Weitere Verdächtige festgenommen

Mutige Frau wollte London-Killer aufhalten 

Woolwich Shooting
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Das Bild zeigt einen der mutmaßlichen Angreifer, der vor einer Videokamera spricht und blutige Hände hat

London - Eine Frau, die die Londoner Soldatenmörder zu ihren Motiven befragte und zum Aufgeben überreden wollte, ist wegen ihrer Zivilcourage für die Briten zu einer Heldin geworden.

Sie habe im Bus gesessen, als sie den Körper des Soldaten am Mittwoch auf der Straße liegen gesehen habe, kurz nachdem er von zwei Männern unter anderem mit einem Fleischerbeil getötet worden war. Das berichtete die 48-jährige Ingrid Loyau-Kennett im Interview der Zeitung „The Guardian“ (Donnerstag).

Der Tatort im Londoner Stadtteil Woolwich

Sie sei ausgestiegen, um zu sehen, ob sie Erste Hilfe leisten könne. Dann sei einer der Täter auf sie zugekommen - mit einer Schusswaffe in der einen und einem Fleischerbeil in der anderen Hand. „Ich hatte keine Angst, weil er nicht betrunken war und auch nicht unter Drogen stand“, sagte Loyau-Kennett. „Er war normal. Ich konnte mit ihm sprechen und er wollte reden, und das haben wir gemacht.“

Er habe ihr gesagt, er sei Soldat. „Er sagte: Ich habe ihn getötet, weil er Muslime getötet hat und ich die Nase voll von Leuten habe, die Muslime in Afghanistan töten. Sie haben da nichts verloren.“ Sobald die Polizei am Tatort eintreffe, wolle er die Polizisten ebenfalls umbringen.

Nachdem er weggegangen war, ging die Frau zu dem zweiten Täter, der ein Messer in der Hand hielt. „Er war ruhiger und schüchterner. Ich fragte ihn, ob er mir das, was er in der Hand hielt, geben wolle.“ Das habe er aber nicht gemacht. „Ich habe ihn gefragt: Willst Du weitermachen? Und er sagte: Nein, nein, nein.“

Es seid nur ihr gegen viele, ihr werdet verlieren“, habe sie gesagt. Als die Polizei kam, sei sie zurück zum Bus gegangen und habe gesehen, wie die Beamten den Männern in die Beine geschossen hätten.

Zwei weitere Verdächtige festgenommen

Im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Terrorangriff hat die Polizei am Donnerstagabend zwei weitere Verdächtige festgenommen. Ein Mann und eine Frau, beide 29 Jahre alt, seien unter dem Verdacht der Beihilfe zum Mord verhaftet worden, teilte die Polizei mit. Sie würden von der Polizei in London verhört.

Höchste Terrorwarnstufe

Am Donnerstag durchsuchten Beamte zwei Anwesen in der Grafschaft Lincolnshire und in Greenwich, im Südosten Londons. Beide Aktionen standen laut Polizei im Zusammenhang mit der Bluttat vom Vortag.

Die Regierung hob die Terrorwarnstufe in London zunächst nicht an. Sie bleibt bei „Substanziell“. Dies deutet darauf hin, dass zum Champions-League-Finale am Samstag nicht mit erhöhter Terrorgefahr gerechnet wird. Zu dem Spiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund werden Zehntausende Besucher aus Deutschland erwartet.

Zwei mutmaßliche Terroristen waren am Mittwoch unmittelbar nach dem Mord auf offener Straße von Polizisten angeschossen und anschließend in Krankenhäuser gebracht worden. Sie sollten am Donnerstag verhört werden.

Kontakt zu radikalen Terrorgruppen

Nach unbestätigten Informationen aus Regierungskreisen soll es sich bei den beiden Männern um Briten mit Verbindungen nach Nigeria handeln. Sie sollen zu einer radikalisierten Form des Islam konvertiert sein und 22 beziehungsweise 28 Jahre alt sein. Es sei aber nicht davon auszugehen, dass sie Kontakt zu radikalen, islamistischen Terrorgruppen wie Boko Haram in Nigeria gehabt hätten.

Das bestialische Verbrechen hatte sich in unmittelbarer Nähe einer Kaserne im südöstlichen Londoner Stadtteil Woolwich abgespielt. Ein in den britischen Medien verbreitetes Video zeigt einen dunkelhäutigen Mann mit einem Messer und einem Fleischerbeil in seinen blutverschmierten Händen.

Der Attentäter aus London im Video-Interview

Er soll „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben. Er rief ferner dazu auf, die Regierung abzusetzen. „Sie kümmert sich nicht um Euch!“, sagte er. „Wir schwören beim allmächtigen Allah, wir hören nie auf, Euch zu bekämpfen, bis Ihr uns in Ruhe lasst“, sagte er in die Kamera. „Auge um Auge, und Zahn um Zahn. Es tut mit leid, dass Frauen das mit ansehen mussten. Aber in unserem Land müssen Frauen dasselbe mitansehen. Ihr werdet nie sicher sein.“

Das Opfer: Soldat Lee Rigby vom zweiten Battalion des Royal Regiment of Fusiliers

Soldat Lee Rigby, das 25-jährige Opfer, gehörte nach offiziellen Angaben von Donnerstag dem „Royal Regiment of Fusiliers“ an, einem Infanterie-Regiment der britischen Armee, wo er im Musikkorps die Trommel schlug. Er war Vater eines zweijährigen Sohnes und nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums 2009 in Afghanistan und danach auch in Deutschland (Celle) stationiert.

Täter waren der Polizei bekannt

Die mutmaßlichen Terroristen waren der Polizei bereits vor dem Mord an einem Soldaten bekannt. Das sagte Premierminister David Cameron am Donnerstag bei einer Stellungnahme zu dem Angriff vom Vortag. Er nannte die Tat „widerwärtig“. Für sie seien ausschließlich die Täter selbst verantwortlich, sie könnten sich nicht hinter der Lehre des Islams verstecken.

„Dieses Land wird sich mit aller Entschlossenheit dem Terror entgegenstellen“, erklärte Cameron. Dazu werde Großbritannien auch weiter mit seinen internationalen Partnern zusammenarbeiten.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson legte jedoch nach dem Treffen des Sicherheitskabinetts nahe, dass es eine Einzeltat sein könnte: „Nach allem, was ich höre, können die Londoner ganz normal ihrem Alltag nachgehen, und wir werden die Killer zur Rechenschaft ziehen.“

Polizei verstärkt Präsenz auf den Straßen

Die Londoner Polizei verstärkt dennoch vor dem Champions-League-Finale ihre Präsenz auf den Straßen der Stadt. Vor allem an Orten, wo sich Menschenmassen versammeln, werde man in den kommenden drei Tagen verstärkt Polizisten in Uniform sehen, sagte Simon Byrne von Scotland Yard am Donnerstag bei einem Besuch am Tatort im südöstlichen Stadtteil Woolwich. Derzeit seien 1200 zusätzliche Polizisten im Einsatz, um den Menschen auf der Straße ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Dies solle so bleiben, bis es mehr Klarheit über die Hintergründe der blutigen Mordattacke auf einen Soldaten gebe.

BVB und Bayern halten Zeitplänen fest

Borussia Dortmund teilte unterdessen mit, der Verein werde ungeachtet des Mordes von London an seinem Ablaufplan für das Champions-League-Finale gegen den FC Bayern München am Samstag festhalten. „Alles wie geplant. Wir sind ohnehin sehr vorsichtig und haben zum Beispiel niemandem unsere Hotels genannt“, teilte Vereinssprecher Sascha Fligge am Donnerstag auf Anfrage mit.

Beim FC Bayern verfällt man ebenfalls nicht in Panik „Unsere Sicherheitsleute sind bereits in London“, sagte Mediendirektor Markus Hörwick. Sie stünden in Kontakt mit den dortigen Sicherheitsbehörden.

Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sieht nach dem Attentat keine konkrete Gefahr für Besucher des Endspiels. „Die Fans können beruhigt zum Finale fahren“, sagte der CSU-Politiker der „Welt“ am Rande der Innenministerkonferenz in Hannover.

Ausführliche Informationen zum CL-Finale erhalten Sie im News-Ticker von tz-online.

Attentat in London: Soldat auf offener Straße ermordet

Attentat in London: Soldat auf offener Straße ermordet

dpa/ap

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