"Gesäß ist kein Geschlechtsorgan"

Streit nach Freispruch für Po-Grapscher

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Ein Wagen der Düsseldorfer Karnevalisten, zeigt zwei Männerhände am Hintern einer Frau. Die Sexismusdebatte ist auch im Karneval ein Thema.

Wien - Die Sexismus-Debatte hat Österreich erreicht: Statt Brüderles Busen-Kommentar sorgt dort ein Po-Grapscher für Diskussionen. Denn der Griff ans Hinterteil gilt nicht als sexuelle Belästigung.

An einem Herbsttag 2012 radelt eine 43-jährige Bankangestellte durch die Grazer Innenstadt. An einer Ampel spricht sie ein Mann an: „Oh Frau mit knackigem Po, darf ich bitte angreifen?“ „Nein, sicher nicht“, antwortet die Frau nach eigenen Angaben. Der Mann grapscht trotzdem. Als sie ihm eine Ohrfeige gibt, wird ihr „Verehrer“ aggressiv: „Du Schlampe, mich schlägt keine Frau.“ Die Grazerin erstattet Anzeige, aber die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein.

"Gesäß ist kein Geschlechtsorgan"

Ein Griff an den Po sei keine sexuelle Belästigung, lautet die Begründung. „Das Gesäß ist schon per Definition kein Geschlechtsorgan, daher ist der bloße Klaps auf ein Gesäß keine gerichtlich strafbare Handlung“, sagt der Sprecher im ORF. Der Fall sorgte vor Monaten im Alpenland für Empörung, verschwand dann aber schnell aus den Medien. Durch die über die Grenze geschwappte Sexismus-Debatte in Deutschland bekommt er neue Brisanz.

Österreichs sozialdemokratische Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) nutzt die Chance, um erneut zu fordern, endlich eine schärfere Definition von sexueller Belästigung als Delikt im Strafrecht zu verankern. Man müsse den Opferschutz ausweiten, sagt sie der Nachrichtenagentur dpa in einem E-Mail-Interview. Im Moment seien Frauen nur im Bereich der Arbeitswelt vor sexuellen Übergriffen geschützt: „Po-Grapschen sollte endlich auch als sexuelle Belästigung strafrechtlich geahndet werden.“ Es könne nicht sein, dass die Täter keinerlei rechtliche Konsequenzen fürchten müssten.

Justizministerin Beatrix Karl vom konservativen Koalitionspartner ÖVP will davon allerdings nichts wissen. „Anlassgesetzgebung“ sei das, sagt Karl. Das Strafrecht sei die schärfste Waffe des Staates und dürfe nur sehr behutsam adaptiert werden. Auch die Ex-Jörg-Haider-Partei BZÖ ist dagegen: Statt einer Gesetzesänderung solle man lieber flächendeckend Selbstverteidigungskurse anbieten: „Gewalt an Frauen kann man am ehesten präventiv vermeiden, indem Frauen zukünftig noch unabhängiger sowie eigenständiger werden“, heißt es in einer Mitteilung.

Unterstützung erhält Heinisch-Hosek dagegen von anderen Parteien und Verbänden: Der #aufschrei auf Twitter und der Po-Grapscher zeigten, dass auf gesellschaftlicher und juristischer Ebene noch viel gegen Sexismus im Alltag getan werden müsse, teilte der Österreichische Frauenring mit. „Wir brauchen jetzt rasch ein klares gesellschaftliches Zeichen gegen Alltagssexismus. Der Aufschrei muss auch durch das Parlament gehen“, fordert die Frauensprecherin der Grünen, Judith Schwentner.

Da im auf die Arbeitswelt anzuwendenden Gleichbehandlungsgesetz Po-Grapschen sehr wohl als sexuelle Belästigung gelte, sei es sinnvoll, die Definition im Strafrecht anzugleichen, sagt die Verfassungsjuristin Brigitte Hornyik im ORF. Die Wiener Arbeiterkammer will zudem die Verjährungsfrist von sexueller Belästigung von einem auf drei Jahre verlängert sehen.

Die Grazer Frauen haben nach dem Vorfall ihren eigenen Weg gefunden, mit dem Fall umzugehen: Mit Papphänden bewaffnet demonstrierten sie in einem Protestmarsch Ende 2012 Männern in der Innenstadt, wie unangenehm es sein kann, ungefragt hinterrücks berührt zu werden.

dpa

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