Warum eigentlich?

Den Türken schmeckt der deutsche Döner nicht

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Yilmaz Baltaci steht vor seinem Imbiss "Berlin Pizza" in Istanbul, der bis vor kurzem noch "Berlin Döner" hieß.

Istanbul - Yilmaz Baltaci zog aus, um den Türken deutschen Döner schmackhaft zu machen. Doch die deutsche Variante des türkischen Schnellgerichts schmeckt den Istanbulern nicht. Warum eigentlich?

„Mit allem und scharf“ - so sieht der perfekte Döner für Yilmaz Baltaci aus, und so hat ihn der 30-jährige Türke jahrelang selber in Bremen, Berlin und Hannover zubereitet. Entgegen der landläufigen Meinung hat der Döner, wie er in deutschen Imbissen gereicht wird, mit dem Döner, wie man ihn im Herkunftsland Türkei kennt, nur wenig gemein. Baltaci kam auf die Geschäftsidee, deutschen Döner in seiner Heimatstadt Istanbul salonfähig zu machen. Kurz vor Weihnachten eröffnete er seinen Imbiss „Berlin Döner“ in der Nähe des zentralen Taksim-Platzes - und scheiterte. „Deutscher Döner läuft hier nicht“, sagt er resigniert. „Eigentlich komisch, oder?“

Ähnlich wie Türken in der Bundesrepublik, die sich häufig fremd in der alten Heimat fühlen, hat sich auch der Döner in Deutschland vom Original fortentwickelt - zum Guten, wie deutsche Liebhaber des fleischlastigen Imbisses meinen. Deutsch sozialisierte Döner-Gourmets wie Baltaci rümpfen bei der Begegnung mit dem Pendant in der Türkei die Nase. Dort wird das Fleisch in labbriges Brot gesteckt oder in einen zähen Fladen eingewickelt, das Knusperfeeling eines getoasteten warmen Fladenbrots fehlt. Zum Fleisch kommen ein paar Scheiben Tomaten, einige Peperoni und - der größte Frevel - Pommes, die oft schon im alten Fett unten im Dönergrill erkaltet sind.

Knoblauch-, Kräuter- und scharfe Soße fehlen im türkischen Döner. Weiß- und Rotkohl, Salat und Zwiebeln sucht man vergeblich. Trotzdem hat das Schnellgericht einen Siegeszug in Istanbul und anderen Metropolen angetreten. Dazu trägt nicht zuletzt die Kette „Kasap Döner“ („Metzger-Döner“) bei. Sie möchte ausweislich ihrer Werbung amerikanischen Fast-Food-Läden das Fürchten lehren und türkischen „Hamburger-Kindern“ Geschmack beibringen. „Kasap Döner“ eröffnet eine Filiale nach der nächsten.

Baltaci wollte den Erfolg wiederholen - nur eben mit „Berlin Döner“. „Meine Hoffnung war, dass ich eine Kette wie „Kasap Döner“ aufmachen kann und dass das dann läuft ohne Ende“, sagt er. Zutaten wie die Soßen habe er aus Deutschland importieren lassen und seinen „Berlin Döner“ trotzdem zum Kampfpreis angeboten. Stolz zeigt der Gastronom auf seinem Handy ein Foto mit dem Salattresen, der in seinem Laden stand und denen gleicht, die man aus deutschen Döner-Buden kennt. „Soslu ve sebzeli“ werde der Döner zubereitet, wie ein Schild verriet - mit Soße und Gemüse. Und genau darin lag ein Problem.

Zwar habe der Döner deutschen Touristen geschmeckt, auch arabische Urlauber seien vom Geschmack angetan gewesen. „Aber die Türken haben gesagt, das ist eine Salatbar“, erinnert sich Baltaci. „Und sie haben gesagt, in Döner gehört kein Salat.“ Zwar sei der Döner eine türkische Spezialität. „Aber im Ausland schmeckt er einfach eine Million mal besser.“ Er habe den Döner genauso wie in Deutschland zubereitet. „Die Türken haben einfach keine Ahnung.“

Seinen Imbiss hat Baltaci immer noch - aber er hat ihn umbenannt. „Berlin Pizza“ heißt der Laden nun, „und das ist schade“, sagt Baltaci. Immerhin: Das Geschäft mit den Pizzen läuft zumindest besser als das mit dem Döner, den der Gastronom frustriert aus dem Angebot gestrichen hat. Was weiterhin zu haben ist: „Deutscher Filterkaffee mit oder ohne Milch“, wie ein Schild auf Deutsch anpreist. Baltaci liebt alles an Deutschland - sogar das Wetter findet er besser als in Istanbul, womit er ziemlich alleine dastehen dürfte.

In Deutschland sei „alles perfekt“, meint Baltaci. „Die Städte sind sauber, die Leute denken richtig gut.“ Zwischen 2002 und 2008 war er in der Bundesrepublik, „die ersten zwei, drei Jahre schwarz“, sagt er, um dann hinzuzufügen: „Aber ich bin ein guter Ausländer.“ Für seinen Wehrdienst kehrte der Sohn eines Lehrers in die Türkei zurück, danach bekam er kein Visum mehr. Nach seiner Döner-Pleite würde er erst recht wieder gerne in die Bundesrepublik zurückkehren. „Wenn ich ein Visum bekommen würde, würde ich nicht eine Minute nachdenken“, sagt er. „Ich würde sogar zu Fuß nach Deutschland gehen.“

dpa

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