Dirk Ippen über die deutsche Industrie – im Schraubstock der Koalitionsverhandlungen

Dirk Ippen

Geht es nach den Verhandlungsführern von Schwarz-Rot, dann dürfen künftig in der Industrie sogenannte Werkverträge nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung der Betriebsräte abgeschlossen werden.

Die Kanzlerin hat damit kein Problem, denn – so meinte sie vergangene Woche vor Arbeitgebern – in der Vergangenheit sei damit häufig Missbrauch getrieben worden. Was unsere Landesmutter als Bestrafungsaktion verharmlost, ist in Wahrheit ein Schlag gegen zwei Grundlagen der freien Wettbewerbswirtschaft: Gegen das Prinzip der Arbeitsteilung und gegen den Kernbereich freier unternehmerischer Entscheidungen. Schon Adam Smith hat am Beispiel einer Nagelfabrik nachgewiesen, dass der Wohlstand, den die Bürger in freiheitlich wirtschaftenden Ländern genießen, auf der Teilung von Arbeit beruht. Ein guter Unternehmer wird niemals das selber fertigen, was andere, die darauf spezialisiert sind, besser machen können.

In der heutigen komplexen industriellen Fertigung ist es dazu notwendig, nicht nur einfach Werkteile von Zulieferern einzukaufen, sondern zuliefernde Firmen müssen mit ihrem Spezialisten-Team durch Werkverträge direkt eingebunden werden in den Produktionsprozess des Auftrag gebenden Unternehmens. Unsere hochsensiblen technischen Produkte, auf denen unsere Wettbewerbsstärke auf den Weltmärkten beruht, stellen eine elektronisch gesteuerte Einheit dar, die weit mehr ist als das frühere Zusammenbauen verschiedener zugelieferter Teile vor dem elektronischen Zeitalter. Diese Zusammenhänge sind offenkundig und auch jedem bekannt. Wenn daher die Politik nun solches Zusammenarbeiten verschiedener Firmen mit ihren jeweiligen Arbeitnehmern unter einem Dach von der Zustimmung der Gewerkschaften oder Betriebsräte abhängig macht, dann geht es in Wahrheit nicht um den Schutz vor Missbrauch, sondern darum, die Macht der Gewerkschaften auf den Kernbereich der unternehmerischen Entscheidungen auszudehnen. Wir befinden uns dann mitten in einer gelenkten Wirtschaft, die auf Dauer weder wettbewerbsfähig noch wohlstandschaffend sein kann.

Die Politiker, die zur Zeit in Berlin die neue deutsche Wirtschaftsverfassung aushandeln, glauben offenbar, unsere Wirtschaft sei so stark, dass man gefahrlos Vertragsfreiheit und unternehmerische Entscheidungen in ein Rätesystem überführen kann. Dabei geht die Exportwirtschaft jetzt schon auf dünnem Eis.

Deutschland war einmal das Land, in dem sozusagen alles erfunden und gebaut wurde, von der Chemie über die Pharmazie, den Maschinenbau bis zur Nachrichtentechnik. Von all diesem schönen Glanz ist in Wahrheit, wenn es um Führerschaft auf den Weltmärkten geht, vor allem noch die Automobilindustrie übrig geblieben.

Schlimmeres steht bevor, denn die Energiekosten sind in Deutschland schon heute doppelt bis dreimal so hoch, als z.B. an der Westküste der USA. Die großen deutschen Industriekonzerne wollen diesem Land treu bleiben, obwohl ihre wichtigsten Märkte längst im Ausland liegen. Die Mischung aus überhöhten Energiekosten und schwindender unternehmerischer Entscheidungsfreiheit wird aber langfristig dazu führen, dass sie immer mehr im Ausland investieren müssen, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen.

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