Test: Moto Guzzi V85 TT

Mittelklasse heißt nicht mittelmäßig

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Die V85 TT ist kein Sprinter, sondern ein Gleiter.

Die Moto Guzzi V85 TT ist ein Erfolgsmodell für die Marke – und zwar zu Recht. Wir haben sie ausführlich getestet.

Es ist gefühlte Lichtjahre her, dass von einem Modell der Marke Moto Guzzi innerhalb von weniger als sechs Monaten in Deutschland mehr als 500 Einheiten verkauft werden konnten; auch in Italien wird mit gut 1.000 Verkäufen der erst im März präsentierten V85 TT ein Zulassungsrekord für die Marke vom Comer See registriert. Die einzige Mittelklasse-Reiseenduro mit Kardanantrieb des gesamten Marktes hat ganz offensichtlich ins Schwarze getroffen. Obwohl sie nicht besonders kräftig motorisiert ist – oder möglicherweise weil sie mit ihren 59 kW/80 PS einen nur mittelstarken Antrieb aufweist? Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht.

Die Moto V85 TT ist kein Sprinter, sondern ein Gleiter

Sowohl die Motor-Charakteristik als auch die relativ lange Übersetzung der Gänge eins und zwei dämpfen das Temperament ein wenig. Wer auf gebirgigen Strecken mehr als nur flott unterwegs sein will, kann freilich auch das: Er muss dann aber den luftgekühlten Zweizylindermotor stets bei Laune, sprich auf Drehzahl halten. Dann ist spürbar, dass 80 Pferdestärken bei einem Fahrzeuggewicht von etwa 350 Kilogramm – Fahrer und Gepäck sind mitgerechnet – ungefähr einem 1,5 Tonnen-Pkw mit 400 PS entsprechen. Da geht schon was…

Die lange Übersetzung des zweiten Ganges stellt im Wesentlichen nur in einer Situation einen Nachteil dar: Das zügige Herausbeschleunigen aus engen Serpentingen erfordert das Zurückschalten in die erste Fahrstufe. Weil die Gangwechsel leicht vonstattengehen und auch sehr präzise erfolgen, ist das allerdings nicht mehr als Jammern auf hohem Niveau. Ansonsten beeindruckt der höchst vibrationsarme Lauf des neu entwickelten V2-Motors, der niemals ein Kribbeln in Lenker, Fußrasten oder Sitz aussendet. Auch seine Drehfreude gefällt: Erst bei 7.000 U/min. signalisiert ein Schaltblitz, dass der Fahrer den nächsthöheren Gang einlegen sollte.

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Moto Guzzi V85 TT: Beeindruckende Reichweite durch wenig Verbrauch

Überaus beeindruckend ist die Reichweite der V85 TT, deren Ursache sowohl im recht großen 23 Liter-Tank wie auch im geringen Benzinverbrauch begründet ist: Wir haben 450 Kilometer ohne Nachtanken zurückgelegt – und das bei keineswegs zurückhaltender Fahrweise! Es ist keine Kunst, den Normverbrauch im Landstraßenbetrieb um etwa einen halben Liter pro 100 Kilometer zu unterschreiten. Ein wenig Vorsicht ist dann beim Nachtanken angesagt, denn der Tank neigt zum Spritzen.

Sehr vergnüglich gestaltet sich das Fahren der Moto Guzzi V85 TT: Die Fahrwerksauslegung ist agil, so dass Kurvenwedeln leicht von der Hand geht. Auch kräftige Schräglagen genießt der Fahrer, weil die Guzzi stabil ums Eck fegt und nicht zum Kippeln neigt. Zudem gibt sich das Fahrwerk schluckfreudig, denn auch sehr schlechte Passagen führen nicht zum Durchschlagen der Federung. Verschiedene Schweizer Baustellen-Sektionen ohne Asphalt ließen sich problemlos mit nahezu normalem Reisetempo absolvieren. Der neu entwickelte Michelin Adventure bietet aber nicht nur besten Grip, sondern auch eine vorzügliche Nässehaftung. Egal ob bei feuchter Straße oder im kräftigen Regen: Es war ausnahmslos Wohlfühlen angesagt. Die Traktionskontrolle der Guzzi bekam kaum einmal zu tun, und zwar nicht nur im Regenmodus, sondern auch im normalen Road-Modus.

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Moto Guzzi V85 TT: Jammern auf hohem Niveau

Untadelig ist der Geradeauslauf der V85 TT bei Autobahnfahrten. Wir trieben die 850er bis auf 195 km/h, ohne dass Unruhe ins Fahrwerk kam. Nur der Drehzahlbegrenzer verhinderte noch höhere Tempi. Deutlich wird auf der Bahn allerdings, dass der Windschild in seiner Basisausführung nicht der Weisheit letzter Schluss ist: Ab etwa Tempo 100 wird es zunehmend laut am Helm. Zwar lässt sich der getönte Schild in recht engen Grenzen verstellen, doch benötigt das Werkzeug und zumindest eine Viertelstunde Zeit. Eine einhändig bedienbare Verstellmöglichkeit der Scheibe wäre ein großer Fortschritt. Was der größere Zubehör-Windschild bringt, konnten wir nicht ausprobieren.

Es sind nur Kleinigkeiten, die der Moto Guzzi V85 TT eine herausragend gute Note verwehren: Dazu gehören etwas unglücklich designte Lenkerschalter, der bereits erwähnte Windschutz sowie eine gewisse Durchzugsschwäche bei niedrigen Drehzahlen. Mehr ist nicht an Kritikpunkten festzuhalten, denn alles andere – Motor, Getriebe, Fahrwerk samt Bremsen, Sitzposition, Sitzqualität, Reifen sowie auch Gepäcktransportmöglichkeiten – bietet ein hohes Niveau. Auch das Konnektivitätssystem MIA funktioniert problemlos, die in Verbindung mit einer App gegebene Pfeilnavigation auf dem Display ist sogar ausgesprochen gelungen. Insofern macht niemand, der sich zum Kauf einer Moto Guzzi V85 TT entschließt, einen Fehler. Im Gegenteil: Käufer erhalten eine unterhaltsame, niemals fordernde, aber viel gebende Mittelklasse-Reiseenduro von angemessenem Gewicht und gut nutzbarer Leistungsstärke. Die 1921 gegründete Marke Moto Guzzi darf sich insofern von Herzen auf ihren 100. Geburtstag freuen, denn von so guten Verkaufszahlen wie für die V85 TT gab es aus Mandello del Lario schon seit ewigen Zeiten nichts zu berichten.

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Ulf Böhringer/SP-X

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