Zwei aktuelle Vorfälle

Polizeigewalt gegen Schwarze: "Sie jagen uns. Jeden Tag."

Washington - Binnen 48 Stunden sterben in den USA zwei Schwarze, ohne ersichtlichen Grund von Polizisten erschossen. Wut und Fassungslosigkeit machen sich breit.

Es ist eine der tiefgehendsten, traurigsten Debatten der USA, und eine mit großer Sprengkraft. Befeuert wird sie nun von neuer, tödlicher Gewalt der Polizei gegen zwei Schwarze. Jedes Mal, wenn Amerika mit einem neuen toten Afroamerikaner aufwacht, fragt nicht nur die schwarze Community: Warum passiert das immer wieder? Was muss sich ändern, damit das aufhört?

Philando Castile, 32, wurde erschossen in einem Auto in Falcon Heights, einem Nest in Minnesota. Mit bemerkenswerter Ruhe filmt seine Freundin Lavish Reynolds ihren stöhnenden Gefährten, sein weißes Shirt voller Blut, streamt das Video live auf Facebook. Vor dem Wagen ein kreischender Polizist, er zielt weiter auf Castile. Vier Kugeln habe er ihm verpasst, sagt Lavish. „Gott mach, dass das nicht wahr ist. Dass er nicht auf diese Weise geht.“

Auf dem Rücksitz Lavishs kleine Tochter, sie sagt: „Mummy, es ist alles ok, ich bin ja hier.“ Am Armaturenbrett hängen Duftbäumchen.

Valerie Castile, Mutter des Erschossenen, ist wütend und fassungslos. Es gehört fast zum Ritual nach solchen Ereignissen, dass Angehörige sofort vor die Medien gehen, ihrem Schmerz Luft machen.

„Er war einfach schwarz und am falschen Platz“, sagt Valerie Castile ruhig bei CNN. Ein guter Junge sei Philando gewesen, seit Jahren Supervisor in der Cafeteria der J. J. Hill Montessori Magnet School, immer angestellt, beliebt, kein Straßentyp, keine Gangs.

Clarence Castile, Philandos Onkel: „Was tun wir, damit das aufhört?“ Er sagt: „Das war kein Beamter, das war einfach ein Mann, der geschossen hat. Ein Beamter muss uns doch beschützen und würde uns beschützen. Dieser Mann kam als Zerstörer mitten in unser Leben.“

In 30 Jahren habe es im St. Anthony Department keine tödlichen Schüsse gegeben, sagt die Polizei in einer Pressekonferenz. Philando hatte eine Waffe, den Angaben zufolge legal, das habe er dem Beamten auch gesagt, bevor er nach seinen Papieren griff, so wie man es auch in Lehrvideos für den Umgang mit der Polizei im Straßenverkehr lernt. War das der Auslöser?

"Ohne die Videos wüssten wir nichts"

Weniger als 48 Stunden vorher, Baton Rouge, Louisiana. Zwei Polizisten zwingen Alton Sterling (37) auf einem Parkplatz zu Boden, Schüsse fallen, er stirbt. Am Donnerstag taucht ein zweites Video aus einem neuen Winkel auf, auch das schwer auszuhalten, es zeigt den Tod des großen, schweren Mannes aus nächster Nähe.

Die Umstände bleiben unklar, ein Zeuge will Sterling mit einer Waffe herumfuchteln gesehen haben, aber das ist nicht bestätigt.

„Ohne die Videos wüssten wir nichts“, sagt Valerie Castile. In der Tat sind sehr viele der jüngsten Vorfälle mit Smartphones dokumentiert. Hunderttausende sehen und teilen sie. Aus Städten wie Baltimore gibt es Berichte, dies führe dazu, dass die Polizei weniger gegen Kriminelle tue, weniger auf der Straße präsent sei, die ständige Live-Übertragung vor Augen.

„Sie jagen uns. Jeden Tag. Es ist ein stiller Krieg gegen uns Afroamerikaner insgesamt“, sagt Valerie Castile. „Ich will Gerechtigkeit.“ Die Bewegung „Black Lives Matter“ hat sich das seit langem auf die Fahnen geschrieben, hat großen Zulauf.

2016 schon 506 Menschen von US-Polizisten getötet  

Castile war laut „Washington Post“ der 506., der 2016 in den USA von der Polizei getötet wurde. Mit Wucht erreicht das Thema auch den US-Wahlkampf, sind Schwarz und Weiß in den USA von Gleichberechtigung doch weit entfernt. Weit überproportional ist der Anteil Farbiger in den Gefängnissen. Schwarze berichten über tägliche Schikanen und Hürden. Oft wurden Polizisten nicht belangt, wenn Schwarze starben.

In Baton Rouge und Falcon Heights gibt es Demonstrationen. Die Wut unter Schwarzen im Land wächst, der Tod von Alton Sterling und Philando Castile kann ein Brandbeschleuniger sein. DeRay Mckesson, ein bekannter Schwarzenaktivist, schrieb am Donnerstag auf Twitter: „Wir müssen das Ausüben von Polizeigewalt und Sicherheit als etwas Unterschiedliches verstehen. Es ist nicht dasselbe.“

dpa

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