Gespräche mit der Arbeitsagentur - Was wir wissen und was nicht

Vorerst keine Kurzarbeit in Baunatal: Lieferstopp trifft VW generell hart

Der Lieferstopp zweier Teilehersteller wirbelt Großteile der Produktion bei VW durcheinander. Welche Folgen dies für den Standort Baunatal hat, ist nicht endgültig klar.

In Emden, Wolfsburg, Zwickau, Kassel, Salzgitter und Braunschweig können insgesamt 27.700 Mitarbeiter teils noch bis Ende August nicht so arbeiten, wie es eigentlich geplant sei.

So soll es in Baunatal weitergehen

Aufgrund des Zulieferstreits wird es im VW-Werk Kassel in Baunatal am Dienstag noch keine Kurzarbeit geben. Das sagte Werksprecher Heiko Hillwig soeben im Gespräch mit der HNA. Im Moment gehe er davon aus, dass es dazu nicht komme. Es liefen noch Gespräche zwischen dem Betriebsrat und der Arbeitsagentur, so Hillwig. Betroffen von Lieferengpässen mit Teilen sind nach Angaben des VW-Konzerns im Werk Kassel der Getriebebau und die Abgasanlagenfertigung mit rund 1500 Mitarbeitern. Bislang wurde der Stopp in der Produktion durch die herkömmlichen Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter ausgeglichen. Ob es ab Mittwoch zu Kurzarbeit kommt, ist aktuell unklar. Von Donnerstag an sollen wegen fehlender Zulieferungen Teilbereiche der Getriebe- und Abgasfertigung geschlossen werden.

Schwierige Situation im gesamten Konzern

"Durch einen Lieferstopp, den externe Lieferanten ausgelöst haben, ist die Versorgung der Produktion mit Bauteilen mehrerer Volkswagen-Werke unterbrochen", teilte VW am Montag in Wolfsburg mit.

Zuletzt aktualisiert um 16.33 Uhr

Der Autobauer sprach von "Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit". Die weitere Entwicklung sei "nicht absehbar", schrieb das Unternehmen. "Volkswagen versucht weiterhin, eine Einigung mit den Lieferanten herbeizuführen." Die Probleme in den Werken reichen zeitlich vom 18. August für das Passat-Werk in Emden bis hin zum 30. August für das Motoren-Werk in Salzgitter.

Über alle Standorte hinweg seien folgenden Modelle und Produkte betroffen: Von der Golf- und Passat-Fertigung über den Bau von Getrieben und Abgasanlagen über die Motoren bis hin zur Fahrwerkteile- sowie Kunststoffteilefertigung.

Die meisten Mitarbeiter sind mit rund 10.000 Menschen in Wolfsburg betroffen. Ein Emden sind es 7500, in Zwickau 6000, in Kassel 1500, in Salzgitter 1400 und in Braunschweig 1300.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur mühen sich der Autobauer und die Lieferanten vom frühen Montagnachmittag an am Verhandlungstisch um einen Ausweg.

Allgemeine Informationen zum VW-Werk in Baunatal finden Sie in unserem Regiowiki.

 

VW-Streit mit Zulieferer: Was wir wissen - und was nicht

Es ist ein beispielloser Machtkampf zwischen dem Weltkonzern Volkswagen und zwei Zulieferern. Die Folgen des Lieferstopps werden immer deutlicher, vieles in dem Konflikt aber ist noch unklar.

WAS WIR WISSEN:

- Weil zwei Zuliefererfirmen wichtige Teile nicht liefern, ruht bei Volkswagen die Produktion mancher Modelle. Betroffen sind nach Konzernangaben mehrere VW-Werke - alle voran das Stammwerk Wolfsburg mit der gestoppten Produktion des wichtigsten Modells Golf. Für insgesamt 27.700 Mitarbeiter seien "Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit" ergriffen worden.

- Bei den Zulieferern handelt es sich um die sächsischen Firmen ES Automobilguss und Car Trim. ES stellt Getriebeteile her, Car Trim Sitzbezüge. Sie gehören zur Prevent-Gruppe.

- VW ist bei den Komponenten, die nun nicht mehr geliefert werden, offensichtlich von den Zulieferern abhängig - vor allem bei dem wichtigen Getriebeteil. Nach dpa-Informationen hat sich VW bei dem Teil für das Erfolgsmodell Golf in weiten Teilen auf nur einen Zulieferer verlassen. Das Prinzip ist in der Branche bekannt als "Single Sourcing" (Einzelquellenbeschaffung).

- Volkswagen hat vor Gericht bisher Erfolge errungen. Das Landgericht Braunschweig erließ einstweilige Verfügungen, welche die Lieferanten zur Wiederaufnahme der Belieferung verpflichten. Im Fall des Getriebe-Lieferanten findet am 31. August eine Verhandlung über einen Widerspruch der Firma statt

- Trotz der ersten Erfolge könnte VW allerdings mit den einstweiligen Verfügungen in der Hand frühestens Ende dieser Woche seine Ansprüche per Gerichtsvollzieher durchsetzen und die Teile holen lassen. Vorher steht nämlich noch eine finale Entscheidung des Gerichtes aus, das aktuell auf eine Stellungnahme der VW-Gegenseite wartet.

- Für Kunden kann es laut VW zu Verzögerungen bei der Auslieferung ihrer bestellten Fahrzeuge kommen - Einzelheiten sind nicht bekannt.

WAS WIR NICHT WISSEN:

- Wie lange der Streit noch andauert, ist nicht vorauszusagen. Es laufen Verhandlungen über eine gütliche Einigung - Ausgang offen.

- Die genauen Ursachen des Streits sind unklar. Die Absage eines Zukunftsprojektes mit Car Trim soll zumindest eine Wurzel der Querelen sein. Nach dpa-Informationen war VW dabei prinzipiell zu einem finanziellen Ausgleich bereit. Aber die Forderungen des Zulieferers sollen unrealistisch gewesen sein. Beide Parteien wollen sich offiziell nicht äußern. Warum die Lage eskalierte, ist unklar.

- Die Zulieferer argumentieren, VW zwinge sie zu dem Lieferstopp, da der Autobauer "frist- und grundlos" Aufträge gekündigt habe und einen finanziellen Ausgleich dafür ablehne. Es geht dabei um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag. Der Lieferstopp geschehe zum Selbstschutz und im Kampf um die Zukunft der eigenen Mitarbeiter.

- Ob hinter dem Konflikt eigentlich ein Preiskampf steht, ist unklar - darüber wird aber spekuliert. Wegen der immensen Belastungen durch den Abgasskandal muss der Konzern einen Sparkurs vor allem bei der renditeschwachen Konzern-Kernmarke VW verschärfen.

- Unklar ist die Höhe des Schadens für Volkswagen durch den Produktionsstopp. Dies hängt wesentlich davon ab, wie lange der Konflikt noch andauert. Welche mittel- und langfristigen Folgen der Streit für die Komponentenstrategie bei VW hat, ist offen.

Aus unserem Archiv

Fotos: Baunataler VW-Geschichte von 1958 bis 1998

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