Justizposse in den USA

Weil er Obdachlosen hilft: 90-Jährigem droht Haft

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Arnold Abbott (90) legt sich mit seinen guten Taten mit dem Gesetz an.

Fort Lauderdale - Der 90-jährige Arnold Abbott kümmert sich um Obdachlose, gibt ihnen zu essen. Damit bricht er das Gesetz in seiner Stadt und riskiert, für seine gute Tat ins Gefängnis zu kommen.

Jeden Mittwoch seit 23 Jahren geht Arnold Abbott an den Strand von Fort Lauderdale. Gemeinsam mit Mitarbeitern seiner Hilfsorganisation Love Thy Neighbor (deutsch: Liebe Deinen Nachbarn) stellt der 90-Jährige am späten Nachmittag Tische mit Essen auf. Einige Dutzend Obdachlose warten. Für viele ist es die einzige Mahlzeit, die sie an diesem Tag bekommen.

Seit einigen Wochen ist dieses Ritual zu einem Medienspektakel geworden. Journalisten umringen die Helfer. Denn Abbott bricht das Gesetz. Wiederholt und mit voller Absicht. Denn seit 21. Oktober verbietet es die Stadt im US-Staat Florida, Obdachlose unter freiem Himmel zu versorgen. Dagegen wehrt sich Abbott. Wenn es sein muss, bis zum letzten Atemzug.

Etwas ist an diesem Mittwoch anders - und es ist nicht das ungewöhnlich kalte Wetter. Im Gegensatz zu den vergangenen Wochen lässt sich die Polizei nicht blicken. Die Beamten hatten die Helfer abgemahnt. John David, der Anwalt von Abbott, feiert dies als ersten Sieg, obwohl der Bürgermeister von Fort Lauderdale mit einer weiteren Gerichtsvorladung droht. Diese werde Abbott nun per Post erhalten, zitiert der Sender CBS einen Polizeibeamten.

Die Stadt wolle die Obdachlosen am Strand loswerden, sagt Abbott der Nachrichtenagentur dpa. „Ich bin der Meinung, dass jeder diesen wunderbaren Strand genießen kann, warum dann nicht auch ein obdachloser Mensch?“ Die Kontroverse hat ihn zu einer nationalen Berühmtheit gemacht. Er gibt Autogramme und umarmt zwei maskierte Mitglieder der Hacker-Gruppe Anonymous. Für sie ist der rüstige Rentner ein Revolutionär. Im Internet kursiert eine Petition, die die Stadtverordnung rückgängig machen möchte.

Bürgermeister Jack Seiler verteidigt die Regelung auf der Website von Fort Lauderdale. Die Stadt wolle den Obdachlosen helfen. „Entgegen den Medienberichten verbietet es die Stadt nicht, Obdachlose zu versorgen.“ Die Bedürftigen sollen ihr Essen etwa in Gotteshäusern bekommen, wo es sicher und sauber sei. Kritiker führen hingegen an, dass es nicht an jedem Tag Speisungen in Kirchen gebe, berichtet CBS Miami.

Am Strand, nur wenige Meter vor den öffentlichen Toiletten entfernt, decken die Freiwilligen die Tische mit rotweißen Tischdecken, Tellern und Pappbechern. Es gibt Hähnchen, Nudeln, Gemüse, Hackfleisch mit Paprika und Fruchtsalat. Auf dem Lieferwagen der Gruppe prangt die Aufschrift: „Liebe ist die wichtigste Zutat.“

Es gibt für alle genug zu essen. Doch zuerst spricht Abbott ein Gebet: „Wir sind alle Kinder Gottes, in seinen Augen ist niemand besser als die anderen. Amen.“ Dort, wo sonst privilegierte Touristen unter Palmen sitzen, genießen nun die Obdachlosen ihr Abendessen.

„Keine Polizei heute, die haben uns verpasst“, sagt Abbott mit einem Lächeln. Schon 2001 hatte er einen Rechtsstreit mit der Stadt ausgefochten. Es sei sein gutes Recht, die Menschen am Strand zu versorgen, sagt er. Keine 45 Minuten später ist alles aufgegessen. Die Helfer entsorgen den Müll, nichts bleibt zurück.

Weder Abbott noch Bürgermeister Seiler wollen nachgeben, die Gerichte werden die Frage klären müssen. Abbott drohen für jede Verletzung der Verordnung 500 Dollar (etwa 400 Euro) Geldstrafe und 60 Tage Gefängnis.

Fort Lauderdale, etwa 55 Kilometer nördlich von Miami, gilt wegen seiner Wasserwege als das Venedig der USA. Die Stadt ist reich, liegt am Wasser und kämpft mit einer zunehmenden Zahl an Obdachlosen.

Der Organisation sei ein Ersatzort für die Speisung angeboten worden, doch dies lehnt Abbott ab. „Wir sind hier und wir bleiben hier, solange ich noch einen Atemzug in mir habe“, sagt er. Am kommenden Mittwoch, dem Tag vor dem Thanksgiving-Feiertag, will er wieder Essen verteilen. Auch die Obdachlosen sollen den traditionellen Thanksgiving-Truthahn genießen können.

dpa

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