Tarnung und Täuschung

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Erlkönig bei der Testfahrt: Audi A1 getarnt vor der Markteinführung dieses Jahr.

Sie sind die Stars der Autoszene: Nicht Supersportler oder Designstudien finden bei PS-Fans die größte Beachtung - die Erlkönige sind es, bei denen die Speicherkarten der Digitalkameras überlaufen.

Schließlich sind diese Prototypen die Vorboten neuer Modelle, die oft erst in zwei bis drei Jahren zu den Händlern kommen. Sie sind entsprechend selten, werden gut bewacht und gelten als streng geheim. Kein Wunder also, dass da bei den Fotografen von Fachpresse und Konkurrenz bisweilen der Jagdinstinkt erwacht. Denn: Der natürliche Feind des Prototypen ist der PS-Paparazzi.

“Wer fährt da so rasch durch Regen und Wind?“ - Was nach Goethes “Erlkönig“-Ballade klingt, ist der Zeitschrift “auto motor und sport“ aus dem Jahr 1952 entnommen. Erlkönig nannten die Journalisten damals erstmals ein bislang unbekanntes Automodell, das heimlich auf öffentlichen Straßen getestet wurde. Ein Passant hatte das Fahrzeug fotografiert, sein Bild wurde in der Zeitschrift veröffentlicht. Die Verse beschrieben dem Leser, was zu sehen war.

Warum die Hersteller so ein Geheimnis machen? Weil sie nicht vorzeitig alle Trümpfe eines neuen Modells ausspielen wollen. Außerdem muss man bisweilen auf den Abverkauf der aktuellen Generation Rücksicht nehmen und darf deshalb nicht zu früh von den Vorzügen des Nachfolgers sprechen. Weil jedoch nicht alle Tests in den geheimen Entwicklungszentren absolviert werden können, müssen die Erlkönige spätestens zwei Jahre vor dem Serienstart auch in die freie Wildbahn - und schützen sich dort mit einem speziellen Tarnkleid. Für diese Camouflage beschäftigen die Autohersteller eigene Spezialisten, die sich ausschließlich mit Tarnen und Täuschen beschäftigen.

Im „Streifenhörnchen“ auf Testfahrt: Opel-Testfahrer mit einem Prototyp des neuen Astra

Bei Opel zum Beispiel sind das mehr als zehn Experten, die zuletzt den neuen Astra bewusst schmucklos und verwechselbar eingekleidet haben. Dicke Folien, wie sie in Grün oder Blau auch die Polizei verwendet, sollen das Inkognito wahren. Nur mit den Aufklebern, die im Hitzetest bei plus 70 Grad ebenso gut sitzen müssen wie in der arktischen Kälte, ist es aber nicht getan. Alle wichtigen Konturen werden mit Schaumstoffpolstern kaschiert, Fensterlinien werden unkenntlich gemacht oder Scheinwerfer überklebt.

Vor allem bei Autos mit auffälligen Karosseriemerkmalen greifen die Tarner in die Trickkiste. Um die Konkurrenz beim neuen Z4 etwa möglichst lange über den Wechsel vom Stoff- auf ein Metalldach im Unklaren zu lassen, hat BMW besonders das Verdeck des Roadsters unkenntlich gemacht. Dazu dienten Kunststoffplanken und bunte Folien.

Psychedelische Kringel auf dem Blech: Solche Muster wie hier beim BMW X1-Testwagen sollen es Erlkönig-Jägern erschweren, Proportionen und Linien der neuen Modelle zu erkennen.

Auch Anbauteile helfen beim Tarnen und Täuschen: Fremde Markenzeichen, Rückleuchten aus dem Baumarkt, unförmige Rucksäcke oder absichtlich falsch montierte Türgriffe sollen Industriespione und Fotografen in die Irre führen. Selbst auf die Kennzeichen ist kein Verlass. Im Gegenteil: Autos mit Stuttgarter Zulassung kommen in der Regel genauso wenig von Mercedes wie Münchner von BMW. Früher waren Tarnfolien einfach mattschwarz. Doch mit der wachsenden Leistungsfähigkeit elektronischer Bildbearbeitungsprogramme und der besseren Auflösung von Digitalkameras mussten sich die Entwickler immer mehr einfallen lassen. Opel setzt auf ein schwarz-weiß kariertes Rautenmuster. Deshalb heißt der noch geheime neue Astra „Streifenhörnchen“. Bei BMW gibt es ein Muster, das an Hippie-Kunst im Drogenrausch erinnert: Prototypen wie der X1 sind über und über mit psychedelischen Kringeln beklebt, die den Geheimnisjägern das Leben möglichst schwer machen sollen.

osw/dpa

ERLKÖNIG - BALLADE VON GOETHE

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

 Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
 Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. 

 „Du liebes Kind, komm geh’ mit mir!
Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
In dürren Blättern säuselt der Wind. 

 „Willst feiner Knabe du mit mir geh’n?
Meine Töchter sollen dich warten schön
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.

"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. 

 „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leids getan.

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not,
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang von Goethe 1782

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