Kritik wird lauter

Blitzer-Flut in Deutschland - nur Abzocke?

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Die Kritik gegen mehr Blitzer-Marathons in Deutschland wird lauter.

München - Die Polizei will mehr, mehr, mehr - der Online-Automobilclub "mobil in Deutschland" spricht von "Abzocke": Blitzermarathons in Deutschland. Die Gegner zweifeln am Sinn der Radar-Flut.

Rotlicht aus allen möglichen Ecken: Beim Blitzmarathon im vergangenen Oktober hat die Polizei erstmals zur gleichen Zeit überall im Bundesgebiet Jagd auf Raser gemacht. Von Seiten der Polizei war die Begeisterung danach groß: Beim ersten deutschlandweiten Blitzmarathon waren zehntausende Schnellfahrer erwischt worden. Die "Jagd auf Raser" erfolgreich - also weitermachen: Die Polizeigewerkschaft will beim Verkehrsgerichtstag auf Wiederholungen der Aktion drängen. Das stößt nicht nur auf Gegenliebe.

"Geblitzt wird, wo viel zu holen ist"

Der Online-Automobilclub "mobil in Deutschland" (der sich selbst ADAC-Alternative nennt) wird noch deutlicher:  „Das Ganze ist absoluter Humbug und reine Abzocke“, kritisiert der Vorsitzende Michael Haberland.

Würden es Polizei, Kommunen und Behörden ernst meinen, dann müssten sie dort kontrollieren, wo erstens viel passiert und zweitens dort, wo „schwächere“ Personen am Verkehr teilnehmen und gefährdet sind. Als Beispiel nennt der Club Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser, Altenheime etcetera. Genau das passiere aber nicht.

Geblitzt wird laut "mobil in Deutschland" vor allem an Einfall- und Ausfallstraßen, auf Autobahnen und auf sehr verkehrsreichen Straßen. Eben da, wo viel von den Autofahrern zu holen sei. Blitzen in Deutschland habe mittlerweile längst einen Selbstzweck: Geldeinnahme und Abzocke.

Der Bußgeld-Katalog für Temposünder

Bußgeld für Temposünder
Verwarnungsgeld, Bußgeld, Punkte oder Fahrverbot - Temposünder müssen mit einer Strafe rechnen. © dpa
Bußgeld für Temposünder
Wer in der Stadt 70 km/h zu viel auf dem Tacho zahlt 680 Euro, kassiert vier Punkte in Flensburg und drei Monate Fahrverbot.  © dpa
Bußgeld für Temposünder
Der Bußgeld-Katalog © dpa
Bußgeld für Temposünder
Der Bußgeld-Katalog © dpa
Bußgeld für Temposünder
Das Geld liegt auf der Straße: Kritiker halten viele Radarfallen, besonders außerhalb von Gefahrenstellen, für Abzocke. „Bundesweit erwarten Kommunen für 2013 Blitzer-Einnahmen von mehr 600 Millionen Euro“, so Torsten Florian Singer, Sprecher der Initiative gemeinsam gegen Blitzerabzocke.   © Initiative gemeinsam gegen Blitzerabzocke
Uhu
Tausende Autofahrer sind 2012 auf einer Eifeler Landstraße in eine Radarfalle gerauscht und wurden bestraft. Eine Tempo-Sünderin klagte zwar erfolgreich gegen die Radarfalle, doch zum Schutz der nachtaktiven Uhus, die in Felsen an der Straße leben, gilt für Autofahrer mit Einbruch der Dämmerung und nachts Tempo 50 und tagsüber Tempo 70. © dpa
Das Warnen vor stationären Radarfallen ist nach der Straßenverkehrsordnung in Deutschland verboten. Auch bei Navigationsgeräte mit Warnfunktion droht eine saftige Strafe. Das Verbot gilt nach Angaben des ADAC für klassische Warngeräte und auch für Navigationsgeräte oder Mobiltelefone, die vor Blitzern warnen.
Das Warnen vor stationären Radarfallen ist nach der Straßenverkehrsordnung in Deutschland verboten. Auch bei Navigationsgeräte mit Warnfunktion droht eine saftige Strafe. Das Verbot gilt nach Angaben des ADAC für klassische Warngeräte und auch für Navigationsgeräte oder Mobiltelefone, die vor Blitzern warnen. © dpa
moderne Blitzer-Anlage
Wer trotz dieses Verbots ein solches Gerät betriebsbereit an Bord hat, begeht eine Ordnungswidrigkeit und muss mit einem Bußgeld von 75 Euro und vier Punkten in Flensburg rechnen. © dpa
Lichthupe
Das Warnen anderer Verkehrsteilnehmer mittels Handzeichen oder Schildern ist grundsätzlich nicht verboten. Sollten andere Verkehrsteilnehmer aber behindert oder abgelenkt werden, kann die Polizei das Warnen untersagen. Die häufige Praxis, mit der Lichthupe auf Blitzer aufmerksam zu machen, ist allerdings nicht erlaubt und wird mit einem Bußgeld von zehn Euro bestraft. © dpa

In einer Online-Unfrage des Automobil-Clubs sei außerdem herausgekommen, dass 97 Prozent der Autofahrer glauben, dass Radarkontrollen ganz andere Zwecke verfolgen.

Skeptisch ist auch Verkehrsgerichtstag-Präsident Kay Nehm, der das Thema auf die Tagesordnung gesetzt hat. Blitzmarathons sind für ihn eher „symbolische Handlungen mit begrenzter Wirkung“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur dpa.

Auf Kritik stoßen Überlegungen zu weiteren bundesweiten Blitzeraktionen auch beim Automobilclub von Deutschland (AvD). „Das ist eine reine PR-Kampagne“, sagt Sprecherin Cathrin von der Heide. „Wir befürworten zwar Tempokontrollen vor Schulen und Kindergärten oder an Zebrastreifen. Was ein Blitzmarathon dagegen über den Tag hinaus bringen soll, erschließt sich nicht.“

Bessere Methoden als Blitzer-Marathon

Trotz seiner Skepsis mag Verkehrsgerichtstag-Präsident Nehm dies so nicht gelten lassen. Ein Blitzmarathon könne immerhin dazu beitragen, das Raserei-Problem ins Bewusstsein zu rücken. Er sei allerdings für eine andere Methode, um Temposünder zu stoppen, sagte der frühere Generalbundesanwalt: Die sogenannte Section Control, deren Einführung der Verkehrsgerichtstag bereits 2009 empfohlen hatte.

Anders als bei normalen Radarfallen, die nur an einem Punkt das Tempo messen, wird dabei eine längere Strecke kontrolliert und ein Durchschnittstempo ermittelt. „Ich glaube, damit erreicht man viel mehr als mit symbolischen Handlungen wie dem Blitzmarathon.“

dpa/kg

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