Der "Engel mit den Eisaugen"

Knox-Prozess: Lange Suche nach der Wahrheit

Florenz - Verschlampte Beweise und spektakuläre Wendungen: Der Prozess gegen Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito ist ein Justizkrimi. Jetzt steht ein weiteres Urteil bevor.

Acht Richter und Geschworene mussten über das Schicksal von Amanda Knox und Raffaele Sollecito entscheiden. Mehrere Stunden lang berieten sie sich am Donnerstag in Florenz, bis zuletzt war nicht absehbar, welches Urteil das Berufungsgericht fällen würde.

Auf der einen Seite standen Widersprüche der Angeklagten und zahlreiche Ungereimtheiten nach dem Mord an der Britin Meredith Kercher im November 2007, auf der anderen Seite Ermittlungspannen und kaum belastbare Indizien. Auch deshalb ist das vierte Urteil vermutlich noch nicht das letzte Wort in dem jahrelangen Justizkrimi.

Knoxs Exfreund Raffaele Sollecito am Donnerstag auf dem Weg zum Gericht.

Die Geschichte um den Mord an der 21-Jährigen, die in einer kalten Nacht im November 2007 begann, zieht sich nun schon sechs Jahre hin und nahm viele überraschende Wendungen. Am Mittag des 2. November wurde die nackte Leiche Kerchers gefunden, mit durchschnittener Kehle und etlichen Messerstichen. Das brutale Verbrechen schockierte Italien, die Öffentlichkeit wollte einen Schuldigen. Schienen die schnell verhafteten Knox und Sollecito zunächst wie die klaren Täter, wurden später immer mehr Zweifel laut und Ermittlungspannen bekannt. Doch auch Knox brachte sich mit einer Falschaussage in Bedrängnis.

Sechs Jahre und drei Prozesse später stand nun das vierte Urteil für Knox (26) und Sollecito (29) an. Gegen die mit Spannung erwartete Entscheidung können sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung erneut Berufung einlegen - ein wahrscheinlicher Schritt.

Bislang einzig verurteilter Täter ist Ivorer Rudy Guede

Der Justizkrimi würde damit um ein weiteres Kapitel ergänzt; bis zu einem endgültigen Schuld- oder Freispruch müssten Knox, Sollecito und die Familie des Opfers Meredith Kercher mindestens einige weitere Monate warten - wenn nicht sogar ein Jahr oder länger.

Wirklich sicher ist kaum etwas in dem jahrelangen Krimi um Lüge und Wahrheit. Meredith Kercher wurde brutal ermordet, der bislang einzige verurteilte Täter ist der Ivorer Rudy Guede - jedoch nur wegen Beihilfe.

Der junge Mann wurde 2010 in einem abgetrennten Verfahren zu 16 Jahren Haft verurteilt, der Schuldspruch ist rechtskräftig. Zahlreiche DNA-Spuren Guedes wurden am Tatort gesichert, doch die Richter zeigten sich bei ihrem Urteil überzeugt, dass er nicht alleine gehandelt haben könne.

Auch die italienische Justiz interpretierte die Indizien und Beweise in dem Fall auf verschiedene Art und Weise. Während die Staatsanwaltschaft in dem ersten Prozess gegen Knox und Sollecito davon ausging, Kercher sei bei einem ausgeuferten Sexspiel getötet worden, präsentiert Staatsanwalt Alessandro Crini nun eine andere Theorie.

Seiner Ansicht nach wurde die Britin getötet, nachdem sie sich über die verschmutzte Toilette beschwerte. Daraus sei ein gewalttägier Streit zwischen Knox, Sollecito und Guede entbrannt.

2009 wurden Knox und Sollecito auf der Basis von DNA-Tests verurteilt, die später als unzuverlässig eingestuft wurden. Zwei Jahre späer wurden die beiden Hauptverdächtigen deshalb in zweiter Instanz freigesprochen - doch wegen „zahlreicher Mängel, Widersprüche und offensichtlicher Unlogik“ wurde dieses Urteil von Italiens höchstem Gericht im März 2013 gekippt.

Neue DNA-Tests mit Spuren der mutmaßlichem Mordwaffe - einem Messer aus Sollecitos Wohnung - zeigten im neuen Prozess Spuren von Knox, jedoch nicht des Opfers.

Der "Engel mit den Eisaugen": Amanda Knox

Man nennt sie auch den "Engel mit den Eisaugen": Amanda Knox

Stephanie Kercher, die Schwester der Ermordeten, hat die Suche nach dem Täter fast schon aufgegeben. „Das Urteil wird keine Rache oder die Wahrheit bringen“, sagte sie dem „Corriere della Sera“.

„Ich werde immer Zweifel in meinem Herzen haben, das ist offensichtlich, aber wir können nur das akzeptieren, was die Richter sagen, und die Entscheidungen der italienischen Justiz respektieren.“

dpa

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