Joachim Schaefer filmt Demonstrationen von Rechtsextremen

Selbst ein Anschlag hält ihn nicht auf: Theologe behält Neonazis im Blick

Mit der Kamera bei rechten Demos unterwegs: Der Diplomtheologe Joachim Schaefer vor dem Wetzlarer Dom. Foto: Holscher

Bei der Kommunalwahl in Hessen hat die NPD in einigen hessischen Städten Erfolge erzielt – so zum Beispiel in Wetzlar. Wir haben den Theologen Joachim Schaefer dort getroffen.

Joachim Schaefer scheut keinen Konflikt: nicht mit Neonazis, nicht mit seiner Kirche, selbst seinerzeit nicht mit dem Bischof Tebartz-van Elst, „dabei bin ich kein mutiger Mann.“ Seit 2008 mischt sich Joachim Schaefer unter Demonstrationen von Neonazis in ganz Hessen. Immer dabei seine Videokamera – er ist kein gern gesehener Gast.

Eigentlich will er diese Menschen bekehren, sie zurückgewinnen für die Demokratie. „Da kommt mein Missionarseifer durch“, sagt der Pastoralreferent beim Bistum Limburg. Joachim Schaefer ist 54 Jahre alt, katholischer Diplomtheologe, war verheiratet, hat fünf Kinder und ist geschieden. „Das geht in der katholischen Kirche eigentlich gar nicht – ich bin mehrfach ein schlechtes Vorbild.“

Auf seinem Rechner im Büro finden sich auf der Seite „hessencam“ rund 2000 Videos. Nicht alle drehen sich um rechte Gruppen in Hessen. Mit Jugendlichen produziert er auch andere Beiträge zu Lokal- und Bundespolitik und zur Integration.

Wenn er selbst dreht, hält er drauf, wenn Neonazis ihre Parolen brüllen, kleine Kinder an Fenstern auffordern zu springen, wenn diese ausländisch aussehen. „Da werde ich wirklich sauer.“

Begonnen hat seine Aufklärungsarbeit mit der Kamera im Jahr 2008, bei einer rechten Demo in Wetzlar. Die Polizei warnte ihn noch. „Wenn Sie jetzt eine Ohrfeige fangen, dann fangen Sie die – dann können wir ihnen nicht helfen“, sagte ein Polizist zu ihm, berichtet Schaefer. Das Thema ließ ihn nicht mehr los.

Seitdem recherchiert er zu den Neonazis in Wetzlar und Hessen, kennt die meisten Namen, viele Hintergründe. Einige geben ihm sogar Interviews. „Ich glaube, sie fühlen sich dann ausnahmsweise mal ernstgenommen“.

Irgendwann wurde es den Rechtsextremen aber doch zu viel. 2010 fuhren nachts vier von ihnen zu seinem Haus. Ein Molotowcocktail flog gegen die Haustür. Ein Vorhang dahinter begann zu brennen – Nachbarn bemerkten das Feuer. Schaefer selbst war an dem Tag nicht zu Hause, allerdings seine Frau und drei Kinder.

Die Rechtsextremen mussten für den Anschlag teils mehrere Jahres ins Gefängnis. „Danach habe ich überlegt, es zu lassen, nach einiger Zeit aber doch weitergemacht.“

Einmal musste er zum Rapport beim damaligen Bischof Tebartz-van Elst. Eine Person aus dem rechten Spektrum hatte behauptet, Schäfer stachele linke Gruppen auf. „Das stimmte nicht, aber ich war kurz vor dem Rauswurf.“ Seitdem wird seine private Arbeit als Aufklärer mit der Kamera nicht mehr mit der Arbeitszeit vermischt.

Gerade sind die Rechten wieder aktiver geworden, haben Aufkleber mit dem Bild von Joachim Schaefer an verschiedene Schautafeln in der Stadt geklebt. Darauf steht: „Antifaschismus ist in Wetzlar eine brandheiße Sache“. Eine Anspielung auf den Anschlag von 2010. Der Theologe will sich aber nicht abhalten lassen „Wenn ich mit meiner Kamera 2008 nicht angefangen hätte, würden einige Leute immer noch sagen: Wir haben kein Problem mit Neonazis.“

Joachim Schaefer (54), geboren in Koblenz, ist Diplomtheologe und Pädagoge. Statt Priester zu werden, entschied er sich nach der Ausbildung dafür, eine Familie zu gründen und zu heiraten. Seit 1992 arbeitet er als Pastoralreferent beim Bistum Limburg, lehrt Ethik in einer Förderklasse, bietet Workshops und eine Video-AG an. „Ich bin geprägt von der politischen Theologie“, sagt Schaefer. Sein Lebensthema ist, Menschen zu begeistern, sich zu engagieren. 

www.hessencam.de/

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