Makabre Entdeckung

Urnenfund in Stolberg: Polizei sucht Angehörige

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Diese Urnen stellte die Polizei aus einem verlassenen Haus in Stolberg sicher.

Stolberg - Die Polizei sucht derzeit nach Angehörigen der eingeäscherten Verstorbenen, deren Urnen am Donnerstag in einem verlassenen Haus im Harz gefunden worden waren.

Nur ein Name sowie das Geburts- und Sterbedatum erinnern an die Toten: Nach dem unheimlichen Fund von 67 Urnen in einem leerstehenden Haus in der Harzgemeinde Stolberg am Rande von Sachsen-Anhalt ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei. Im Fokus: ein ehemaliger Inhaber eines Beerdigungsinstituts.

Es geht um den Verdacht des gewerbsmäßigen Betrugs. So bestehe der Verdacht, dass der Mann Aufträge für Seebestattungen von Angehörigen aus ganz Deutschland angenommen, jedoch nicht ausgeführt habe, teilte die Polizei am Freitag mit. Der Mann sei noch nicht zu den Vorwürfen befragt worden, sagte eine Sprecherin der Polizei in Halle. Die Beamten sammelten derzeit akribisch die Fakten. Derweil beginnt die Suche nach den Hinterbliebenen der Verstorbenen.

Nur allmählich kommt Licht ins Dunkel. Am Mittwoch fanden Beamte die dicht an dicht gereihten, beschrifteten Gefäße in einem verlassenen Fachwerkhaus in dem kleinen Ort im schwach besiedelten Landkreis Mansfeld-Südharz. Zuvor hätten Journalisten laut MDR dem Stolberger Oberbürgermeister Ulrich Franke (FDP) Hinweise zugespielt. Beamte entdeckten 67 Urnen und Dokumente, die den Verdacht auf den Bestatter lenkten, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Halle berichtete.

Stadt prüft eine mögliche Bestattung der Urnen

Wie lange die Urnen in dem Raum standen, ist dem Polizeisprecher zufolge ungewiss. Wo sie derzeit aufbewahrt werden, darüber schweigen sich Polizei und Ordnungsamt der zuständigen Gemeinde Südharz aus. „Man sollte den Toten ihre Ruhe lassen“, sagte die Leiterin des Ordnungsamtes, Katrin Buchmann.

Indes steht laut Polizei fest: Die Urnen stammen aus den Jahren 2011 und 2012. Nach so einem langen Zeitraum müsse intensiv ermittelt werden, so Buchmann. Der Fall könne nicht innerhalb einer Woche aufgeklärt werden. Ob die Urnen nun von der Stadt bestattet werden, sei zu prüfen.

„Es haben sich noch keine Menschen bei uns gemeldet“, sagte ein Polizeisprecher aus Eisleben am Freitag. Die Beamten würden nun intensiv nach den Hinterbliebenen forschen. Der Fall sei heikel. „Mir ist so etwas in meinen Dienstjahren noch nie passiert“, so der Polizist. Der finanzielle Schaden betrage mehrere Tausend Euro.

"Tiefe Entwürdigung der Angehörigen"

Der emotionale Schaden ist weitaus schmerzlicher. „Für die Angehörigen bedeutet das eine tiefe Entwürdigung“, sagte der Sprecher des Bundesverband Deutscher Bestatter, Oliver Wirthmann. Sie müssten sich nach Jahren erneut mit ihrer Trauer auseinandersetzen. Der Fall sei daher nicht nur kriminell, sondern auch aus ethischen, moralischen und religiösen Gründen verwerflich, bemerkte der Theologe.

In der Branche tauchen Wirthmann zufolge immer wieder vereinzelt schwarze Schafe auf. „Bestatter“ sei kein geschützter Begriff - ein Gewerbeschein genüge. Angehörige sollten daher ihre Verstorbenen bei Beerdigungsunternehmen ihres Vertrauens aus der Region beisetzen lassen, dabei auf Qualitätssiegel achten und vor „billigen“ Angeboten zurückschrecken.

Dass das pietätlose Verhalten in Stolberg kein Einzelfall ist, beweisen groteske Geschichten aus der Vergangenheit. Erst im vergangenen Jahr stahlen polnische Täter in Brandenburg einen Leichenwagen mit zwölf Verstorbenen. Die Männer wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Zudem seien bereits mehrfach Urnen vertauscht worden, berichtete Wirthmann. Dies zeuge von inkompetentem Arbeiten einiger weniger Bestatter.

dpa

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