In der Heimat droht die Todesstrafe

Verfolgte Homosexuelle suchen Zuflucht in Kenia

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Eric Gitari ist der Chef der kenianischen NGO mit dem Namen "National Gay and Lesbian Human Rights Commission".

Nairobi - Homosexuelle werden verleumdet, tätlich angegriffen und sogar festgenommen. Kenia gilt bei Schwulen und Lesben aus den Nachbarstaaten als Zufluchtsort.

Akram Kalungi weiß gut, wie schmerzvoll sich Diskriminierung anfühlt. Von seinen muslimischen Eltern wurde der Ugander verstoßen, und in seiner Heimat riskierte er sogar eine langjährige Haftstrafe. Teilweise forderte die Regierung dort die Todesstrafe für Menschen wie ihn. Kalungis Vergehen: Er ist homosexuell.

Als eine aufgebrachte Menge im vergangenen Jahr sein kleines Haus in der Hauptstadt Kampala anzündete, konnten der 25-Jährige und seine vier Mitbewohner nur knapp dem Tod entfliehen. Selbstjustiz gegen mutmaßliche Schwule und Lesben gehört in Uganda schon fast zum Alltag - auch weil die Regierung immer wieder die homophobe Grundstimmung anheizt. Um sein Leben zu retten, floh Kalungi - wie schon Hunderte seiner Mitbürger - ins Nachbarland Kenia.

Der ostafrikanische Staat gilt in der Region als relativ sicherer Zufluchtsort für Menschen, die in anderen afrikanischen Ländern wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt werden. Erst vor wenigen Wochen hatte ein kenianisches Gericht ein historisches Urteil gefällt und die Eintragung einer Organisation für Homosexuellenrechte in die staatlichen Register angeordnet. Die Regierung lief dagegen Sturm - bisher vergeblich.

Eric Gitari ist der Chef dieser Organisation mit dem Namen National Gay and Lesbian Human Rights Commission. Er sei „außer sich vor Freude“ über das Urteil, sagt er. „Religion und moralische Grundsätze können nicht als Vorwand benutzt werden, um unsere Rechte einzuschränken.“

Dennoch: Auch in Kenia sind homosexuelle Akte illegal - nicht jedoch Homosexualität selbst. Gleichgeschlechtliche Beziehungen stehen in mehr als zwei Dritteln der 54 afrikanischen Länder unter Strafe. Im Sudan, in Nigeria und in Mauretanien steht darauf sogar die Todesstrafe.

Auch Uganda hatte eine ähnliche Regelung geplant, dann jedoch ein Gesetz verabschiedet, das lebenslange Haftstrafen für „Wiederholungstäter“ vorsieht. Dieses wurde aus formalen Gründen im August 2014 nach sechs Monaten wieder gekippt. Nun gibt es einen neuen, ebenso strengen Gesetzentwurf, der noch verabschiedet werden muss.

„Kenia ist zu einem Schutzort geworden“, erklärt Gitari. „Die meisten Asylbewerber, die vor der Homophobie in Uganda fliehen, kommen in unser Land.“ Aber auch im vermeintlich „sicheren Hafen“ Kenia ist nicht alles Gold, was glänzt.

Auch wenn Aktivisten mittlerweile mehr Rechte zugesprochen werden und im vergangenen Jahr einer Transsexuellen erlaubt wurde, ihren Namen offiziell von „Andrew“ in „Audrey“ zu ändern, bleibt die größtenteils konservativ eingestellte und tief religiöse Bevölkerung skeptisch.

Vor allem die mächtige anglikanische Kirche macht immer wieder mobil und bezeichnet die gerichtliche Zulassung der Hilfsorganisation als „naiv und taktlos“. Der kenianische Vizepräsident William Ruto meinte während eines Kirchenbesuchs: „Wir haben keinen Platz für Schwule und diese anderen.“ Solche Worte machen Eindruck bei den Bürgern.

Kalungi hat nach seiner Flucht aus Uganda das Gefühl, er sei vom Regen in die Traufe gekommen. Zwar drohen ihm in Kenia keine lebenslange Haftstrafe und keine Brandanschläge, aber diskriminiert wird er noch immer. Derzeit lebt er mit zehn Leidensgenossen, darunter Transsexuelle, in einem Armenviertel der Hauptstadt Nairobi. „Aber wenn die Leute bemerken, dass ich schwul bin, jagen sie mich fort“, sagt er.

Denn auch in Kenia gilt Homosexualität als „unafrikanisch“ und als eine aus dem Westen eingeschleppte Krankheit. „Aber die gute Nachricht ist, dass immer mehr Menschen anerkennen, dass es auch in Afrika eine Schwulen- und Lesben-Bewegung gibt“, sagt Kevin Mwachiro, der in seinem Buch „Invisible“ Geschichten Homosexueller gesammelt hat. Je mehr Menschen sich outeten, desto klarer werde, dass die LGBT-Gemeinschaft (Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) auch ein afrikanisches Gesicht habe, sagt Mwachiro und lächelt: „Wir sind Afrikaner, wir sind hier - und wir sind queer.“

dpa

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