Fakten und Folgen nach Terroranschlag

"Charlie Hebdo" erscheint mit Rekord-Auflage

+
Eine Karikatur im Gedenken an die Opfer des Terroranschlags auf die Redaktion von "Charlie Hebdo". Marokkos Kommunikationsministerium hat das Recht, den Import von Publikationen zu untersagen, die dem Islam, der Monarchie, der territorialen Integrität des Landes, der öffentlichen Ordnung oder dem König schaden.

Paris - Nach dem Marsch von fast vier Millionen Menschen als Zeichen des Protests gegen den Terrorismus steht Frankreich vor neuen Entscheidungen. In Deutschland sorgen die aktuell geplanten Pegida-Kundgebungen für Aufregung.

Die Fakten des Anschlags auf "Charlie Hebdo"

  • Nach dem Anschlag auf die Redaktion der französischen Satirezeitung "Charlie Hebdo" haben am Sonntag Frankreich und die ganze Welt ein Zeichen gegen Terrorismus gesetzt. Fast vier Millionen Menschen, darunter Dutzende Staats- und Regierungschefs beteiligten sich an Protestmärschen.

  • Die beiden Täter, die den Anschlag auf "Charlie Hebdo" verübt hatten und anschließend auf der Flucht waren, wurden am Freitag durch die Polizei getötet. Fast zeitgleich schlugen Sondereinheiten im Osten von Paris gegen einen weiteren als Islamisten bekannten Geiselnehmer zu.
  • Am Sonntag tauchte ein mutmaßliches Bekenner-Video des Pariser Geiselnehmers Amedy Coulibaly auf.

  • Die Terrorgruppe Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) hat Frankreich unterdessen mit weiteren Anschlägen gedroht.
  • Bei dem Attentat auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" am Mittwoch wurden zwölf Menschen durch Schüsse getötet - darunter acht Journalisten. Elf weitere Opfer wurden verletzt, vier davon schwer.

"Charlie Hebdo" erscheint mit drei Millionen Auflage

Die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" wird am Mittwoch mit einer Rekordauflage von drei Millionen Exemplaren erscheinen. Das enorme Interesse weltweit nach dem blutigen Anschlag rechtfertige diese hohe Auflage, teilte der Vertrieb MLP am Montag mit. Nach dem Angriff war zunächst eine Rekordauflage von einer Million angekündigt worden; üblicherweise werden 60.000 Exemplare gedruckt.

Die linksgerichtete "Libération" hatte die verbliebenen Mitarbeiter von "Charlie Hebdo" in ihren Redaktionsräumen untergebracht, weil die Büros des Satireblatts wegen der laufenden Ermittlungen zunächst nicht genutzt werden können.

Wo war Obama? US-Regierung gesteht Fehler ein

Die USA haben es als Fehler bezeichnet, keinen hochrangigen Vertreter zum Gedenkmarsch für die Terror-Opfer nach Paris geschickt zu haben. „Wir hätten jemanden mit einem höheren Profil schicken sollen“, gestand Präsident Barack Obamas Sprecher Josh Earnest am Montag in Washington ein. Die USA stünden jedoch hinter den Franzosen, sagte Earnest. Obama war für seine Abwesenheit bei dem Marsch zum Gedenken der 17 Opfer der islamistischen Anschläge in Frankreich kritisiert worden. Zwar hielt sich US-Justizminister Eric Holder zu Gesprächen mit Sicherheitsvertretern in Paris auf, bei dem Solidaritätsmarsch wurden die USA allerdings durch die Botschafterin Jane Hartley vertreten.

Earnest verwies auf die umfassenden Sicherheitsvorschriften, die bei Besuchen des US-Präsidenten zu beachten seien, und betonte, dass die Planung für den Marsch in Paris erst Freitagabend begonnen habe. Nun will US-Außenminister John Kerry am Donnerstag und Freitag Paris besuchen, um Solidarität zu zeigen.

Nach Trauermarsch: Spott und Häme für Sarkozy

Sein zeitweiliges Auftauchen in der ersten Reihe des Trauermarsches bringt dem früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy Hohn und Spott im Internet ein. Bei der Solidaritätsveranstaltung für die Opfer der Terroranschläge von Paris war der 59-Jährige mit seiner Frau Carla Bruni am Sonntag kurzzeitig auch an der für Staats- und Regierungschefs vorbehaltenen Spitze des Zuges zu sehen. Schon vorher hatte Sarkozy beim Empfang im Élysée den Platz auf der Treppe neben Hollande auffällig lang nicht geräumt. Am Montag erntete Sarkozy viel Spott für seinen Ausflug in die erste Reihe. Im Internet tauchten immer mehr Fotomontagen auf, auf denen sein Konterfei in historische Bilddokumente montiert wurde. Die Seite „Je suis Nico“ sammelte die Montagen mit Sarkozy bei der Jalta-Konferenz, neben Helmut Kohl und François Mitterrand in Bitburg mit den Beatles oder bei der Mondlandung.

Fluggastdaten-Austausch: Konservative im EU-Parlament machen Druck

Nach den islamistischen Terroranschlägen in Frankreich machen sich die Konservativen im EU-Parlament für neue Regeln zum Austausch von Flugpassagier-Daten stark. Bisher blockiert eine Mehrheit im Parlament aus Datenschutzgründen einen entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission im Anti-Terror-Kampf.

„Es wäre wichtig, wenn Sozialdemokraten und Liberale im Parlament ihre Blockade des EU-Fluggastdatensystems aufgeben“, sagte der Vorsitzende der konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber, am Montag der dpa in Brüssel. Der konservative Parteienblock ist die stärkste Kraft im Parlament.

Die Erhebung solcher Daten hat sich nach Worten Webers im weltweiten Anti-Terror-Kampf bewährt. Seit Jahren wird auf EU-Ebene um das Thema gestritten.

Marokko untersagt Zeitungen mit „Charlie Hebdo“-Karikaturen

Marokko geht gegen die Verbreitung von „Charlie Hebdo“-Karikaturen des Propheten Mohammed in dem Königreich vor. Wie ein Sprecher des Kommunikationsministeriums am Montag in Rabat erklärte, dürfen Ausgaben ausländischer Zeitungen und Zeitschriften, die solche Karikaturen aus Solidarität mit den Terroropfern von Paris übernommen hatten, in dem nordafrikanischen Land nicht verkauft werden. Die Weiterverbreitung der Karikaturen habe nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern schüre Hass gegen den Islam und die Muslime, lautet die Begründung.

Zündete Attentäter Coulibaly auch eine Autobombe?

Der Screenshot aus dem mutmaßlichen Bekenner-Video zeigt offenbar den Geiselnehmer und Terroristen Amedy Coulibaly.

Der islamistische Attentäter Amedy Coulibaly, der am Freitag vier Geiseln in einem jüdischen Supermarkt in Paris erschossen haben soll, hat womöglich auch eine Autobombe gezündet. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft von Paris übernahm am Sonntag die Ermittlungen zur Explosion eines Autos in Villejuif bei Paris, bei der es keine Verletzten gegeben hatte, wie die Nachrichtenagentur AFP am Abend aus Ermittlerkreisen erfuhr. In einem Video, in dem sich offenbar Coulibaly zu Wort meldete, wurde ihm auch diese Autobombe zugeschrieben.

10.000 Soldaten in Frankreich im Anti-Terror-Einsatz

Wegen der islamistischen Bedrohung in Frankreich kommen ab Dienstagabend 10.000 Soldaten zum Einsatz. Sie würden an den "anfälligen Punkten" des Landes zur Sicherung eingesetzt, sagte Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Montag in Paris. Er verwies auf das "Ausmaß der Bedrohung".

Valls geht von Komplizen bei Terroristen aus

Die französische Polizei sucht nach Unterstützern der islamistischen Terroristen. Es gebe „ohne Zweifel einen Komplizen“, sagte Premierminister Manuel Valls am Montag dem französischen Sender BFMTV. „Die Jagd geht weiter“; mehr wolle er dazu nicht sagen.

Verdächtiger nach Bombenalarm bei belgischem Blatt festgenommen

Nach einer Bombendrohung gegen die belgische Tageszeitung „Le Soir“ hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen, wie die Nachrichtenagentur Belga unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft meldete. Laut „Le Soir“ hatte ein Mann am Sonntagnachmittag die Redaktion angerufen und sich als ein polizeibekannter Extremist ausgegeben.

Hollande beruft Sicherheitskabinett ein

The Empire State in New York erstrahlte am Sonntag in den Farben der französischen Flagge.

Nach dem Marsch von fast vier Millionen Menschen als Zeichen des Protests gegen den Terrorismus steht Frankreich vor neuen Entscheidungen. Entsprechend hat Präsident François Hollande für Montagmorgen den für innere Sicherheit zuständigen Teil des Kabinetts zu einer Sitzung in den Élyséepalast einberufen. Dazu gehören neben Premierminister Manuel Valls auch die Ressortchefs Bernard Cazeneuve (Innen) und Christiane Taubira (Justiz). Valls hatte nach den Anschlägen bereits von neuen Maßnahmen gesprochen, mit denen auf die terroristische Bedrohung reagiert werden solle.

Gedenken bei den Golden Globes

Mit stehenden Ovationen hat das Publikum der Golden Globes ein Plädoyer der Veranstalter für die Pressefreiheit bedacht. "Gemeinsam werden wir zusammenstehen gegen Jeden, der das Recht auf freie Meinungsäußerung unterdrückt", sagte der Chef des Verbands der Auslandspresse in Hollywood, Theo Kingma. Das gelte für jeden Ort der Welt, "von Nordkorea bis Paris".

Das Hollywood-Publikum der Preisverleihung in Los Angeles erhob sich bei Kingmas Worten. Einige Gäste trugen einen Anstecker mit der Aufschrift "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie), darunter auch der Schauspieler George Clooney.

Bundesweite Pegida-Proteste und Gegenaktionen

Anhänger der anti-islamischen Pegida-Bewegung wollen erstmals nach den Terroranschlägen von Paris am Montag wieder bundesweit auf die Straße gehen. Dabei sorgt auch der geplante Trauerflor für Empörung. Französische und frankophone Karikaturisten veröffentlichten am Sonntag ein Flugblatt mit dem Titel „Pegida, verschwinde!“. „Wir lehnen es ab, dass Pegida das Gedenken an unsere Kollegen vereinnahmen will“, sagte ein Mitorganisator der Deutschen Presse-Agentur. Pegida stehe für all das, was die ermordeten Kollegen der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ durch ihr Werk bekämpft hätten.

Vier Millionen Menschen: Schulterschluss in Paris

Am Sonntag waren in Frankreich fast vier Millionen Menschen auf die Straßen gegangen, um ein Zeichen gegen den Terrorismus zu setzen. Bei einer der größten Kundgebungen der Nachkriegszeit kamen allein in der Hauptstadt Paris nach Schätzung der Organisatoren bis zu 1,5 Millionen Menschen zusammen, um gemeinsam der jüngsten Opfer des islamistischen Terrors der vorigen Woche zu gedenken. Dutzende Staats- und Regierungschefs aus aller Welt marschierten vorneweg. Frankreichs Präsident François Hollande und Kanzlerin Angela Merkel starteten am Nachmittag untergehakt zum großen Marsch im Zentrum der Hauptstadt.

Demo gegen den Terror: Hunderttausende trauern in Paris

Demo gegen den Terror: Hunderttausende trauern in Paris

Auch in anderen europäischen Hauptstädten bekundeten Zehntausende ihre Solidarität. In Brüssel demonstrierten rund 20 000 Menschen für Redefreiheit und gegen Hass, in Berlin waren es etwa 18 000. In London wurden Wahrzeichen in blau-weiß-rot - den Farben der Tricolore, der Fahne Frankreichs - angestrahlt.

Mehrere islamistische Terroranschläge, Morde und Geiselnahmen in Frankreich hatten seit Mittwoch das Leben von 17 unschuldigen Menschen ausgelöscht. Allein der Überfall auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ forderte zwölf Todesopfer.

An der Spitze des Pariser Solidaritätsmarsches am Sonntag liefen Angehörige von Terroropfern, wie französische Medien berichteten. Auf Transparenten stand: „Je suis Charlie“. An Hollandes rechter Seite ging Malis Präsident Ibrahim Boubacar Keïta - am zweiten Jahrestag des Einsatzes französischer Truppen gegen den Terror in Mali. An der Kundgebung nahmen auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Palästinenserchef Mahmud Abbas, der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi und EU-Ratspräsident Donald Tusk teil. Tausende Polizisten und Soldaten waren für die Sicherung des Marsches mobilisiert.

Merkel würdigt Zeichen gegen „barbarische Ereignisse“

Merkel würdigte den Solidaritätszug von Paris als Kundgebung gegen die „barbarischen Ereignisse“. Die Kanzlerin attestierte Frankreich „Unterstützung nicht nur aus der europäischen Union, sondern aus allen Teilen der Welt“. Nach ihren Worten zeigen die Menschen damit, dass sie sich „für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stark machen“.

Vor dem Marsch beriet Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit EU-Kollegen sowie US-Justizminister Eric Holder über Konsequenzen im Kampf gegen den Terrorismus. Nach dem dramatischen Ende der Anti-Terror-Einsätze in Frankreich suchten die Ermittler auch am Sonntag noch mögliche Unterstützer der Gewalttäter. De Maizière rief die Bürger Deutschlands zu besonderer Wachsamkeit auf.

Justizminister Heiko Maas (SPD) will noch im Januar ein Gesetzespakt mit Maßnahmen für einen effektiveren Anti-Terrorkampf vorlegen. Eine Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung lehnt Maas jedoch weiter ab, wie er der „Bild“-Zeitung (Montag) sagte. Mit dem neuen Gesetzespaket könne noch härter gegen Terroristen vorgegangen werden. „Dann schaffen wir einen eigenen Straftatbestand gegen die finanzielle Unterstützung von Terrororganisationen etwa durch Spenden. Und: Die Reisen von Islamisten in Kriegsgebiete werden noch weitgehender unter Strafe gestellt - wenn zum Beispiel in Syrien ein Terrorcamp aufgesucht werden soll.“

Terroranschlag: Geiselnahmen beendet - mehrere Tote

Terroranschlag: Geiselnahmen beendet - mehrere Tote

dpa

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.