Mit 433 Stundenkilometern nach Darmstadt

Weltweit kann nur auf deutschen Autobahnen das Gaspedal ohne Bedenken bis zum Anschlag durchgedrückt werden. Doch auch in Deutschland wird auf immer mehr Abschnitten ein Tempolimit eingeführt.

In Bremen gilt seit 2008 sogar eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung. Was Umweltschützer freut, ist der Autoindustrie ein Dorn im Auge. Allerdings gibt es für alle Autofahrer einen guten Grund, nicht schneller als 130 Stundenkilometer zu fahren.

Seit fast 80 Jahren hält der Kasseler Rennfahrer den offiziellen Rekord: Mit seinem Grand-Prix-Rennwagen Mercedes-Benz W 125 fuhr er am 28. Januar 1938 auf der Autobahn von Frankfurt nach Darmstadt 432,7 Stundenkilometer – die schnellste je auf einer öffentlichen Straße gemessene Geschwindigkeit. Bis heute gibt es für Autobahnen in Deutschland nur die Richtgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometer und kein allgemeines Tempolimit. Damit steht Deutschland auf der Welt ziemlich alleine da.

In Europa brauchen sich auf Autobahnen sonst nur die Bewohner der britischen Insel Isle of Man keine Gedanken um ihre Geschwindigkeit zu machen – das höchste der Gefühle im Rest Europas sind 140 Stundenkilometer in Bulgarien und Polen. Weltweit gesehen existieren auch in Nepal, Myanmar, Burundi, Bhutan, Afghanistan, Nordkorea, Haiti, Mauretanien, Somalia, Libanon und einigen indischen Bundesstaaten keine Tempolimits. Wer allerdings einmal die Straßen in diesen Ländern erlebt hat, weiß, dass dort die Schlaglöcher die Geschwindigkeit von alleine drosseln.

Allerdings werden selbst in Deutschland immer mehr der insgesamt 25.690 Autobahnkilometer „begrenzt“. Laut den aktuellsten Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Jahr 2008, gilt auf rund 27 Prozent ein generelles Tempolimit, 65,5 Prozent hingegen sind "frei". Die restlichen 763 Kilometer entfallen auf temporäre Beschränkungen wie zum Beispiel bei Nässe oder ab 22 Uhr zum Lärmschutz der Anwohner. Experten vermuten, dass sich das Verhältnis in den letzten neun Jahren allein durch die flexiblen elektronischen Geschwindigkeitsanzeigen deutlich zugunsten der geschwindigkeitsbegrenzten Seite verschoben haben dürfte.

Im Bundesland Bremen herrscht auf den rund 60 Kilometern Autobahnstrecke seit 2008 sogar ein generelles Tempolimit von 120 Stundenkilometern. „Dies ist ein guter Tag für die Verkehrssicherheit und ein Signal für den Umwelt- und Klimaschutz“, sagte der damalige Bremens Verkehrssenator Dr. Reinhard Loske nach seiner Unterschrift. Zwar war von der Regelung nur das sechs Kilometer lange Teilstück der A 27 betroffen, da für die restlichen Streckenabschnitte bereits vorher Geschwindigkeitsbegrenzungen galten. Doch die Zahl der Befürworter eines allgemeinen Tempolimits in Deutschland wird größer.

Umweltschützer wie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland verweisen darauf, dass allein durch ein Tempolimit von 120 Stundenkilometern jährlich vier von den 2016 rund 906 Millionen Tonnen CO2 gespart werden würden. Zudem fördere ein generelles Tempolimit die Abrüstung der Pkw-Flotte und damit die Durchsetzung sparsamerer Motoren. Wenn darüber hinaus in Autos immer zwei Personen sitzen würden, wäre die Fahrt sogar klimaverträglicher als eine Bahnreise. Da derzeit das Auto nur zu 30 Prozent und die Bahn nur zu 42 Prozent ausgelastet sind, schneidet der Reisebus im Umweltvergleich aktuell am besten ab.

Solange sich keine Partei mit der Autolobby oder den 18 Millionen ADAC-Mitgliedern anlegt, darf auf deutschen Autobahnen also weiterhin gerast werden. Als Rennstrecke dürfen die Straßen allerdings nicht genutzt werden. Dennoch veranstalten zunehmend selbsternannte deutsche oder ausländische Rennfahrer illegale Autorennen. Obwohl die Polizei diese Rennen inzwischen verstärkt beobachtet und hohe Bußgelder verhängt, kommt es in Deutschland immer wieder zu Toten und Verletzten. Nicht nur aus diesem Grund sollten sich auch Feierabend-Raser lieber an die Richtgeschwindigkeit halten.

Denn wer deutlich schneller als 130 Stundenkilometer fährt, muss bei einem Unfall mit einer Mitschuld von etwa 30 Prozent rechnen. Laut Gesetzgeber erhöht sich aufgrund der Geschwindigkeit die von einem Fahrzeug ausgehende Betriebsgefahr. Im Zweifel muss folglich der Schnellfahrer beweisen, dass der Unfall auch passiert wäre, wenn er sich an die Richtgeschwindigkeit gehalten hätte – sonst trifft ihn nach allgemeiner Rechtsauffassung automatisch eine Teilschuld. Auf der anderen Seite dürfen Autofahrer aber auch nicht zu langsam fahren. „Gegen die Straßenverkehrsordnung verstößt auch“, erklärt Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa „wer ohne triftigen Grund durch Langsamfahren den Verkehr behindert.“

Rubriklistenbild: © dpa

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