Germanwings-Absturz

Co-Pilot war suizidgefährdet - Debatte über ärztliche Schweigepflicht

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Staatsanwalt Christoph Kumpa von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf.

Düsseldorf - Vor seiner Pilotenkarriere ist der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine psychotherapeutisch behandelt worden - wegen möglicher Suizidgefährdung. Unterdessen ist eine Debatte über die ärztliche Schweigepflicht entbrannt. 

Update vom 31. März 2015: Die Lufthansa hat für die Kosten rund um den Germanwings-Absturz rund 300 Millionen US-Dollar zurückgestellt. Darin sind auch die finanziellen Entschädigungen für die Hinterbliebenen enthalten. Verfolgen Sie die weiteren Entwicklungen in unserem Ticker.

Der 27-Jährige habe sich vor Erlangung des Pilotenscheines "über einen längeren Zeitraum mit vermerkter Suizidalität in psychotherapeutischer Behandlung" befunden, erklärte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf am Montag. An der Absturzstelle in Südfrankreich wurde derweil die Suche nach der zweiten Blackbox und nach Überresten der Opfer fortgesetzt.

Nach Angaben der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wiesen die ärztlichen Dokumentationen bislang keine organische Erkrankung bei dem Copiloten aus, der nach bisherigen Erkenntnissen den Absturz der Maschine mit weiteren 149 Menschen an Bord vorsätzlich eingeleitet hatte. Nach seiner Behandlung vor mehreren Jahren hätten in der Folgezeit und bis zuletzt "weitere Arztbesuche mit Krankschreibungen stattgefunden, ohne dass Suizidalität oder Fremdaggressivität attestiert worden ist", erklärten die Ermittler weiter.

Ausdrücklich betonte die Staatsanwaltschaft, dass sie sich nicht an Spekulationen zur Motivlage des Copiloten beteiligen wolle und könne. "Die Ermittlungsbehörden haben sich allein an Fakten zu halten." Es fehle weiterhin sowohl "an der belegbaren Ankündigung einer solchen Tat" als auch an einem Tatbekenntnis. "Ebenso wenig sind im unmittelbaren persönlichen und familiären Umfeld oder am Arbeitsplatz besondere Umstände bekannt geworden, die tragfähige Hinweise über ein mögliches Motiv geben können", hieß es in der Erklärung der Ermittler.

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Suche nach zweitem Flugschreiber dauert an

An der Absturzstelle bei Seyne-les-Alpes wurden die Ermittler am Montag erstmals ausschließlich auf dem Landweg zur schwer zugänglichen Absturzstelle gebracht - wetterbedingt konnten Hubschrauber nicht fliegen. Die erste Blackbox der Germanwings-Maschine, der Stimmrekorder, war bereits kurz nach dem Absturz des Airbus A320 am Dienstag vergangener Woche gefunden worden. Der Flugschreiber mit den technischen Daten konnte zunächst nicht geborgen werden. Yves Naffrechoux von der französischen Gebirgspolizei hob hervor, das Auffinden der zweiten Blackbox bleibe eines der wichtigsten Ziele.

Ob der Flugschreiber überhaupt noch gefunden wird, blieb unklar. Das Flugzeug sei mit enormer Wucht und fast 800 Stundenkilometern "fast in eine senkrechte Wand" geflogen, sagte Lufthansa-Vorstandsmitglied Kay Kratky am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Günther Jauch". Nun sei die Frage, wie stark der Flugdatenschreiber dabei in Mitleidenschaft gezogen worden sei.

Die Ermittler konnten inzwischen auch die DNA von 78 der 150 Menschen sichern, die bei dem Absturz ums Leben kamen. Bis zum Montag waren 325 Familienangehörige und Freunde der 150 Toten in die Nähe der Absturzstelle in Südfrankreich gereist.

Diskussion um Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht

Vor dem Hintergrund der Katastrophe forderte der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht für sensible Berufe. Piloten müssten "zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden", zitierte die "Rheinische Post" den Politiker. Diese Ärzte müssten "gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein".

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, warnte allerdings vor "vorschnellen politischen und rechtlichen Entscheidungen" nach dem Flugzeugabsturz. "Die ärztliche Schweigepflicht ist ebenso wie das verfassungsrechtlich geschützte Patientengeheimnis ein hohes Gut", erklärte Montgomery in Berlin.

Auch der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn wandte sich gegen eine Lockerung der Schweigepflicht. "Der Patient muss sich immer auf das besondere Vertrauensverhältnis zum Arzt verlassen können, nur dann wird er ehrlich und offen sein", sagte Spahn der "Rheinischen Post" (Dienstagsausgabe).

AFP

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