Ein heute 95-Jähriger wurde als Kind fast Opfer des Killers

"Vampir von Düsseldorf" - Auge in Auge mit Serienmörder Kürten

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Peter Kürten

Düsseldorf. Vor 85 Jahren wurde der Düsseldorfer Serienmörder Peter Kürten in Köln geköpft. Die Verbrechensserie des "Vampirs von Düsseldorf" gilt als spektakulärster Kriminalfall der Weimarer Republik. Hermann Mühlemeyer könnte der letzte lebende Augenzeuge sein.

"Ich war wie gelähmt", erinnert sich Hermann Mühlemeyer. Acht Jahre sei er alt gewesen, als er auf einem Feldweg im Düsseldorfer Süden plötzlich Peter Kürten gegenüber gestanden habe. Die unheimliche Begegnung mit dem Jahrhundert-Verbrecher ist inzwischen 87 Jahre her, aber in den Erinnerungen Mühlemeyers noch sehr präsent. Mittlerweile könnte der 95-Jährige der letzte lebende Zeuge sein, der dem "Vampir von Düsseldorf" in die Augen geblickt hat.

Der Fall des Düsseldorfer Serienmörders Kürten (1883-1931), der neun Menschen ermordete und rund 40 weiteren nach dem Leben trachtete, gilt als der spektakulärste Kriminalfall der Weimarer Republik und machte weltweit Furore. Vor 85 Jahren, im Juli 1931, wurde Kürten zum Tode verurteilt und kam in Köln unter das Fallbeil. Regisseur Fritz Lang griff den Fall noch 1931 in seinem Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" auf.

Hermann Mühlemeyer

Der in einen vornehmen Anzug gekleidete Kürten habe auf einem Feldweg mit einem Fahrrad vor ihm gehalten, ein langes Messer gezückt und in ganz freundlichem Tonfall zu ihm gesagt: "Jetzt will ich dir mal dein Hälschen abschneiden", erzählt Mühlemeyer. Sein Freund Werner habe ihn gerettet, indem er rief: "Hermann, lauf auf den Bahndamm. Dahinten kommt Bahnpolizei." Daraufhin sei Kürten auf sein Rad gesprungen und in heller Panik davongerast, berichtet der 95-Jährige der Deutschen Presse-Agentur und zuvor der "Westdeutschen Zeitung".

Die Polizei habe nach dem Vorfall noch eine Suchaktion gestartet, doch da sei Kürten längst über alle Berge gewesen. Es ist das Jahr, in dem Kürten acht seiner neun Morde begeht sowie eine Reihe von Überfällen und Mordversuchen, mit denen er die Bevölkerung im Rheinland in Hysterie versetzt.

Nach der Festnahme habe er ihn auf den Zeitungsfotos sofort wiedererkannt, berichtet Mühlemeyer 87 Jahre nach seiner unheimlichen Begegnung: "Wenn der Werner nicht gewesen wäre, hätte der mich kaputt gemacht."

Den Beinamen "Vampir von Düsseldorf" bekam Kürten, weil er das Blut mehrerer seiner Opfer getrunken haben soll. "Dafür gibt es aber keine objektiven Belege und keine entsprechenden Verletzungen", sagt der Kriminalist und Serienmord-Experte Stephan Harbort. Kürten habe aber in seinen Vernehmungen gesagt: "Ich wollte das Blut rauschen hören."

Allerdings habe Kürten, das sei gut belegt, im Düsseldorfer Hofgarten einen jungen Schwan aufgeschlitzt und das Blut des Tieres getrunken, berichtet Hanno Parmentier, Historiker und Kürten-Experte. "Das Blut spielt bei Kürten eine enorme Rolle - es hat sexuelle Erlebnisse bei ihm ausgelöst."

Parmentier hat der Fall Kürten nicht mehr losgelassen, seit er die umfangreichen Akten im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen studiert hat. Er war an den Tatorten, hat den Wegen des Serienmörders in Düsseldorf nachgespürt. "Kürten ist für mich auch ein sozialhistorisches Phänomen. In den Akten wird das Leben der kleinen Leute offengelegt - ein unglaubliches Panorama."

Dazu zählt Kürtens Kindheit: 13 Geschwister, der Vater ein gewalttätiger Alkoholiker, der Frau und Kinder schlägt, sich sogar an einer Tochter vergeht. Der kleine Peter schaut seinem Nachbarn, einem Tierfänger, bei der Arbeit zu und spürt schon als Kind seine Lust am Töten.

Kürten wird früh zu einem Gewohnheitsverbrecher, muss immer wieder wegen diverser Straftaten hinter Gitter. Seinen ersten nachgewiesenen Mord beging er 1913 an der neunjährigen Christine Klein, der er in der Wohnung eines Gastwirts in Mülheim an der Ruhr die Kehle durchschneidet. Seine eigentliche Mordserie startet er 1929 in Düsseldorf. Erst dringt er in Wohnungen ein und tötet, wen er dort trifft, später mordet er unter freiem Himmel: meist Kinder und Frauen.

Seine Taten versucht er später als Rache an der Gesellschaft darzustellen: Er habe demonstrieren wollen, dass das Zuchthaus die Menschen nicht besser, sondern noch schlechter mache.

Tatsächlich hat er aber aus einem anderen Grund gemordet. Psychiater wie Prof. Karl Berg stufen Kürten als Sadisten ein. Historiker Parmentier sagt: "Er hat gefallen daran gefunden, Menschen zu quälen - absolut empathielos."

Lange tappen die Ermittler im Dunkeln, können sich den in rascher Folge Mordenden nur als "Irren" vorstellen und fahnden in Nervenheilanstalten nach dem "Vampir". Schließlich identifizieren zwei überlebende Frauen Kürten. In dessen Wohnung wird seine Frau festgenommen und verrät ihn. An der Düsseldorfer Rochuskirche wird Kürten schließlich verhaftet - und legt schnell ein umfassendes Geständnis ab. (dpa)

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