester von Papst Franziskus gesprochen. Hat sie Ihnen verraten, welche Meinung Franziskus vor seiner Wahl von seinem Vorgänger Benedikt XVI. hatte?

Vatikan-Experte und Bestseller-Autor Michael Hesemann

Ja, das hat sie, und ich war tief beeindruckt davon, wie bewundernd und liebevoll sie von Papst Benedikt sprach. Sie bezeichnete ihn als „großen, außergewöhnlichen Papst“ und bedauerte nur, dass „viele Menschen ihn nicht zu schätzen“ gewusst hätten. Sie beschrieb ihn als Mann von großem inneren und intellektuellen Reichtum und fand beachtenswert, wie er systematisch er die Probleme und Skandale der Kirche offengelegt und in Angriff genommen hatte. „Zum Glück erkennen immer mehr Christen, dass er ein großer Papst und ein außergewöhnlicher Mensch war, der in jeder Hinsicht großen Mut gezeigt hat“, schloss sie ihren Kommentar. Sie gab mir sogar einen Brief an Georg Ratzinger mit auf den Weg, in dem sie ihm für seinen großen, jüngeren Bruder dankte. Eine rührende, wunderbare Geste.

Juventus-Stars von Papst Franziskus empfangen

Juventus-Stars von Papst Franziskus empfangen

Arbeiten Franziskus und Benedikt XVI. eigentlich in irgend einer Form zusammen? 

Papst Franziskus selbst hat ja schon mehrfach erklärt, wie sehr er seinen Vorgänger schätzt und regelmäßig um Rat fragt. Das geht so weit, dass sogar seine erste Enzyklika zum größten Teil aus der Feder Benedikts XVI. stammte. So etwas hat es in der Kirchengeschichte noch nie gegeben! Schon das zeigt, dass er die große Wertschätzung für Benedikt XVI., die seine Schwester ausgedrückt hat, unbedingt teilt.

Hatten die Bergoglios denn damit gerechnet, dass Jorge Mario der neue Papst wird?

Nein, absolut nicht. „Ich denke, er hat gar nicht über diese Möglichkeit nachgedacht“, versicherte mir Maria Elena Bergoglio glaubhaft. Darum hatte er ja auch nur das Nötigste in seinem Köfferchen dabei, als er in Rom eintraf. Das Rückflugticket war gebucht, man rechnete fest damit, dass er am Palmsonntag wieder in Buenos Aires sein würde.

Was hat der neue Papst Franziskus seiner Schwester denn nach der Wahl gesagt?

Er hat sie gleich nach seiner Wahl angerufen. Es war ein kurzes, aber sehr emotionales Gespräch. Er fragte sie, wie es ihr jetzt ginge. Statt zu antworten, stellte sie ihm die gleiche Frage, und er meinte nur: „Wie könnte ich dich jetzt nicht anrufen?“ Sie sagte, dass sie ihn gerne umarmen würde und er erwiderte: „Glaube mir, das machst Du gerade!“ Papst Franziskus spricht immer von der „Zärtlichkeit“, die wir auch im Glauben wieder entdeckten sollten. Eine solche Zärtlichkeit und Innigkeit verbindet die beiden Geschwister.

In vielen Medien wird der neue Papst gegenüber seinem Vorgänger als Revoluzzer dargestellt. Ist Franziskus denn ein Anti-Benedikt, der nun alles anders macht als sein Vorgänger?

Das ist wirklich Unfug und zeugt nur von der Oberflächlichkeit jener, die solches behaupten. Sie beurteilen den neuen Papst nach Äußerlichkeiten, nicht nach dem, was er sagt und tut. Der wahre Revoluzzer war Papst Benedikt, auch wenn er sich gut tarnte, weil er sich äußerlich angepasst gab. Er hat vom ersten Tag an das Papstamt revolutioniert, man denke nur mal an die ganzen Neuerungen bei seiner Amtseinführung. Er hat auf die Tiara auf dem Papstwappen verzichtet, er hat den Titel „Patriarch des Westens“ gestrichen und hat dieser geradezu sakralen Erhöhung des Papstamtes, die wir übrigens erst seit dem Ersten Vatikanischen Konzil 1878 kennen, ein Ende gesetzt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie die Papstaudienzen: Bei Johannes Paul II. kniete man noch vor dem thronenden Papst, bei Benedikt XVI. stand man ihm auf Augenhöhe gegenüber. Sein Amtsverzicht war die letzte Konsequenz daraus: Wem die Kraft schwindet, ein Amt auszuführen, der muss auch zurücktreten dürfen. Denn ein schwacher, kranker Papst ist nicht gut für die Kirche. Was bei Franziskus dazu kommt, sind die jesuitische Schlichtheit und der soziale Aspekt, der bei Benedikt in seinen Enzykliken theoretisch vorgegeben wurde und den Franziskus lebt. Benedikt war der große Theoretiker, Franziskus ist der Praktiker, der Seelsorger mit „Stallgeruch“, ja der Pfarrer der Welt. Sein Stil ist ein anderer, aber inhaltlich und theologisch passt kein Blatt zwischen die beiden. So betrifft die „Franziskus-Revolution“ nicht etwa die Vision Benedikts XVI., sondern eine Kirche, die leider oft nicht umsetzte, was der bayerische Papst ihr ins Stammbuch geschrieben hat.

Jorge Mario Bergoglio ist Papst Franziskus

Jorge Mario Bergoglio ist Papst Franziskus

Was verbindet Benedikt XVI. und Franziskus?

Franziskus‘ große Bewunderung für seinen Vorgänger und eine gemeinsame Vision von der Zukunft der Kirche, die Benedikt XVI. bereits in seinen Enzykliken und seiner historischen Freiburger Ansprache – Stichwort: „Entweltlichung“ – formuliert hat. Er hat damit quasi das Programm für das franziskanische Pontifikat geschrieben. Darum lade ich in meinem Buch auch dazu ein, den so oft missverstandenen Benedikt XVI. neu zu entdecken, denn er liefert den Schlüssel zum Verständnis seines Nachfolgers.

Hat Franziskus seiner Schwester auch verraten, wie er als Papst die Kirche verändern will?

Das hat er und schon deshalb war es wichtig, mit ihr und seinen engsten Weggefährten in Argentinien zu sprechen, um zu verstehen, was er wirklich will. Denn bei vielem, was bislang über ihn geschrieben wurde, haben die Autoren eher ihre eigenen Wünsche an die Kirche auf ihn projiziert. Man hört halt, was man hören will. Maria Elena Bergoglio meinte, dass Franziskus immer versucht, das, was er von anderen wünscht, konsequent vorzuleben. Dazu gehört halt, dass er einen radikal neuen Stil wählt, sodass sich niemand mehr hinter ihm oder dem bequemen „aber so war es doch immer schon“ verstecken kann.

Welche Vision hat Franziskus von der Kirche?

Sein Traum ist eine „entweltlichte“ Kirche. Eine Kirche, die für die Armen und Notleidenden dieser Welt eintritt. Eine Kirche, die sich nicht von den Menschen abhebt, sondern bei ihnen ist. Eine Kirche die sich ihrer materiellen Reichtümer und Privilegien entledigt, die sich nicht korrumpieren lässt, die glaubwürdig ist. Deren Hirten sich nicht absondern, sondern unter den Menschen leben und ihnen dienen. Das ist keineswegs eine neue Vision. Der heilige Franziskus hat sie ebenso gelebt wie der heilige Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens. Ihre Vorbilder haben in den jeweiligen Phasen der Geschichte immer wieder einer zu verweltlichten Kirche dazu verholfen, auf den Weg der konsequenten Christusnachfolge zurückzukehren. Somit ist der Bergoglio-Papst ein Franziskus oder Ignatius unserer Zeit. Und das kann der Kirche nur gut tun!

Interview: Franz Rohleder

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