Wie sie überhaupt hergestellt werden

Turnschuhe boomen - sogar bei Lagerfeld

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Herbert Hofmann, Einkäufer des "Voo Store" posiert am 26.03.2014 in Berlin-Kreuzberg mit den Sneakern "Adidas x Raf Simons" (l) und "Nike Flyknit". Vor ein paar Jahren haben die Frauen in Skandinavien angefangen, Sneaker zum Seidenkleid zu tragen. Mittlerweile ist der Sneaker in der Haute Couture angekommen.

Berlin - Für Turnschuhe übernachten Freaks zum Verkaufsstart vor den Läden. Selbst bei Karl Lagerfeld dürfen Frauen neuerdings Sneaker tragen. Turnschuhe boomen.

Selbst Karl Lagerfeld kann sich dem Hype nicht entziehen. Bei seiner Chanel-Show in Paris trugen die Models Turnschuhe. Der Sneaker ist in der Haute Couture angekommen. Für Turnschuhfans gibt es eine eigene Szene: „Sneakerheads“ übernachten vor den Läden im Auto, um ein limitiertes Modell zu ergattern. Ein neuer Schuh wird nicht einfach in den Handel gebracht: Er wird „releast“ wie ein Musikalbum. Ende März rief Nike den „Air Max Day“ aus - dazu gab es in einem Berliner Laden eine Vernissage mit 150 Gästen. Bei Adidas heißt es: „Wir haben noch nie so viele Sneaker verkauft wie in den letzten Jahren, und ein Rekord bricht den nächsten.“

Rückblende: Vor etwa 100 Jahren brachten Keds und Converse Turnschuhe auf den Markt, in den 50er Jahren hatte sie James Dean an den Füßen. In Deutschland eroberten die Sporttreter in den 70er und 80er Jahren die Straßen. Für viele Schüler der „Generation Golf“ war es wichtig, ob der Schuh die drei Adidas-Streifen, den Puma-Balken oder den „Swoosh“-Haken von Nike hatte.

Dann kamen Musikvideos im Fernsehen und das Internet. Turnschuhe sind ein Teil der Popkultur, das zeigen Stars wie Kanye West oder Gisele Bündchen, die nackt mit Adidas posierte. Ein Zeichen von Rebellion wie 1985, als Joschka Fischer in Nikes als erster grüner Minister vereidigt wurde, sind die Treter längst nicht mehr.

Designer Karl Lagerfeld und das britische Model Cara Delevingne, die Turnschuhe auf dem Laufsteg trägt, präsentieren die Herbst/Winter 2014/15-Kollektion von Chanel auf der Fashion Week in Paris.

Ein Ort für das jüngste Kapitel der Turnschuh-Geschichte ist der Berliner „Voo Store“, der Designermode und Accessoires verkauft, ein Laden, in dem viel Englisch zu hören ist. Einkäufer Herbert Hofmann (30) erzählt, dass vor ein paar Jahren die Frauen in Skandinavien angefangen hätten, Sneaker zum Seidenkleid zu tragen. „In Berlin ist der Trend supergut aufgenommen worden.“ Ob Fashion Week oder Empfang: „Man kann hingehen, wo man will, man wird mit Sneakers reingelassen“, sagt Hofmann. Der Laden hat sich ein eigenes Turnschuh-Regal zugelegt, weil die Nachfrage so gewachsen ist.

Bei einigen Modellen haben Designer mit den großen Marken zusammengearbeitet. „Kooperationen“ nennen das die Fachleute - ein großes Thema in der Modewelt. So hat Raf Simons für Adidas einen 320 Euro teuren „Response Trail Running Sole Shoe“ entworfen, Riccardo Tisci schuf avantgardistische Nikes in einer ähnlichen Preisklasse, die bei „Voo“ im Fenster stehen. Ob nach dem Turnschuh-Boom die Blase bald platzt? Nach der Inszenierung von Lagerfeld hat die Branche aufgeatmet. „Dadurch, dass es gerade Chanel macht, hat es noch einen Push bekommen“, sagt Hofmann.

Designer Michael Michalsky findet Turnschuhe bequem und trotzdem modisch. „Sie strahlen Sportlichkeit, Lässigkeit und Energie aus“, sagt er. „Der perfekte Schuh für den Alltag in einer Stadt.“ Für Designer seien sie ein gutes Produkt, weil sie bei Farben, Gestaltung und Materialmix viel möglich machen. „So flexibel kann man mit normalen Schuhen nicht arbeiten. Sneaker kitzeln die Kreativität der Designer.“

Und welche Trends gibt es derzeit? „High Tops“, die hohe Variante, wie sie schon Joschka Fischer trug, sind für Michalsky ein Dauerliebling. Er setzt auch auf die „Running Shape“, also die vom Jogging inspirierte sportlich-elegante Form. Bei Sportscheck (München) ist besonders Nike gefragt; ein Trend ist „Retro Running“, der leicht nostalgische Stil.

Nach der Neon- und Buntmode weiß „Voo“-Einkäufer Hofmann, was als Nächstes kommt: weiß und schlicht. Er trägt den nach dem einstigen Tennisprofi Stan Smith benannten Schuh für 100 Euro. Den hat Adidas kürzlich nach einer Pause wieder aufgelegt. Die Fashionistas sprangen an. „Das ist durch die Decke gegangen“, sagt Hofmann.

„Im Moment ist Tennis das große Ding“, sagt die Modejournalistin Nina Piatscheck von der Fachzeitschrift „Textilwirtschaft“. Zur Strategie der Turnschuh-Hersteller sagt sie: „Das hat viel mit Begehrlichkeit und Verknappung zutun.“ Die Marke sei bei Turnschuhen „superwichtig“, und auch sie kennt Läden, vor denen die Fans beim Verkaufsstart campen. Der Hype wird ihrer Meinung nach ein bisschen halten. „Der Handel wird noch eine Weile seine Freude haben.“

Wie Turnschuhe hergestellt werden

Ein Großteil der Sportschuhe wird in Asien hergestellt, zum Beispiel in Kambodscha, Indonesien oder China. Hungerlöhne und Überstunden seien an der Tagesordnung, nicht nur bei der Produktion für Billigmarken, kritisiert die Christliche Initiative Romero, die an der Kampagne für Saubere Kleidung beteiligt ist. Von 70 Euro für einen Lifestyle-Schuh zum Beispiel aus Indonesien gingen nach Angaben der Organisation an die Arbeiterinnen - es sind überwiegend Frauen - nur 2,20 Euro.

In Fabriken sei es oft bis zu 40 Grad heiß, Klimaanlagen oder Lüftungen seien selten. Oft gebe es keine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser, berichtet die Initiative. Zusätzlich riskant für die Frauen seien Chemikalien und giftige Dämpfe, die bei der Herstellung der Schuhe entstehen.

Die großen Sportschuh-Hersteller haben Selbstverpflichtungen und Verhaltenskodizes für ihre Subunternehmer und Zulieferer, über die sie auf ihren Homepages informieren. Sie verbieten etwa Kinderarbeit oder schreiben Sicherheitsstandards fest. Verschiedene Initiativen beklagen, dass sich die Einhaltung kaum kontrollieren lasse.

dpa

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