Fragwürdige Tradition in Appenzell

Rauchende Kinder bringen Schweizer Experten zur Weißglut

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Fragwürdige Tradition: Das Rauchen ist Kindern bei den Viehschauen im Schweizer Kanton Appenzell erlaubt. 

Appenzell - Bei den alljährlichen Viehschauen im Appenzeller Land wird Tradition groß geschrieben. Dazu gehört auch, dass Kindern - selbst den kleinsten - dort das Rauchen offiziell erlaubt ist. Medizinern qualmt deswegen der Kopf.

Aus allen Kantonen der Schweiz und aus aller Welt kommen jedes Jahr viele Menschen ins Appenzeller Land, um ein ganz besonderes Ereignis zu bestaunen: die Viehschau. Für diesen ganz besonderen Almabtrieb werfen sich die Bauernfamilien in ihre schönste Tracht und schmücken ihre Kühe mit Blumenkränzen und bunten Bändern. Nach einem vielbejubelten Zug durch die Straßen werden schließlich auf einem Schauplatz die prächtigsten und leistungsstärksten Tiere von einer Jury prämiert.

Doch ein Anblick stößt bei Experten wie auch bei vielen Touristen immer mehr auf Unverständnis: In dem farbenprächtigen Getümmel spazieren viele Kinder mit einer Zigarette oder einer Pfeife im Mundwinkel mit. Sogar Sechsjährige sind mit Glimmstengel zu sehen.

Rosalia Keller, Mediensprecherin von Appenzellerland Tourismus Appenzell Innerrhoden, erklärt gegenüber dem Schweizer Nachrichtenportal 20min.ch: "Am Funkensonntag und an der kantonalen Viehschauen in Appenzell ist Kindern das Rauchen erlaubt." Der Ursprung dieser Tradition liegt im Dunkeln, das sei eben immer schon so gewesen, meint sie lapidar. Dass das Rauchen immer mehr verpönt und vielerorts bereits verboten ist, hier aber sogar Kinder Nikotin inhalieren dürfen, findet aber auch sie "paradox".

Warnungen nur Schall und Rauch

Nicht nur paradox sondern als regelrechten Aufreger empfinden das Gesundheitsexperten: "Rauchen ist schädlich für die Gesundheit – gerade bei Kindern", sagt Barbara Weber, Mediensprecherin der Lungenliga Schweiz, einer schweizerischen Non-Profit-Organisation, die sich die Bekämpfung von Lungenkrankheiten und Atembehinderungen auf die Fahne geschrieben hat. Jugendliche würden riskieren, dass ihre Lungen nie die vollständige Größe und Kapazität erreichen, so Weber. Sie weist auf die hohe Suchtgefahr durch das Nikotin hin: "Je früher jemand mit dem Rauchen anfängt, desto schwieriger wird später der Ausstieg".

Auch dem Gesundheitsamt des Kantons Innerrhoden ist diese Tradition ein Dorn im Auge: Dass die Kinder dort rauchen, sei zwar gesellschaftlich breit akzeptiert, "dennoch raten wir dringend davon ab", so ein Sprecher. Auch Kaugummizigaretten seien keine Alternative: Durch sie würden Kinder eher an das Rauchen herangeführt.

Bauern wiegeln ab: "Die Kinder rauchen ja nicht richtig. Es wird mehr geblasen als inhaliert", zitiert 20min.ch einen Landwirt aus Oberegg.

Die qualmenden Kinder von Appenzell werden jedenfalls wohl noch lange ein Teil der Viehschauen bleiben: Die Ämter sind bisher trotz aller Warnungen und Bedenken nicht eingeschritten. Tradition wird eben auch in der Schweiz großgeschrieben. Größer als Gesundheit und Vernunft, wie es scheint.

hn

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