Überforderung und Hilflosigkeit

Wenn Eltern zu Tätern werden

Verden - Misshandelte und zu Tode geprügelte Babys und Kleinkinder sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Die Taten schockieren nicht nur Nachbarn und Freunde. Oft ist es Überforderung und Hilflosigkeit, die Eltern zu Tätern macht.

Manche Babys schreien und schreien und schreien - bis die Eltern selbst nur noch schreien könnten. Sie finden kaum noch Schlaf, tragen das weinende Kind stundenlang auf dem Arm herum. Sie wiegen es, sie singen. Doch nichts hilft. Irgendwann kommt der Punkt, an dem nichts mehr geht. Statt Mutter- oder Vaterliebe spüren die Eltern nur noch Erschöpfung und Wut. Manche holen sich Hilfe. Andere rasten aus, wie die Staatsanwaltschaft auch im Fall eines getöteten Säuglings aus Schwanewede in Niedersachsen vermutet.

Die 33-Jährige steht derzeit wegen Totschlags und der Misshandlung Schutzbefohlener vor dem Landgericht Verden. Nach einem Streit mit ihrem Mann soll die Frau ihre drei Monate alte Tochter zweimal mit dem Kopf gegen eine Wand geschlagen haben. Als das Baby aufhörte zu atmen, schüttelte sie es nach Angaben der Staatsanwaltschaft kräftig durch. Das Mädchen starb später im Krankenhaus.

Außenstehende sind fassungslos angesichts solcher Brutalität. Doch dass Eltern ihre Kinder zu Tode schütteln oder misshandeln, kommt immer wieder vor. Im vergangenen Jahr kamen in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamtes 113 Kinder unter sechs Jahren gewaltsam ums Leben. Mehr als 1700 wurden misshandelt. In vielen Fällen sind die Täter in der Familie zu finden. Meist ist Überforderung die Ursache, darin sind sich die Experten einig.

„Ein schreiendes Kind, ständiges Schlafdefizit und Konflikte mit dem Partner können einen an den Rand bringen“, sagt die Juristin Theresia Höynck von der Uni Kassel, die viel zu Kindstötungen geforscht hat. Mit solchen Belastungen umgehen, kann nicht jeder. Besonders schwer fällt das Menschen, die aus einem zerrütteten Elternhaus kommen, die als Kind selbst misshandelt oder vernachlässigt wurden und jetzt alles besser machen wollen. „Sie haben sich wer weiß was ausgemalt und sehen sich in der Realität mit ganz anderen Dingen konfrontiert“, meint Universitätsprofessorin Höynck.

Frust statt Familienglück kann sich nach der Geburt eines Babys schnell einstellen. Das weiß auch Stephanie Glaubitz aus jahrelanger Erfahrung als Hebamme in Langenhagen bei Hannover - und als Mutter. „Es ist das unstillbare Schreien des Babys, das einen fertigmacht. Man bezieht das Weinen sehr auf sich, und das schlägt in Aggression um.“ Glaubitz selbst wusste sich bei ihrer ersten Tochter eines Nachts nicht mehr zu helfen. Deshalb fuhr sie mit ihr in eine Kinderklinik.

Überfordert kann sich jeder mal fühlen - sogar Experten wie Glaubitz. Wichtig ist, dass die Betroffenen das rechtzeitig erkennen und sich Hilfe holen. Seit fünf Jahren arbeitet Glaubitz als Familienhebamme. Sie betreut Babys im ersten Lebensjahr, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen: bei denen die Eltern Drogen nehmen, psychisch krank, arm oder alleinerziehend sind.

Sie kontrolliert, dass die Kinder gut versorgt werden. Sie vermittelt Therapien, organisiert Krankengymnastik oder Besuche bei einer Krabbelgruppe. Doch das Wichtigste ist: „Ich arbeite an der Bindung zwischen Mutter und Kind. Denn da stimmt oft was nicht.“

dpa

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