Fahrbericht

Polestar 2 und VW ID.3 – jetzt kommen die Tesla-Schrecks

Der Polestar 2
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Fahrdynamisch ein Hochgenuss. 408 PS aus zwei Elektromotoren powern den Polestar in 4,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100.

Der Markt für Elektro-Autos wird immer spannender. Mit dem Polestar 2 und dem VW ID.3 bekommt der Tesla 3 jetzt richtige Gegner. Wir sagen, was die beiden Stromer können.

  • Der Polestar 2 schafft 470 Kilometer Reichweite und lädt in 40 Minuten auf.
  • Der günstigste VW ID 3 kostet dank der E-Prämien knapp 22.000 Euro.
  • Schöner und besser fahren - darum kann sich der Tesla 3 warm anziehen.

Vorbei sind die Zeiten, als der Tesla 3* einsame Elektro-Runden drehen durfte. Zwar schwammen im bislang nur zaghaft boomenden Elektro-Markt schon Renault Zoe, Nissan Leaf & Co mit - aber erst mit den neuen Modellen von Polestar und Volkswagen kommt Bewegung in die Sache. Der VW ID.3 ist seit Montag bestellbar, die ersten Liefertermine sollen im Oktober sein. Schon im August rollt der Polestar 2 zu seinen Kunden. Der Zeitpunkt ist enorm wichtig, schließlich wollen alle Käufer ja auch noch von der ermäßigten Mehrwertsteuer profitieren. Und die gilt ja voraussichtlich nur bis Jahresende. Beim Polestar ist schon Eile angesagt. Wer jetzt bestellt, bekommt sein Auto erst im November.

Polestar 2 und VW ID.3 sind im Anmarsch

Flotte Kiste aus Wolfsburg - zumindest beim Aussehen kann der ID 3 punkten.

Die Chancen, dass ID.3 und Polestar 2 zu Gamechangern im zähen deutschen E-Auto-Markt werden, sind nicht gerade klein. Der Volkswagen-Stromer zielt auf die breite Masse ab, das günstigste Modell wird es schon für rund 22.000 Euro geben, wenn man die Prämien abzieht, und schafft immerhin auch schon bis zu 330 Kilometer Reichweite. Die üppig ausgestattet Erst-Edition mit 420 Kilometern Reichweite kostet knapp unter 30.000 Euro. Mit dem Polestar 2 soll hingegen die Premium-Kundschaft angesprochen werden. Für einen Preis von knapp 48.000 Euro bekommt man dann allerdings eine sportliche Luxuslimousine im schicken Skandinavien-Design.

Schön sieht er ja aus, der Stromer von Volkswagen. Und das Innenleben ist auch nicht von schlechten Eltern. Modern, fast schon avantgardistisch, wie wir bei einer ersten Stitzprobe bei der IAA in Frankfurt feststellen durften. Wie gut der ID.3 von Volkswagen tatsächlich ist, wird sich aber erst in der nächsten Woche zeigen, dann sind erste Testfahrten mit dem Wolfsburger Stromer möglich. Wir werden berichten. Mit dem Polestar durften wir schon einige Testrunden drehen.

Die Zukunft fährt mit. Futuristisch und minimalistisch präsentiert sich das Cockpit des VW ID.3.

Polestar 2 schafft rund 470 Kilometer mit einer Ladung

Vielleicht hat der Name ja eine tiefere Bedeutung. Polestar heißt die neue E-Marke von Volvo und Geely (China). Wenn Elektro-Autos tatsächlich helfen sollten, die Umweltprobleme zu lösen und die damit einhergehende Pol-Schmelze zu verhindern - dann ist der Polestar 2 vielleicht einer der Stars. In Schweden entwickelt, in China gebaut – die Limousine ist ein voll alltagtaugliches Elektro-Auto für fünf Passagiere mit ordentlich Platz für Gepäck. Und das Beste ist: Man muss es nicht andauernd aufladen. 470 Kilometer Reichweite dürften für eine Durchschnittswoche reichen.

Goldene Bremssättel von Brembo gehören ebenso wie goldfarbene Sicherheitsgurte zur 5.900 Euro teuren Performance-Ausstattung.

Es sei denn, man gibt sich den Verlockungen der beiden E-Motoren hin und genießt Elektro-Power pur. 408 PS und ein sofortiges Drehmoment von 660 Newtonmetern machen so manchen Gegner der Verbrenner-Fraktion nass. 4,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100 sind ja auch kein Pappenstiel. Überholen auf der Landstraße wird schon fast zur Sucht. Die beiden E-Maschinen auf Vorder- und Hinterachse haben immer ausreichend Kraft-Reserven und treiben alle vier Räder an. Dass das Fahrverhalten dabei an das eines ausgeprägten Sportwagens erinnert, liegt an der guten Gewichtsverteilung von fast 50:50 und an dem messerscharf eingestellten Fahrwerk. Manch einem mag es vielleicht zu hart vorkommen, aber es passt gut zur dynamischen Grundausrichtung des Polestar 2. 

Polestar 2 verfügt über One-Pedal-Driving

Wie bei Elektro-Autos üblich kennt das Getriebe nur einen einzigen Gang. Das ermöglicht das so genannte One-Pedal-Driving. Wer es nicht kennt: Wenn man vom Gas - pardon, Strom - geht, bremsen die E-Motoren automatisch das Fahrzeug ab. Mit dem Vorteil, dass diese Energie nicht wie bei herkömmlichen Autos verloren geht, sondern zurück in den Akku fließt. Pedal wieder drücken und schon entwickeln die E-Motoren wieder ihren unwiderstehlichen Vorwärtsdrang. Mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl für die Bremswirkung der E-Motoren und wundert sich, dass man das eigentliche Bremspedal fast überhaupt nicht mehr braucht.

Eigenwillig aber schön ist der Schaltknüppel, mit dem man die verschiedenen Fahrstufen des Polestars bedient.

Passend zum Thema: One-Pedal-Driving, Rekuperation und Co.: Welche Begriffe Sie als E-Auto-Fahrer unbedingt kennen sollten.

Nicht mehr nötig ist auch ein Schlüssel, um das Auto aufzusperren. Einfach den Türgriff berühren - Sesam öffne Dich. Soweit so bekannt, da das auch andere Hersteller machen. Das Zündschloss? Fehlanzeige. Aber im Polestar 2 gibt es noch nicht mal mehr einen Startknopf. Sobald der Fahrer sitzt, und die Sensoren das an das System gemeldet haben, kann es losgehen. Fahrstufe auf D - der Polestar rollt leise los. Easy entry, easy drive. Beim Aussteigen das gleiche Spiel. Parkstufe einstellen. Türe schließen. Automatisch begibt sich das Auto in den Ruhe-Modus.

Der Innenraum des Polestar 2

Aufgeräumt und übersichtlich präsentiert sich die Instrumententafel. Mittig der riesige Infotainment-Bildschirm.

Auch bei den Instrumenten setzt der Polestar 2 auf Minimalismus. Das TFT-Display mit den wichtigsten Fahrdaten befindet sich dort, wo üblicherweise der Tacho sitzt, und glänzt durch Übersichtlichkeit. Der Hauptbildschirm liegt wie mittlerweile üblich in der Mitte. Der viergeteilte Monitor spiegelt das Google-Entertainment-System. Als erster Hersteller überhaupt übernimmt Polestar die komplette Digital-Architektur des kalifornischen Suchmaschinen-Giganten. Google-Fans wird das freuen. Optimiert wurde das System um die speziellen Anforderungen von E-Autos. So zeigt Google Maps nicht nur Strom-Tankstellen an, sondern ändert die Routenführung selbstständig, wenn die Gefahr besteht, dass der Saft ausgeht. Dazu muss Google mit den entsprechenden Fahrzeugdaten verknüpft sein.

Goldene Sicherheitsgurte gehören ebenso wie goldfarbene Brembo-Bremsen zur 5.900 Euro teuren Performance-Ausstattung.

Auch bei der Sprachassistenz glänzt Google. Nicht ganz dialektfreies Hochdeutsch - kein Problem. Der nächste Weg zur Leberkäs-Semmel? „Noch 6,5 Kilometer, dann kommt links eine Metzgerei!“ Wie alt Bundeskanzlerin Merkel ist? „Gerade 66 geworden.“ Auf die Frage, was es Neues zu Donald Trump gibt, verweigert sich das System. Ob es nicht kann oder nicht will - das lassen wir aus politischen Gründen lieber mal dahingestellt.

Überzeugend klar und einfach - diese Philosophie zieht sich fast überall durch. Unter der Motorhaube wurde extra ein kleiner Kofferraum geschaffen, um die Ladekabel unterzubringen. Damit sie hinten beim Beladen nicht im Weg umgehen. Die seitlichen Schweller wurden so geformt, dass man beim Einsteigen nicht mit der Hose gegen das dreckige Auto stößt.

In den Kofferraum des Polestar 2 passen knapp über 400 Liter hinein. Vorne unter der Motorhaube gibt es auch noch separaten Platz für die Ladekabel.

Alles fein - warum man aber die schicken randlosen Seitenspiegel zu klein gemacht hat, versteht man nicht. Dass die C-Säule vermutlich wegen der großen ladefreundlichen Heckklappe die Sicht auf die hinteren Flanken fast unmöglich macht - geschenkt! Fürs Rangieren und Einparken gibt es ja die exakte und gut aufgelöste 360-Grad-Kamera auf dem Bildschirm.

Randlos und von daher megaschick sind die Seitenspiegel des schwedischen Chinesen. Allerdings sind sie zu klein geraten.

Auch interessant: Beim Kauf von E-Autos: Umweltbonus wird verdoppelt.

Da wiegt die fehlende Jalousie unter dem riesigen Panoramadach schon schwerer auf der Mängelliste. Zwar schützt das Glas vor UV-Strahlen, aber manche mögen einfach lieber einen dunklen Dachhimmel. Wie Polestar-Deutschlandchef Alexander Lutz jedoch einräumt, wird es das Rolleau geben nach der Launch-Edition. Verbesserungen verspricht er auch bei den Assistenzsystemen. Auf die Verkehrszeichenerkennung darf man sich nicht verlassen. Sonst wären wir auf der Autobahn mit Tempo 30 geschlichen, denn das wurde im Display angezeigt. Auch was die Lade-Performance und die Reichweite angeht - an Verbesserungen wird bei Polestar jetzt schon parallel heftig gebastelt und an Updates gearbeitet.

Das Polestar-Logo glänzt ganz zart auf dem Panoramadach, nachts soll es leuchten wie ein guter Stern.

Apropos Reichweite: Unsere Testfahrt über viel Land und Autobahn erstreckte sich zwar nur über 120 Kilometer. Von der ursprünglich angegebenen 420 Kilometern Reichweite verbrauchten wir aber 190. Wen das verwundert: Bei den Elektro-Autos ist es wie im richtigen (Verbrenner-)Leben. Wer zu oft auf die Tube drückt, den bestraft der Tankwart. In diesem Fall die Stromrechnung!

Fazit zum Polestar 2 und VW ID.3

Die Rücklichter als liegendes U. Wem das bekannt vorkommt, der hat recht. Sie erinnern an Volvo.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Mit dem Polestar 2 kommt Klasse in den Markt, mit dem VW ID.3 vielleicht sogar Masse. Am diesjährigen Ziel von 100.000 produzierten Autos hält Volkswagen jedenfalls fest. Vielleicht geht 2020 dann doch noch als das erste E-rfolgreiche Jahr in die deutsche Automobil-Geschichte ein. (Rudolf Bögel) *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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Datenblatt Polestar 2 (Standard-Ausführung)

Über 120 Kilometer führte die erste Ausfahrt mit dem Polestar 2. Autor Rudolf Bögel ist von diesem Elektroflitzer überzeugt.
Motor:Zwei Elektromotoren
Leistung:2 x 150 kW = 300 kW (408 PS)
Drehmoment:2 x 330 Nm
Antrieb:1-Gang-Getriebe, Allrad
0-100 km/h:4,7 Sekunden
Spitze:205 km/h
Akku:400 V Lithium-Ionen
Kapazität:78 kWh
Ladezeit:40 min DC 0 – 80 % (AC: 8 Stunden min.)
Normverbrauch (WLTP): 19,3 kWh/100 km
Reichweite kombiniert: 470 km
Reichweite Stadt: 560 km
CO2-Emission:0 g/km
Länge / Breite / Höhe:4,61 / 1,86 / 1,48 m
Leergewicht/Zul.:2.123 kg / keine Angaben
Anhängelast gebr.:1.500 kg
Kofferraum:405 (vorne 35 l) – 1095 l
Preis:ab 56.440 (noch keine Prämien abgezogen)

Datenblatt VW ID.3 (Basis-Variante)

Leistung:110 kw (150 PS)
Drehmoment:310 Nm
Antrieb:1-Gang-Getriebe
0-100 km/h:8 Sekunden
Spitze:160 km/h
Kapazität:45 kWh
Ladezeit:4- 6 Stunden (Wallbox), 10 Stunden für 100 km an der Steckdose
Reichweite kombiniert: 330 km
CO2-Emission:0 g/km
Länge / Breite / Höhe:4,26 / 1,81 / 1,55 m
Leergewicht/Zul.:1.720 kg
Kofferraum:385 - 1267 l
Preis:ab 29.900 (noch keine Prämien abgezogen)

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