Expertin erklärt Hintergründe

Warum Jugendliche wegen Pokémon Go keineswegs vereinsamen

Im Pokémonfieber: Bundesweit sind vor allem Jugendliche zurzeit auf der virtuellen Jagd nach den bunten Monstern (im Handy-Display links). Spieler versammeln sich unter freiem Himmel, um auch gegeneinander anzutreten. Unser Bild entstand in Hannover. Foto: dpa

Pokémon Go erobert derzeit die Displays von Millionen Handybesitzern weltweit. Doch warum löst dieses Computerspiel derartige Begeisterungsstürme aus?

Frau Kutz, Pokémon Go ist zurzeit auf fast allen Handys - warum hat dieses Spiel so eine Massen-Faszination ausgelöst?

Karin Kutz: Das Faszinierende an Pokémon Go scheint besonders für Jugendliche die Verschmelzung von virtueller Welt mit der Realität zu sein. Gerade dieses ganz reale Auf-die-Suche begeben, um Computerfiguren an verschiedenen öffentlichen Orten zu finden und zu jagen, ist für viele Menschen spannend. Anders als bei erfolgreichen Onlinespielen wie World of Warcraft, sind die Spieler hier nicht nur vor dem Bildschirm aktiv, sondern in der Wirklichkeit ins Spielgeschehen eingebunden. Die Besonderheit bei Pokémon Go ist eben, dass Menschen ihr Onlinespiel nicht mehr alleine zu Hause vor dem Computer spielen, sondern rausgehen und den Kontakt zu anderen Mitspielern suchen.

Ist das ein neuer Spieltrend?

Kutz: Vermutlich schon. Dies zeigt sich auch an dem seit längerem anhaltenden Trend vieler Jugendlicher, sich im Netz zu verabreden, um dann gemeinsam in der realen Welt etwas zu erleben. Flashmobs sind in etwa so ein Beispiel. Diese Spielergeneration versucht wieder vermehrt miteinander zu kommunizieren, und zwar nicht nur ausschließlich online. Von daher ist das eine ganz positive gesellschaftliche Entwicklung.

Positiv? Inwiefern?

Kutz: Es ist eine neue Form des gesellschaftlichen Miteinanders. Menschen kommen zusammen, um gemeinsam ihre Freizeit zu verbringen. Sie wollen ihre Umwelt entdecken. Natürlich ist es auf den ersten Blick seltsam, wenn Jugendliche auf öffentlichen Plätzen in Gruppen zusammenstehen und alle auf ihre Handydisplays schauen, aber für die Jugendlichen heute gehört der Blick aufs Smartphone eben zum Leben dazu.

Betroffene Eltern müssen sich also keine Sorgen machen, wenn ihre Kinder selbstvergessen auf bunte Monsterjagden gehen?

Kutz: Wenn die Jagd dabei seinen reinen Unterhaltungswert behält, nicht. Allerdings besteht wie bei jedem Computerspiel auch immer die Gefahr, dass Spieler, die Kontrolle darüber verlieren, wie viel sie spielen. Das Spiel kann zu viel Raum im Leben des Spielers einnehmen. Andere Interessen, wie das Treffen von Freunden oder das Kümmern um die Schule werden vernachlässigt.

Wann gelten Menschen als spielsüchtig?

Kutz: Feste Grenzen, ab wann wir von Spielsucht sprechen können, gibt es nicht. Aber wird jemand zunehmend unruhiger oder bekommt Schlafstörungen, weil er einmal nicht spielt, kann dies ein erstes Anzeichen für eine Suchtentwicklung sein. Ebenso, wenn er über Stunden spielen muss, um das gleiche Belohnungsgefühl zu bekommen, wie zu Beginn.

Raten Sie vor diesem Hintergrund von dem Spiel ab?

Kutz: Nicht unbedingt. Pokémon Go hat durchaus seine Vorzüge. Die Jugendlichen vereinsamen nicht am heimischen Schreibtisch. Und sie sind gezwungen, an die frische Luft zu gehen. Für viele Eltern ist das eine beruhigende Vorstellung.

Zur Person

Karin Kutz (55), absolvierte eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie in Nürnberg. Seit 15 Jahren betreibt die gebürtige Nürnbergerin eine psychotherapeutische Praxis im benachbarten Wendelstein. Zu ihren Spezialgebieten gehört unter anderem die ambulante Behandlung von jungen Erwachsenen ab 16 Jahren, die unter einem zwanghaften Verlangen nach dem Spielen von Onlinespielen leiden. (clv)

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