WHO-Erklärung mit weitreichenden Folgen 

Ebola ist Internationaler Gesundheitsnotfall

Genf - Um die bislang schwerste bekannte Ebola-Epidemie einzudämmen, greift die WHO zu ihrem stärksten Instrument und ruft den Internationalen Gesundheitsnotfall aus.

Damit kann die Organisation nun völkerrechtlich verbindliche Vorschriften zur Bekämpfung der Epidemie erlassen. Bis zum 6. August wurden der WHO von den betroffenen Ländern 1779 bestätigte sowie Verdachtsfälle gemeldet, 961 Menschen starben.

Alle Staaten seien verpflichtet und dringend aufgerufen, stärker an der Eindämmung der Seuche in Westafrika mitzuwirken - mit Geld, Medikamenten, medizinischen Einrichtungen und Fachkräften. Eine Ausbreitung auf andere Teile der Welt müsse unbedingt verhindert werden, sagte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, Margaret Chan, am Freitag in Genf. Die betroffenen Länder bräuchten umfangreiche Hilfe. „Sie haben einfach nicht die Kapazitäten, mit einem Ausbruch von dieser Größe und Komplexität fertig zu werden.“

Ärzte ohne Grenzen kritisieren zögerliche Reaktion

„Ebola zum Internationalen Gesundheitsnotfall zu erklären, zeigt, wie ernst die WHO den Ausbruch nimmt; aber Statements retten keine Leben“, erklärte Bart Janssens, Einsatzleiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, in einer Reaktion. Seine Organisation wiederhole seit Wochen immer aufs neue, wie „händeringend nötig“ eine massive Reaktion dafür sei, Leben zu retten und die Epidemie abflauen zu lassen. „Es hat Leben gekostet, dass zu langsam gehandelt wurde.“ Ärzte ohne Grenzen sei mit mehr als 670 Helfern im Einsatz. „Alle unsere Ebola-Experten sind mobilisiert, wir können schlichtweg nicht mehr tun.“

Die EU kündigte an, ihre Finanzhilfe um weitere acht Millionen Euro auf insgesamt 11,9 Millionen Euro aufzustocken. Zudem soll ein zweites mobiles Labor für Gesundheitstests in die Region entsandt werden, wahrscheinlich nach Sierra Leone.

Die WHO-Chefin war mit ihrer Entscheidung einer Empfehlung des WHO-Notfallkomitees gefolgt. Die Viren- und Seuchen-Experten waren nach zweitägigen Beratungen am Donnerstagabend einstimmig zu dem Schluss gekommen, dass die Einstufung als Notfall unumgänglich ist.

Möglich wären laut den 1969 von den WHO-Mitgliedstaaten vereinbarten Internationalen Gesundheitsvorschriften nun unter anderem Quarantäne-Maßnahmen wie die Schließung von Grenzen sowie Einschränkungen im internationalen Reiseverkehr. Bislang seien aber keine generellen Verbote im Reiseverkehr oder im internationalen Handel erforderlich, heißt es im Empfehlungskatalog des Notfall-Komitees.

Flugzeuge aus Nigeria werden kontrolliert

Alle Staaten sollten vorbeugende Maßnahmen treffen, um Ebola-Fälle rasch erkennen und Infizierte isolieren und behandeln zu können, hieß es von der WHO. Dazu gehöre die Untersuchung von Reisenden aus Ebola-Regionen etwa an Flughäfen und Grenzübergängen. Am Frankfurter Flughafen bekommen Passagiere aus dem von Ebola betroffenen Nigeria Info-Material ausgehändigt, das sie über die Krankheit und ihre Symptome informiert. Die Lufthansa fliegt täglich von Frankfurt aus zwei Ziele in Nigeria an: Lagos und Abuja.

„Regierungen sollten auch auf die Rückführung von Bürgern vorbereitet sein, die möglicherweise Ebola ausgesetzt waren, darunter zum Beispiel medizinisches Personal“, hieß es bei der WHO weiter.

Keine Angaben zum Zustand des spanischen Ebola-Erkrankten

Wie es dem ersten nach Europa geflogenen Ebola-Kranken geht, wurde am Freitag nicht bekannt: Auf Wunsch des 75-jährigen Geistlichen machten die Behörden in Spanien keine Angaben. Miguel Pajares war mit einer Maschine der spanischen Luftwaffe aus Liberia nach Madrid geflogen worden.

Zusammen mit dem Geistlichen war eine spanische Nonne von Monrovia in die spanische Hauptstadt gebracht worden. Bei der 65-Jährigen wurde bisher keine Ebola-Infektion festgestellt. Die Frau soll nach Angaben der Ärzte aber weiter in Quarantäne bleiben und in der kommenden Woche erneut untersucht werden.

Ebola-Risiko in Europa sehr gering

Mehrere Behörden und Institutionen betonten am Freitag erneut, dass den Menschen in Europa durch Ebola keine Gefahr drohe. Das Risiko für Bürger in der EU sei „äußerst gering“, teilte der EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg in Brüssel mit.

Angespannt blieb die Lage in den betroffenen Ländern. In Liberia wurden Checkpoints eingerichtet, Soldaten hielten Fahrzeuge an und forderten die Fahrer auf, nicht in Richtung Hauptstadt weiterzufahren, berichtete die Zeitung „Front Page Africa“. „Armeeleute haben uns angehalten“, sagte eine 40-jährige Geschäftsfrau. „Sie sagten, niemand fährt hier weiter.“ Mit der von Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf ausgerufenen „Operation White Shield“ soll die Ausbreitung der Seuche eingedämmt werden.

Zweiter Ebola-Fall in Saudi-Arabien?

In Saudi-Arabien gab es Berichte über einen zweiten möglichen Ebola-Fall. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wird ein Patient, der mit dem am Mittwoch verstorbenen Saudi Kontakt hatte, im König-Fahd-Krankenhaus in Dschidda behandelt. Das Ministerium wies Gerüchte lokaler Medien zurück, es handele sich um eine Ebola-Infektion. Man werde die Öffentlichkeit in „voller Transparenz“ informieren, hieß es.

Von der Ebola-Epidemie sind derzeit Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria betroffen, den Notstand haben bisher nur Liberia und Sierra Leone ausgerufen. Es ist erst das dritte Mal, dass die WHO-Seuchenexperten für die Ausrufung eines Internationalen Gesundheitsnotfalls stimmten. Im Mai 2014 hatte die WHO wegen der Ausbreitung von Polio in Pakistan und Afghanistan zu dieser Maßnahme gegriffen, zuvor 2009 wegen der Ausweitung der Schweinegrippe.

Führende britische Virenforscher, darunter der in Großbritannien arbeitende belgische Ebola-Entdecker Peter Piot, fordern den Einsatz von noch in der Erforschung befindlichen Medikamenten gegen das Virus. Vereinzelt seien solche Mittel bei Patienten in westlichen Ländern bereits eingesetzt worden, Betroffene in afrikanischen Ländern sollten diese Möglichkeit auch haben, heißt es in ihrem Statement. Die WHO will in der kommenden Woche mit Medizin-Ethikern über einen Einsatz solcher kaum geprüften Mittel in Westafrika beraten.

dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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