Bequem und beweglich leben

Was der Turnschuh über unsere Gesellschaft aussagt

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Frühe Sporttreter: Keds Champion aus dem Jahr 1916.

Wir leben auf leisen Sohlen. Für immer mehr Menschen ist es selbstverständlich, morgens die Turnschuhe zu schnüren - und nicht nur, wenn sie noch eine Runde im Park laufen, bevor sie ins Büro, in die Werkstatt oder an die Wickelkommode gehen. Sondern als normale Fußbekleidung des Tages.

Am liebsten schleicht man sich durchs Leben. Der trendige Begriff Sneaker für Turnschuh kommt aus dem Englischen (to sneak, schleichen).

Früher, in der guten alten Zeit der übersichtlichen Gesellschaftsstrukturen - oder der Illusion davon - gab es eine klare Unterscheidung zwischen Sport- und Alltagsschuh. Seit gut 30 Jahren sind die Grenzen verwischt. Der Sportschuh hält Einzug in andere Lebensbereiche. Kommend aus der schwarzen, urbanen HipHop-Szene, landete er erst in der Jugendkultur, dann bei den Kreativen, die mit knallbunten Adidas-Tretern auf die Ideenfülle in ihren Köpfen hinweisen wollten. Längst sind auch Zweige der seriösen Geschäftswelt Turnschuh-geprägt. Das entsteht in dem Maß, in dem Menschen heranwachsen, die schon als Jugendliche ihre Füße stets in Turnschuhe gesteckt hatten. Die alten Insignien von Erfolg sind also überholt, bekommen in der Generation derjenigen, die in den letzten zehn Jahren zu den Schalthebeln der Macht drängten, eine Frischekur der Selbstinszenierung. Und Fußbetten mit Mega-Dämpfung.

Das hat vielfältige Folgen: So grenzen sich die aktuell nachwachsenden Coolkids dadurch von den Machern der Generation 45-plus ab, dass sie nicht wie jene Kapuzenpullis und Nikes tragen, sondern altmodische Budapester zur Secondhand-Anzughose oder zum Faltenrock. Jugendprotestkultur greift heute auf die Images der Großelterngeneration zurück - das gab es kulturell sicher auch noch nie.

Sneakerkult ist auch Markenkult. Modelle werden von Schuhextremisten quasireligiös gesammelt, es wird tagelang angestanden für limitierte Editionen. Man kauft Paare, die man nie trägt, hat die Zahnbürste dabei, um auf der Straße Macken im makellosen Weiß zu reparieren. Manche Sneakerdesigns sehen aus wie zurück aus der Zukunft, andere nostalgisch wie vom Wunder von Bern oder wie aus dem Cheerleader-Spind der frühen Popperjahre. Je nach gewünschtem Image, wie Jürgen Döring sagt, der in Hamburg die erste europäische Ausstellung zur Sneakerkultur kuratiert hat. Die großen Marken nutzen mediale Rampen wie die Fußball-EM, die omnipräsenten Logos von Adidas, Puma, Nike, Converse und Co. machen ungezählte weitere Gegenstände aus der Lifestylewelt zur Werbefläche für ihr Stammprodukt: den Turnschuh.

Bequem, beweglich und extrem aufs eigene Image bedacht: Vielleicht ist der Erfolg des Turnschuhs ein treffendes Symbol für unsere gegenwärtige Gesellschaft.

Hintergrund: Sneakerkult und Kultsneaker: Ausstellung in Hamburg

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zeigt noch bis 28. August die Ausstellung „Sneaker - Design für schnelle Füße“. Sie entstand in Zusammenarbeit mit zahlreichen Sammlern, die sich oft nur ungern von ihren besten Stücken trennen. Die Ausstellung versammelt Schuhe und Plakate von verschiedenen Herstellern, die das Spektrum der Schuhproduktion abbilden. Das Hauptaugenmerk liegt auf großen Modellreihen, die einzelne Firmen seit den 1980er-Jahren entwickelt haben. Ältere Modelle erzählen von der Zeit vor dem Sneaker-Boom.

Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg.

Turnschuh-ABC

Beaters: Schuhe, die man häufig trägt und nicht schont

Breds: Farbgebung Schwarz-Rot bei Jordans (black and red - zusammengezogen)

Box: Schuhkarton

Cop: Etwas kaufen (to cop)

Chucks: Converse All Stars - benannt nach dem Basketballer Chuck Taylor

Collabos: Schuhe, die aus der Zusammenarbeit großer Marken mit Designern entstanden

Colorway: Farbgebung

Custom: Individuell gestaltete Schuhe im Einzelauftrag (to customize)

Double up: Der gleiche Schuh wird zweimal gekauft („one to rock and one to stock“ - einen zum Tragen und einen zum Bewahren)

Deadstock: (DS) Sammlerstück, wie neu, ungetragen

Factory laced: Schnürung der Fabrik. Ein Sneakerfan schnürt seine Schuhe vor dem Tragen neu. („Wer factory laced trägt, bekommt Ärger mit der Lace Police“)

Fake: Fälschung, nachgeahmter Markenschuh

General Release: (GR) Schuh der, in großer Stückzahl hergestellt, allgemein erhältlich ist

Grails: Schuhe, nach denen ein Sammler lange sucht (abgeleitet vom heiligen Gral)

GS: Abgeleitet von Grade School. Kindergrößen, die oft auch von Damen getragen werden. GS-Modelle kosten weniger

Gum Sole: Außensohle aus ungefärbtem Kautschuk

High Tops: (Highs) Schuhe mit höherem Schaft

Hype Beast: Jemand, der jedem Trend hinterher läuft und keine eigene Meinung hat

Jumpman: Logo des Air Jordan - nach einem Foto von Michael Jordan im Sprung

Kicks: Slang, amerikanisch für Sneaker

Mesh: Luftiges Gewebe auf dem Vorderschuh

NIB: New In Box, Turnschuhe im Originalkarton

OG: Original, das erste Modell einer Serie

Performance-Modelle: Schuhe mit Stollen oder Spikes, die ausschließlich für Sport geeignet sind

Plimsolls: alter britischer Begriff für Schuhe mit Gummisohlen

Retros: Neuauflage eines bekannten Modells

Restock: Ein Händler erhält eine Nachlieferung eines Schuhs

Reseller: Jemand, der mit dem Wiederverkauf exklusiver Modelle Geld macht

Size Run: Der komplette Size Run eines Schuhs besteht aus allen hergestellten Größen

Sneakerhead: Mensch, der nach Turnschuhen verrückt ist Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

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